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Jubel für Herbert Blomstedt und Peter Serkin

Reger und Beethoven im Großen Concert Jubel für Herbert Blomstedt und Peter Serkin

Max Regers ausuferndes Klavierkonzert und Ludwig van Beethovens heitere Sechste, die „Pastorale“ standen auf dem Programm der Großen Concerte dieser Woche. Am Flügel: Peter Serkin, am Pult des Gewandhausorchesters: Ehrendirigent Herbert Blomstedt

Peter Serkin, Herbert Blomstedt und das Gewandhausorchester im Großen Concert

Quelle: kfm

Leipzig. Wenn jemand so selbstverständlich, natürlich so unpathetisch dirigiert wie Gewandhaus-Ehrendirigent Herbert Blomstedt Beethovens Sechste in den ausverkauften Großen Concerten dieser Woche, darf es ruhig auch mal ein wenig pathetisch werden: Man musiziert nur mit dem Herzen gut.

In gut einem Jahr wird der vorletzte Gewandhauskapellmeister (1997–2005) 90. Zu diesem runden Geburtstag schenkt er sich und uns selbst noch einmal einen Beethoven-Zyklus mit seinem Orchester, den Accentus auch auf CD herausbringt. Nach der Neunten und der Zweiten liegt nun also die Sechste auf den Pulten. Nicht nur auf den neuen der Orchestermusiker, sondern auch bei Blomstedt. Aufschlagen muss er sie nicht, natürlich kennt er sie auswendig, bis in die feinste Verästelung der fünf Sätze hinein. Vielleicht liegt sie da damit der Name ihres Schöpfers auf der Titelseite seinen Geist über dieses Konzert bringe. Ludwig der Große lässt sich nicht lumpen und segnet eine sinfonische Sternstunde.

So hoffnungsvoll, optimistisch und untitanisch war er sonst kaum je, der Wiener Titan aus Bonn. Blomstedts Ansatz atmet folgerichtig ganz die Zuversicht des finalen Hirtengesangs: „Frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm“ steht darüber. Und diese lebensfrohe Dankbarkeit scheint ganz grundsätzlich die Musizierhaltung des alten Blomstedt zu durchleuchten. Wie da das Orchester in sanfter Idylle die Schönheit der Welt und des Lebens preist, nach dem durchaus dramatischen Gewitter des Vorgängersatzes, das findet ganz ohne Umwege den Weg in die Seelen der Zuhörer, die sich bereitwillig fallen lassen. Hier und da seufzt wer wohlig, entspannte bis beglückte Gesichter allüberall.

Nun ist das mit der Idylle so eine Sache bei Beethoven. Denn erstens ist ihr meist nicht zu trauen und zweitens ist ja auch die „Pastorale“ nicht in erster Linie Programm-, sondern absolute Musik. Doch ist dies bei Blomstedt kein Widerspruch. Die Naturlyrik vom „Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande“ über die „Szene am Bach“, das „Lustige Zusammensein der Landleute“ bis zu „Gewitter. Sturm“ und der gereinigten Luft danach findet unter seinem so spar- wie wachsamen Zeichengebung ganz wie von selbst ihre klassische Form.

Tatsächlich muss Blomstedt diesem Klangkörper nicht mehr viel zeigen. Die Musiker um Konzertmeister Sebastian Breuninger spüren, worauf er hinaus will, weil das Gewandhausorchester und der große US-Schwede längst zu einem musikalischen Organismus verschmolzen sind. Das war auch bei Blomstedts letztem Leipziger Beethoven-Zyklus so. Dennoch ging 2002/03 die Gleichung nicht ohne Rest auf – weil dem Orchester damals noch die perfektionistische Selbstverständlichkeit fehlte, die Riccardo Chailly dem Wohlklangkörper in den elf Jahren seiner Leitung anerzog. Nicht zuletzt mit seinem epochalen Beethoven-Zyklus.

Was die Musiker dabei lernten an Präzision, an Virtuosität, an Kommunikation, das legen sie nun Blomstedt zu Füßen. Und der überführt all das in reine, in vollkommen autonome Musik, in deren Angesicht Fragen nach ihren technischen Voraussetzungen, ihrer klanglichen wie stilistischen Grundierung zwar restlos beantwortet werden – aber unerheblich scheinen. Auch Beethovens Metronomzahlen, von denen Blomstedt bei aller Ruhe übrigens so weit nicht entfernt bleibt, verlieren alle Brisanz. Weil diese Schönheit sich in ihrer universalen Botschaft selbst genügt. Wer so frei atmend musizieren lässt, der hat das Paradies gesehen. Entsprechend reißt es die Leipziger, die ihren Blomstedt lieben wie keinen zweiten lebenden Dirigenten, in warmer Begeisterung von den Stühlen.

Auch vor der Pause ist der Jubel bereits erheblich. Was keine Selbstverständlichkeit ist. Denn im Rahmen der Leipziger Max-Reger-Festtage steht hier das Klavierkonzert des vor 100 Jahren in Leipzig gestorbenen Spätromantikers auf dem Spielplan. Dem Werk eilt ein unguter Ruf voraus. Pianisten meiden es wie der Teufel das Weihwasser, weil der Solo-Part bestialisch schwer ist und sehr undankbar. Dirigenten tun sich schwer, weil die kleinteiligen Wucherungen von Regers Durchführungs-Arbeit und seiner mäandernden Chromatik sich allzu leicht im amoprhen Strom der Töne verlieren. Das Publikum treibt die Sorge um, weil dieses Werk so lang sei.

Das indes ist es eigentlich nicht. Mit 40 Minuten Spieldauer bleibt es hinter den Werken von Johannes Brahms zurück, an dessen erstem Klavierkonzert Reger Maß nahm – um es zu übertrumpfen. Und gerade dieses Wollen steht dem Werk bis heute im Weg. Denn es ist zwar nicht so lang, aber es dauert länger. Weil Reger es selbst dem geübten Zuhörer verdammt schwer macht, ihm ins Unterholz seiner Erfindung zu folgen. Und wer einmal den Anschluss verloren hat, für den greift dann Camille Saint-Saëns’ bissiges Reger-Urteil „Das fängt nicht an, das hört nicht auf, das dauert nur“. Allerdings nicht so lange wie sonst. Denn Blomstedt und das Gewandhausorchester, vor allem aber Peter Serkin am Klavier, holen heraus aus diesem Anti-Konzert, was irgend herauszuholen ist.

Peter Serkin, Jahrgang 1947, weiß, was er diesem Werk schuldig ist, zu dessen wichtigsten Anwälten sein Vater Rudolf Serkin (1903– 1991) zählte. Es gelingt ihm, den Klaviersatz klanglich und kontrapunktisch aufzubrechen, ihm streckenweise sogar pianistische Qualitäten abzugewinnen. Manchmal, vor allem im Kopf- und im entrückten Mittelsatz, leuchtet es sogar sanglich heraus. Wenn es derzeit einer kann, dann er.

Dennoch bleibt das Problem, dass, spielen strukturell zwei Orchester auf Augenhöhe, das mit den Tasten gegen das andere oft keine Chance hat. Und so gilt zwar auch für Blomstedts kraftvoll sinnlichen, aber so feinnervig wie möglich ausgehörten Orchesterklang, was für Serkins Spiel gilt: Besser geht das nicht. Auch nicht schöner. Gemeinsam sind alle Akteure immer wieder für berückende, berührende, beeindruckende, auch beseelende Momente gut. Und dass sie sich immer wieder festfahren im professoralen Klein-Klein eines Komponisten, dem sein immenses handwerkliches Können gerade in der großen Form im Weg stand, dafür können diese Weltklasse-Interpreten nun wirklich nichts.

MDR Kultur strahlt den Mitschnitt des Konzertes am 24. Mai, ab 20.05 aus, zu einem späteren Zeitpunkt wird es auch auf Arte zu sehen sein.

P.S.: Liebe Halskranke: Wenn jemand immer mal wieder die Gelegenheit zum beherzten Abhusten einkomponiert hat, dann war das Max Reger. Es besteht also kein Grund, sich Erleichterung zu verschaffen, wenn es, was selten im konkreten Falle genug vorkommt, vorn gerade besonders zart zugeht.

 

 

Von Peter Korfmacher

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