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Jürgen von der Lippes Freude am Therapeutisch-Pädagogischen

Haus Leipzig Jürgen von der Lippes Freude am Therapeutisch-Pädagogischen

„Wie soll ich sagen ...?“, sagt Jürgen von der Lippe in seinem neuen Bühnenprogramm und sagt dann sehr viel Witziges und manchmal Peinliches – doch immer souverän und mit der inneren Ruhe des alten Hasen. Am Dienstag war er im Haus Leipzig zu erleben.

Souverän auf dem weiten Feld des Unterhaltungs-Humors: Jürgen von der Lippe.

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. Ein Abend „rund um die Sprache“ – und er beginnt mit einem Tarzan-Schrei. Am Dienstag stellte im ausverkauften Haus Leipzig Jürgen von der Lippe sein neues Programm vor. „Wie soll ich sagen ...?“ heißt es und lässt unter dem thematischen Deckmäntelchen der Sprachkritik in geradezu kuschligem Einvernehmen zueinander finden, was sich sonst eher meidet.

Schließlich sei sein Angebot ans Publikum, so Jürgen von der Lippe schon vor Jahren mal in einem Interview, die „Verbindung von Gelehrsamkeit und Obszönität“. Eine Verbindung, die auch jetzt in „Wie soll ich sagen ...?“ mehr ist als nur eine Zweckgemeinschaft. Mit quasi paartherapeutischen Händchen und der Souveränität des Routiniers versöhnt und vereint Comedy-Altmeister von der Lippe grobe (auch mal blöde) Zote und intelligenten Sprachwitz samt Partyspielchen mit Publikumsbeteiligung zu einem Programm, das gelegentlich zwar etwas piefig anmuten mag, sich dabei aber immer wieder als ziemlich pfiffig entpuppt.

Auch was das angeht, mag man von der Lippe gut und gern als Schlitzohr bezeichnen. Ein Terminus zudem, der angemessen altbacken ist für einen 65-jährigen Entertainer mit beeindruckend treuer Liebe zu geblümten Hawaii-Hemden („… das florale Design wird auch mindestens die nächsten zwei Sommer noch angesagt bleiben“).

„Intakte Jungfräulichkeit“

Sprachkritik, Gelehrsamkeit, Obszönität – und wie gut all das tatsächlich zusammengehen kann: Von den Erinnerungen an seine ostwestfälische Jugend und deren einschlägigen religiösen Prägungen („Ich habe mit der schützenden Hand der Kirche am Genital pubertiert.“) schlägt von der Lippe einen hübschen Bogen zum Kirchendogma der „virgo intacta“, also der „intakten Jungfräulichkeit“. Was natürlich eine Steilvorlage ist, sowohl für Gelehrsamkeit („intakte Jungfräulichkeit“ als Paradebeispiel für einen Pleonasmus) als auch (muss man es erwähnen?) fürs Zotige.

Ein weiteres Paradebeispiel für die Freuden fundierter Sprachanalysen bietet wiederum Heidi Klum. Die sei dafür ohnehin „interessant“, weil sie „so schön spricht“. Und dabei immer wieder gern „das Plusquamperfekt verwendet, wo das Präteritum hingehört“, wie von der Lippe süffisant ausführt, bevor er sich innehaltend ans Publikum wendet: „Aber warum bitte sehr, werden sie jetzt sicher fragen, regt das den dicken, alten Mann so auf? Na, weil der Lehrer war!“ Und ganz offensichtlich einer, der die deutsche Sprache liebte. Und liebt.

Es ist eine Liebe, die von der Lippe mit einiger Lust auslebt. Selbst noch als versierter Biertrinker, der weiß, dass Biersorten einsilbige Namen haben sollten, weil man sowas unsinnig Kompliziertes wie „Ur-Krostitzer“ ab einem bestimmten Alkoholpensum gar nicht mehr aussprechen, ergo kein weiteres Glas beim Wirt bestellen kann. Und selbst beim kalauernden Kurzschließen von Martin Schulz mit Chuck Norris, beim Kreieren absurder Machismo-Slogans, ist diese Lust spürbar. „Martin Schulz braucht kein Benzin – sein Auto fährt aus Respekt!“ Oder: „Martin Schulz hat die Bauleitung am Berliner Flughafen übernommen. Eröffnung morgen 5.30 Uhr!“

Wie bei Freunden

Doch, ist lustig. Auch, weil von der Lippe genau weiß, wie man derlei zu bringen hat. Pointen kommen da in aller Ruhe, die nicht nur, aber sicher auch mit der inneren Ruhe des alten Hasen zu tun haben („Älterwerden ist schön, man hat dann vielmehr Zeit“). Und mögen manche Witze auch mal so flach sein wie die Landschaft in Ostwestfalen, der Gestus abgeklärter Gelassenheit, der von der Lippe eigen ist, nicht zuletzt auch dieses angenehm unaufdringliche Idiom, mit dem er spricht, filtert aus dieser Flachheit die Peinlichkeiten doch weitgehend heraus.

Dass andrerseits – auch was Peinlichkeiten betrifft – von der Lippe ganz nach dem hippokratischen Eid des Humoristen verfährt, dem von Oscar Wilde formulierten Credo „Lieber einen guten Freund verlieren, als auf eine Pointe verzichten“, mag man ihm da kaum vorwerfen. Lacher einzufahren auf Kosten des sogenannten „guten Geschmacks“, der ohnehin Geschmackssache ist, ist für von der Lippe traditionsgemäß kein Problem. Und für sein Publikum auch nicht.

Wie paartherapeutisch souverän von der Lippe damit umzugehen vermag, zeigt sich, wenn er Gäste auf die Bühne holt. Da sitzen dann erst Petra und Peter mit Karla und Steffen, später dann André und Regina mit Hans und Anke in der Sitzgruppe vor Flipcharts und dürfen sich an Zungenbrechern und am Liederraten versuchen. Partyspiele wie unter von Eierlikör beschwipsten Freunden. Klingt piefig? Möglich. Trotzdem lässt sich über „Wie soll ich sagen ...?“ vor allem nur eins sagen: Es war schlicht ein lustiger Abend. Obszönität und Gelehrsamkeit inklusive.

Von Steffen Georgi

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