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Julian Hetzel gastiert mit „I’m not here says the void“ in der Residenz

Schauspiel Leipzig Julian Hetzel gastiert mit „I’m not here says the void“ in der Residenz

Der Amsterdamer Performer Julian Hetzel hat zusammen mit Michele Rizzo die Inszenierung „I’m not here says the void“ erstmals nach Deutschland gebracht. In der Residenz des Schauspiels Leipzig verbindet der Abend bildende Kunst, Musik und Objekttheater zu einem alle Oberflächen und Gewissheiten hinterfragenden Bilderreigen.

Die Grenzen zwischen Mensch und Objekt zerfließen in „I’m not here says the void“.

Quelle: Bieke Vanhoutte

Leipzig. Die erste Irritation ist schon gesetzt, bevor ein Spieler auftritt, bevor das Bühnenlicht angeht in Julian Hetzels „I’m not here says the void“ („Ich bin nicht hier sagt die Leere“), das von Freitag bis Sonntag in der Schauspiel-Residenz gastiert. Eine Irritation, weil vor den Publikumsreihen ein Vorhang hängt, gut zehn Meter breit, über vier Meter hoch, ein typischer Theatervorhang, der Erwartungen auf das dahinter Verborgene schürt.

Doch genau hier, in der Residenz auf dem Gelände der Baumwollspinnerei, auf der Performance-Bühne des Schauspiels Leipzig, erwartet man keine Vorhänge. Erwartet man eher das Infragestellen der tradierten theatralen Verabredungen zwischen Kunst und Publikum. Und während man noch über die Rolle des Vorhangs rätselt, verkündet eine Computerstimme apodiktisch die Nichtexistenz des Vorhangs. Aha. Was dann, bitte? Hier sei nur ein „Stück schwarzer Stoff“, führt die Stimme aus. Und hat damit erstens recht und zweitens das gemächlich tastende, poetische Spiel um Bedeutungsebenen, Erwartungen, Leerstellen und reale und metaphorische doppelte Böden eröffnet.

Julian Hetzel arbeitet über Disziplingrenzen hinweg. Er hat Visuelle Kommunikation studiert und ist Mitbegründer der Leipziger Electronica-Band Pentatones. Einflüsse, die den Abend mit effektvollen Bildern und minimaler Elektronik-Musik prägen. Hetzel lebt in Amsterdam und „I’m not here says the void“, das in Leipzig in deutscher Erstaufführung zu sehen war, ist als sein Abschlussprojekt bei DasArts in Amsterdam entstanden. Erarbeitet in Kollaboration mit Michelle Rizzo. Und in der schnörkellosen Unaufgeregtheit und mutigen Langsamkeit erstaunlich reif für eine Abschlussarbeit.

Unter dem Vorhang verschwindet in langsamen Bewegungen Michele Rizzo. Es wirkt, wie allmählich eingesogen. Der Vorhang ist nicht nur ein Stück Stoff, er ist, wenn die Fantasie fließt, vielleicht schon Monsterschlund. Immer wieder findet der Abend die Nähe zum Objekttheater und haucht Gegenständen Leben ein. Im Kontrast dazu agieren die Performer mit ausdruckslosen Gesichtern. Und Chamäleons gleich verschmelzen sie, in das identische Steingrau des Möbels gehüllt, mit einem Sofa.

(Nicht-)Mimik und Kleidung lassen die Grenze zwischen Mensch und Objekt verschwimmen. Eine Plastikplane nimmt raschelnd Gestalt an, amorpher Nachbar Rizzos auf dem Sofa, der Versuch einer Kontaktaufnahme startet, schlägt fehl. Die Plane wird später Hetzel eng und skulptural umhüllen und unterschwellig eine weitere Dimension hinzufügen. Einen Moment, der das Theater aufhebt: Mensch und Folie treten aus der Repräsentation, der Symbolik, dem Resonanzraum für Assoziationen heraus, sind real. So wie der Hauch einer Sorge, weil eben jeder spätesten mit drei Jahren die Warnung verinnerlicht hat, dass das Spiel mit Plastiktüten über dem Kopf gefährlich ist.

Nicht jedes Bild fesselt in dieser Performance. Man mag sich dabei ertappen, wie die Gedanken spazieren gehen, sich vom Gegenstand lösen, eingelullt von Langsamkeit. Aber Hetzel und Rizzo setzen immer wieder neue Anknüpfungspunkte in ihrer düsteren Hinterfragung der Oberflächen, ziehen das Publikum spätestens in einer stillen und hoch komischen Zerlegungs-Zeremonie zu sich zurück. Wenn der Vorhang nur ein Stück Stoff ist, so ist ein Sofa nur ein Gebilde aus Holz, Metall, Polsterung, Überzug. Einzelteile, die bald auf der Bühne verstreut liegen. Aus dem zaghafte Zupfen an einem Faden entwickelt sich die komplette Zerstörung der Couch. Ausgeführt mit emotionslosen Mienen fern jeden Furors, woraus sich die Komik erst speist. Ein Objekt, abgespalten von seiner Funktion. Eine Tat, abgespalten von der dahinterliegenden Motivation.

Die Performance isoliert, spielt mit Codierungen und dem Übernatürlichen, sie entwirft Traumwelten. Und sie deutet dabei die Parallelen von mythischen Vorstellungen und moderner Technik in ihrer Wirkung auf den Menschen an, wenn elektronische Klänge brausen und eine blinkendes Schaltpult im Hintergrund bedient wird. Technik, die wir nicht verstehen, begegnen wir mit mythischen Erklärungsmustern. Oder warum sprechen so viele Menschen mit ihrem Auto und schlagen ihren Drucker?

Die performativen Bilder erlauben viele Interpretationsräume. Man muss nicht immer eintreten. Doch spätestens wenn im wunderbar traumverhangenen Finale – die Performer sind der Perfomance längst durch den Bühnenboden abhanden gekommen – zauberhaft schwebende, bedrohlich schwarze Quallenwesen auf das Publikum zutreiben, sind alle Gewissheiten, auf denen wir so sicher zu stehen glauben, beiseite gewischt.

Von Dimo Riess

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