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Judith Hermann stellt neues Buch in Leipzig vor

Erzählungen Judith Hermann stellt neues Buch in Leipzig vor

Kalt oder Kunstvoll? Die einen bejubeln Judith Hermanns Sprache, anderen ist sie zu reduziert. In ihrem neuen Erzählungsband „Lettipark“ bleibt die Berlinerin sich treu. Mit einer klaren, kargen, schönen Prosa und mit Geschichten, die auf vielen Ebenen halten, was die Sprache verspricht.

Winterliche Bilder, vielversprechende Schatten, Wege ins Ungefähre, auf denen die Menschen in Judith Hermanns Erzählungen sich oder einander verlieren.

Quelle: dpa

Leipzig. Der Lettipark war ein „gewöhnlicher, trostloser Park am Stadtrand, eine Brache, und es gab nichts zu sehen, verschneite Wege, ein verlassenes Rondell, Bänke und eine leere Wiese. Kahle Bäume, grauer Himmel, das war auch schon alles gewesen.“ Im Lettipark hat Elena ihre Kindheit verbracht, und Page Shakusky hat Elena geliebt und deshalb den Park für sie fotografiert. Schwarz und weiß und menschenleer. Er war „der Spur von Elenas Kindheit mit Andacht hinterhergegangen“. Es hat nichts genützt. Ihm nicht, ihr nicht. „Es kann genügen, ein Gesicht im Traum eines anderen gewesen zu sein“, schreibt Judith Hermann. Aber manchmal genügt es nicht.

„Lettipark“ ist die titelgebende Erzählung in Judith Hermanns neuem Buch, das sie am Donnerstag in Leipzig vorstellt. In 17 Geschichten setzt sie Menschen in Beziehungen zueinander, zu ihrer Vergangenheit, früheren Erwartungen. Sie markiert deren Wege ins Ungefähre, auf denen sie sich oder einander begegnen oder verlieren. Sie treten in Paarungen auf – sind als Freundinnen, Gefährten oder Eltern paarweise verschieden. Sie kennen ihre Abgründe, die eigenen wie die der anderen. Worum es geht, ist das Geräusch, das entsteht, wenn im Buch des Leben zurückgeblättert wird. Judith Hermann kann dieses Geräusch verstärken.

Den Film anhalten

Die Schriftstellerin wurde 1970 in Berlin geboren, lebt in Berlin, schreibt aber nicht mehr über Berlin. Die Koordinaten der Handlungsorte spielen keine Rolle, die Namen nur, wenn es Odessa sein soll oder ein Haus auf den Antillen. Als hätten die Menschen keine Wurzeln, sondern Wälder (und sei es ein Park), um sich zu verstecken, zu verlaufen. Die Geschichten wirken zeitlos. Gegenwart liegt nahe, weil Leute Ella und Carl heißen, Ada und Sophia, Elena und Rose, Tess und Nick.

Judith Hermann

Judith Hermann: Lettipark. Erzählungen. S. Fischer Verlag; 190 Seiten, 18,99 Euro

Quelle:

Philipp, ein Fotograf, ist schon 50, als er und Deborah versuchen, ein Kind zu adoptieren. Zu alt für eine deutsche Agentur. In Russland aber klappt es. In Russland finden sie Alexej, den sie Aaron nennen. Sie möchten eine Familie werden. Doch wer vermag schon in Köpfe und Herzen zu gucken. Philipp fotografiert eine Operation am offenen Gehirn.

Am Lagerfeuer hinter dem Circus-Wagen setzt sich ein kleiner Junge zu Ella. Sie weiß nicht, ob Carl zurückkommt. Sie weiß nicht, wer der Junge ist. Was dann passiert und – mehr noch – was nicht passiert, gehört zu dem, was Judith Hermanns Erzählungen ausmacht. Ihre Figuren setzt sie Situationen aus, die wie ein Film ablaufen, der mal hier, mal da angehalten wird, um diese oder jene Szene genauer zu betrachten, um die Haltlosen festzuhalten für einen Moment. Das kann ein Moment der Wahrheit sein, vielleicht aber auch nur der Schönheit, ein Zwischenstand: „Sie stießen auf nichts an, sie ließen das offen“.

Das funktioniert in den meisten dieser Kurzgeschichten sehr gut, da beeindruckt die Vielfalt der Möglichkeiten, die hinter dem Erzählten sichtbar werden, vor allem dann, wenn es keine halb verborgenen Hinweise gibt, der Finger nicht aufs Psychoanalytische deutet, das den Nachhall dimmt.

Dies gelingt Judith Hermann durch ihre Sprache. Schwer zu Ergründendes erscheint mal rätselhaft, mal nüchtern wie ein Bericht. Dafür ist sie bekannt seit dem Erzählungsband „Sommerhaus, später“ (1998). Dabei ist sie geblieben in „Nichts als Gespenster“ (2003) und „Alice“ (2009). Beschreibt sie Briketts, „gute Kohlen, kaum Bruch dabei“, entstehen Bilder. Steigt „der silbrige Kohlenstaub“ in die Luft, entfaltet sich ein Geruch. Dann wird Irgendwo zum Hier, Irgendwer rückt näher, Irgendwann gilt jetzt.

Blaugrau? Oder Graublau.

Früher waren die Sätze in Ziggys Büchern einfach, schreibt Judith Hermann: „Der Löwe traf den Hasen. Es war einmal ein König. Eines Tages wurde der Bär krank und blieb in seiner Höhle. Nichts leichter als das, sagte die Grille.“ Jetzt ist Ziggy acht Jahre alt, und die Sätze in seinen Büchern werden komplexer. Das heißt: Eigentlich werden sie nur länger. Und es werden mehr. Wie im Leben. Zum Beispiel Ricco, er redet viel zu viel, kommt nicht vorwärts dabei. Wenn Judith Hermann von ihm erzählt, macht sie nicht viele Worte. Umso schwerer wiegt jedes einzelne. Bei so viel Bedacht auf durchaus kunstvolle Reduktion ärgern Floskeln wie „es macht keinen Sinn“.

Patricia denkt, jeder einzelne Satz, den sie denkt, ist ein Abgrund. „Sage ich es so, oder sage ich es anders, oder sage ich es am besten einfach gar nicht. Blaugrau? Oder Graublau.“ Es ist aufregend, einzelne Buchstaben auf die Waagschale zu legen, auch „den Atem, den ich holen muss, um zu sprechen, den Schlaf, den ich brauche, um denken zu können“. Es ist auch anstrengend. „Wie gefährlich dieses Leben plötzlich wieder werden kann.“ Zum Glück.

Es bleibt ja dabei: Der Löwe trifft den Hasen, der kranke Bär bleibt in der Höhle. Die Grille aber macht es sich vielleicht zu leicht. Davon erzählt Judith Hermann. Klar und karg und schön.

Judith Hermann liest im Haus des Buches: am 2. Juni, 19.30 Uhr, Gerichtsweg 28; Karten (4/3 Euro) gibt es unter Tel. 0341 9954134 (Mo–Fr 9–15 Uhr) oder an der Abendkasse.

Von Janina Fleischer

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