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Julia Wolfs Roman „Walter Nowak bleibt liegen“

„Literarisches Quartett“ Julia Wolfs Roman „Walter Nowak bleibt liegen“

Vor einem Jahr hat Julia Wolf in Klagenfurt den 3sat-Preis gewonnen. Damals las sie aus einem Manuskript, nun liegt der fertige Roman vor, am Freitag wird „Walter Nowak bleibt liegen“ im „Literarischen Quartett“ diskutiert.

Klagenfurt-Gewinner 2016: Stefanie Sagnagel (Publikumspreis), Sharon Dodua Otoo (Bachmannpreis), Julia Wolf (3sat-Preis) und Dieter Zwicky (Kelag-Preis).

Quelle: dpa

Leipzig. Am 5. Juli beginnt in Klagenfurt der 41. Wettbewerb um den Bachmannpreis. 14 Autoren sind eingeladen, sich live dem Jury-Urteil zu stellen und neben mehr oder minder angenehmen Erfahrungen einen der insgesamt sechs Preise mit nach Hause zu nehmen. Von manchen hört man danach nicht mehr viel.

Anders bei Julia Wolf. Sie hat vor einem Jahr den 3sat-Preis gewonnen für einen Text, der „Walter Nowak bleibt liegen“ hieß. Und so heißt auch der Roman, der im März erschienen ist – am Freitag wird er im „Literarischen Quartett“ vorgestellt und diskutiert. Dort steht er in einer Reihe mit Büchern von Lawrence Osborne („Denen man vergibt“), Oskar Maria Graf („Minutengeschichten“) und Maeve Brennan („Sämtliche Erzählungen“). Die Runde der Literaturkritiker Volker Weidermann, Christine Westermann und Thea Dorn erweitert dieses Mal der Schauspieler Ulrich Matthes.

Walter Nowak verliert die Kontrolle. Im Schwimmbad ist er mit dem Kopf gegen den Beckenrand geknallt. Nun liegt er, verletzt, in seiner Wohnung. Am Haken seiner Gedanken zappeln die Erinnerungen – weniger chronologisch als assoziativ, mehr fragend als bilanzierend. Julia Wolfs Roman ist das Porträt eines fast 70-Jährigen, ist auch das Psychogramm einer Vater-Sohn-Beziehung sowie das Beispiel einer Liebe und dann einer weiteren. Walter hat erst mit Gisela ein Kind und verliebt sich dann in die jüngere Yvonne. Nur jetzt ist sie nicht da, sondern auf einer Tagung mit ihrer Menschenrechtsgruppe.

Kein Erbarmen

Es ist kein spektakuläres Leben, das hier wie in letzten Bildern vorüberzieht, alles klingt nach einem Auseinanderleben. Der alte Mann und nicht mehr. Das Besondere daran ist die Form, ist die Sprache, in der die 1980 geborene Autorin ihren Ich-Erzähler reflektieren lässt. Brechende Gedanken stecken in brechenden Sätzen, von Pausen gehalten: „Kein Meister vom Himmel. Das habe ich mir anders.“ „Dabei habe ich doch ausdrücklich, ich möchte das nicht.“ „Rückblickend, vielleicht hätte ich ihm. Hinterhergehen sollen.“ Walter Nowaks Geschichte steht im Ungesagten, seine Vergangenheit in den Sternen und die Zukunft auf einem ganz anderen Blatt.

Im Strom der Gedanken treibt der verletzte Mann vorbei an Krankheit, Freundschaften, Missverständnissen und Trennungen bis zur Kindheit, er ist der uneheliche Sohn eines amerikanische Soldaten, und wieder zurück in die Gegenwart – zu denen, die er längst verließ. Jedes Mal, wenn ihm die Sinne schwinden, kehren sie zu einem früheren Ich zurück und bringen die Erkenntnis näher: „Alles geht seinen Gang, man ahnt nicht, wie glücklich man ist, dann stellt einer aus dem Nichts eine Frage, die falsche Frage, und etwas verschiebt sich, plötzlich ist alles vorbei.“

Auch im Rückblick gibt es kein Erbarmen. Doch Julia Wolf löst die Knoten, zu denen sie Walter Nowaks Seele windet, souverän. Damit wirkt dieser Roman ähnlich verstörend wie ihr Debüt „Alles ist jetzt“ aus dem Jahr 2015.

Walter Nowak bleibt liegen, einer Ohnmacht nahe, ohne das Bewusstsein zu verlieren. Julia Wolf schält aus der Sprache den Kern, gibt den Worten Klang und Gewicht.

„Das Literarische Quartett“: am Freitag, 16. Juni, 22.55 Uhr, ZDF;

Ingeborg-Bachmann-Preis: 5. bis 9. Juli im Klagenfurter ORF-Theater und live im Fernsehen auf 3sat; bachmannpreis.orf.at

Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen. Roman, Frankfurter Verlagsanstalt; 160 Seiten, 21 Euro

Von Janina Fleischer

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