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Jubel zum Abschluss der Stelzenfestspiele - Musikern des Leipziger Gewandhauses mit dabei

Jubel zum Abschluss der Stelzenfestspiele - Musikern des Leipziger Gewandhauses mit dabei

Kurz vor den 19. „Stelzenfestspielen bei Reuth“ hatte Intendant Henry Schneider einen Alptraum. „Wir stehen auf der Bühne und keiner kommt“, verriet er.

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Besucher der „Stelzenfestspiele bei Reuth“ haben in einem Strandkorb auf dem Grünen Hügel des kleinen Vogtlanddorfes Stelzen Platz genommen.

Quelle: dpa

Stelzen. Als das kultige Festival am Freitagabend begann, plagten ihn ganz andere Sorgen. Wo sollen die Massen hin? Die für 1000 Zuschauer ausgelegte Festspielscheune war rappelvoll, aber Hunderte standen noch draußen. Schneider ließ das hintere Scheunentor öffnen und gab dem Saal so neue Dimensionen.

Auf den Bänken drinnen rutschte zusammen, was zusammen gehört. Die Fangemeinde der Stelzenfestspiele hält eisern zusammen. Zwischen Einwohnern der 180-Seelen-Gemeinde an der sächsisch-thüringischen Grenze und Gästen haben sich Freundschaften gebildet. Einheimische sind Akteure des Festivals und zugleich Gastgeber für die Besucher, die aus ganz Deutschlands stammen - die Autokennzeichen belegen das. Freilich finden nicht alle 4000 Gäste in dem kleinen Dorf Platz.

Zum Auftakt erklang standesgemäß eine „Landmaschinensinfonie“. Die Klangperformance geht mit dem Werktitel 211/B7 in die Musikgeschichte ein. Erstmals ließen die Protagonisten um Klangkünstler Erwin Stache und Festspielintendant Henry Schneider eine Melkmaschine ertönen. Die mit Druckluft angeblasene Maschine erwies sich als Orgelwerk der besonderen Art und schien mit ihren illuminierten und beweglichen Greifarmen wie ein Insekt über den Köpfen des Publikums zu schweben.

Beim Finale bebte der Grüne Hügel von Stelzen vor Begeisterung. Auch zuvor hatte es wiederholt Szenenapplaus gegeben. Größeres Agrargerät wie Heuwender und Garbenbinder dienten diesmal nur als Dekoration. Immerhin sang Mezzosopranistin Kathrin Göring Bedienungsanleitungen von Landmaschinen. Ein Chor um Dorfpfarrer Gero Erber intonierte den Liebeslied-Klassiker „Je t’aime“ - der Wind aus Haartrocknern ließ dabei kleine, blecherne Wetterhähne durchdrehen.

Ferngesteuerte und meterlange Ziehharmonikas wanden sich wie riesige Würmer geräuschvoll vom Dach. Ein Didgeridoo wurde während des Spiels mit der Kettensägen zerkleinert. Hobby-Sänger Gerald Kaiser aus dem benachbarten Reuth interpretierte eine Arie aus Mozarts „Zauberflöte“. Im Duett mit Göring sang er zudem das berühmte Trinklied aus Verdis „La Traviata“. Der gelernte Kfz-Mechaniker Kaiser besitzt als Heldentenor in Stelzen Kultstatus.

Musikalisch bewegte sich die „Landmaschinensinfonie“ zwischen Mozart und Jazz. Die Jazzrockhymne „Birdland„ von Weather Report setzte den musikalischen Schlusspunkt und stellte zugleich einen Bezug zum Motto des Festival „Wetter und Verkehr“ her. Auch andere Aufführungen der Festspiele griffen das Thema auf. Das Ensemble Quadriga Consort aus Österreich trug beim Konzert in der Kirche britische Seefahrerlieder auf historischen Instrumenten vor.

Die chinesische Geigerin Zhi-Jong Wang sollte am Sonntagnachmittag auf einem Bauernhof Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ spielen. Meteorologe Jurik Müller referierte über „Bauernregeln und Klimawandel“. Die Ausstellung „Das blaue Band“ zeigte mit Fotos aus aller Welt, wo das Wasser nach dem Anstieg der Meeresspiegel in etwa 90 Jahren stehen wird. In der Exposition Fluidtechnik ließ die Ungarin Lená Kútvölgyi unter anderem Monsterwellen künstlerisch verfremdet auftauchen.

Beim Abschlusskonzert mit dem „Stelzenfestspielorchester“, das sich aus 80 Musikern des Leipziger Gewandhauses zusammensetzt, war am Sonntagabend ein weiterer Superlativ geplant. Dann sollte die größte spielbare Geige der Welt erklingen. Instrumentenbauer aus dem Vogtland hatten die knapp 4,30 Meter große Geige geschaffen. Auf Rat des anwesenden Meteorologen verlegte Schneider das Konzert von einer Waldlichtung in die trockene Festspielscheune.

Die „Stelzenfestspiele bei Reuth“ - Stelzen liegt in Thüringen, Reuth in Sachsen - beziehen sich mit ihrem Titel auf das nicht weit entfernte Bayreuth. Gewandhausbratscher Henry Schneider hatte das Festival 1993 gegründet. Heute gehört es zu den originellsten Festivals in Deutschland. Auch Medien aus dem Ausland berichteten schon über das musische Geschehen aus der ostdeutschen Provinz.

Jörg Schurig, dpa

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