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Kabale und Hiebe - Wie Sebastian Hartmann als Intendant des Centraltheaters scheitert

Kabale und Hiebe - Wie Sebastian Hartmann als Intendant des Centraltheaters scheitert

Sisyphos, hat Albert Camus in einem Essay geschrieben, müsse man sich als glücklichen Menschen vorstellen: sinnen, streben, ganz Aufgabe, möge er auch der Tyrannei der ewigen Wiederholung unterworfen sein – besser ein fragwürdiges Ziel als überhaupt keines.

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Sebastian Hartmann, Intendant des Leipziger Centraltheaters.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Hat Camus recht, wandelt Sebastian Hartmann, auch wenn er widersprechen würde, auf den Pfaden von Sisyphos.

Seit zwei Jahren ist er Intendant des Leipziger Centraltheaters, seit zwei Jahren lösen sich die Krisen ab, verschmelzen zu einem homogenen Gemenge, aus dem sich immer sichtbarer eine Erkenntnis formt: Es hätte bessere Kandidaten für die Nachfolge Wolfgang Engels gegeben. Aber auch: Man hätte gewarnt sein können. Hartmann war als Regisseur ein ästhetisch-dramaturgischer One-Night-Stand – wo er auftauchte, wurde man seiner schnell überdrüssig. Wenn man es positiv formulieren will: Als Intendant bleibt er sich treu.

Ein Reinfall

Hartmann hängt Artauds „Theater der Grausamkeit“ an, und er hängt an dieser Doktrin wie Sisyphos am Felsblock. Es ist eine Ideologie des Misserfolgs: Nur einmal, 1935, bot sich Artaud die Möglichkeit, sein Modell in der Praxis zu erproben. Seine Bühnenbearbeitung der „Cenci“ wurde ein Reinfall. Wo das Theater zur Kultstätte und der Regisseur zum Magier wird, rückt der Autor ins zweite Glied. Das beflügelt Allmachtsphantasien, degradiert Vorlagen und Schauspieler zur Verfügungsmasse, zumal wenn dazu eine typologische Vorprägung kommt. Zweifel an diesem Verdikt werden ausgeräumt, sobald man mit Hartmann über sein Ensemble redet. Genauer: Über jenes Fünftel, das zum Ende der Spielzeit Leipzig verlassen hat, um die Ungewissheit, mitunter die Arbeitslosigkeit einer Festanstellung am CT vorzuziehen.

Wer ihn etwa dazu befragt, warum mit Henrike von Kuick, Anita Vulesica und Ellen Hellwig die drei herausragenden Darstellerinnen nicht zu halten waren, muss sich auf Grenzerfahrungen einstellen. Nicht viel von dem, was Hartmann während dieser Gesprächspassagen bereitwillig über vermeintliche amouröse Ambitionen und den Drogenkonsum von Ensemble-Mitgliedern auf Band spricht, könnte veröffentlicht werden. Und noch weniger davon übersteht die Gegenrecherche: Unbeteiligte Zeugen quittieren Hartmanns Schilderungen mit allen Erscheinungsformen der Fassungslosigkeit.

Konfliktbewältigung  à la Hartmann

Episoden wie diese sind nur der Größenordnung, nicht aber dem Grundsatz nach eine Seltenheit. Hartmann setzt bei internen Konflikten auf den zermürbenden Guerillakampf, weil er die offene Meinungsschlacht scheut. In der Probenphase zum Musical „The Black Rider“ führte er hinter dem Rücken von Hausregisseurin Jorinde Dröse Einzelgespräche mit den Schauspielern, bis die in einer Ensembleversammlung dagegen aufbegehrten – worauf sich der Intendant abwandte und mit den Worten „Das ist jetzt nicht Thema“ den Raum verließ. Wenige Tage danach erklärte Dröse, nicht mehr unter Hartmann inszenieren zu wollen. Und weil bei dieser Experimental-Intendanz alles in den sakralen Mantel der vermeintlichen Zukunftsfähigkeit gekleidet ist, werden Kritiker nicht widerlegt, sondern bekämpft. Etwa, als Hartmann am 22. Juni die Belegschaft zu einer Vollversammlung lud, deren Verlauf später einer der Teilnehmer als „bizarr“ bezeichnen wird. Unvermittelt setzte Hartmann dabei zu einer mehr als einstündigen Tirade gegen Kulturbürgermeister Michael Faber an („Der hat mir auf der Straße nachgerufen, dass er mich nicht mag.“), nur unterbrochen von gelegentlichen Zwischenfragen.

„Castorf im Rosinenformat“

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Heike Makatsch spielte die Hauptrolle in "Paris, Texas", einer Bühnenadaption von Wim Wenders’ Film gleichnamigem Film. Hartmann bekam viel Kritik für seine Regiearbeit bei diesem Stück.

Quelle: dpa

Bis Schauspieler Berndt Stübner („Ich will hören, was Faber zu sagen hat.“) anregte, den Antipoden einzuladen, nur um dann für diesen Vorschlag seinerseits vom Kollegen und Hartmann-Getreuen Andreas Keller angegriffen zu werden – der innere Kreis der Zersetzung offenbarte erneut seinen Umriss. Längst haben deshalb in Leipzig die Aufführungen abseits des Spielplans unter dem ungefähren Arbeitstitel „Kabale und Hiebe“ den größeren Unterhaltungswert. Noch lästiger als der Kulturbürgermeister sind für Hartmann Kritiker aus den eigenen Reihen. Als Sewan Latchinian, Intendant der Neuen Bühne Senftenberg, im Dezember in der Zeit (Theater-Redakteur Peter Kümmel: „Wir haben Latchinian darum gebeten, er hat sich nicht an uns gewandt.“) die Defizite der bisherigen Hartmann-Intendanz offenlegte, unterstellte der Gescholtene seinem Kritiker Karrierestreben und beschwerte sich umgehend bei Kollegen über den Senftenberger. Erfolglos. „Der Artikel war kritisch, aber nicht bösartig. Ich werde mich davor hüten, Latchinian öffentlich zu maßregeln“, sagt Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theater Berlin, der auch von Hartmann angerufen wurde. Inzwischen häufen sich in den überregionalen Feuilletons die kritischen Stimmen, auch wenn die Homepage des Centraltheaters etwas anderes suggeriert. Faber-Vorgänger Georg Girardet haftete noch aus der Engel-Ära das Diktum an, er wolle wieder einmal über eine Leipziger Inszenierung in der Süddeutschen Zeitung lesen – eine Vorgabe, die Hartmann eingehalten hat: Zeigte man sich in München vom „Kirschgarten“ noch angetan, so erntete „Paris, Texas“ einen fulminanten Verriss, in dem viel von „Castorf im Rosinenformat“ und einem „präpotenten Jungenkonzept von Theater“, aber nichts von seiner angeblich so wegweisenden Bühnenästhetik zu lesen war.

Schlechtes Ergebnis

Auch anderweitig versprüht Hartmanns „Leipziger Handschrift“, die nicht nur beim gut bezahlten Theater-Praktikum von Heike Makatsch in ein unleserliches Gekrakel ausartet, eher begrenzten Charme. Als im Mai in Freiburg die Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins hinter verschlossenen Türen über innovative Theatermodelle beriet, erwähnte keiner der Diskutanten Hartmann oder das Centraltheater. Und bei der alljährlichen Spielzeitumfrage der Fachzeitschrift Die deutsche Bühne, deren Ergebnisse im aktuellen Heft vorgestellt werden, ging das Schauspiel ebenfalls leer aus. Die Redaktion befragte ihre 50 regelmäßigen Autoren, von denen keiner in den fünf für Sprechtheater möglichen Kategorien das CT benannte. Null von 250 möglichen Erwähnungen: ein Desaster, aber eines mit Anlauf.

Fragwürdiges Lob

Wenn Lob ausbleibt, wird zur Eigenhilfe gegriffen. Den dröhnenden Superlativ „Beste Gesamtleistung eines Theaters 2008/2009“ habe die Frankfurter Rundschau dem Schauspiel umgehängt, erfährt der Betrachter aus einem aufwendig produzierten Werbefilm, den Hartmann unverdrossen verteilen lässt. Nur allzu skrupulöse Zeitgenossen mögen sich daran stören, dass die Zeitung keine solche Einschätzung abgegeben hat und der Journalist, der dies angeblich in ihrem Namen getan haben soll, nicht für die FR schreibt. Die Welt als Wille und Vorstellung – in der Chefetage des Centraltheaters muss man Schopenhauer falsch verstanden haben. „Ideen, Logik, Wahrheit, Vernunft, alles schicken wir ins Nichts des Todes zurück“, umschrieb Artaud in „Die Nervenwaage“ die Prämisse seiner Theorie. Der Bühnenkünstler als Henker, als Totengräber aller Werte der Aufklärung – zu Recht wurde der notorisch erfolglose Theater-Visionär zu Lebzeiten weitgehend ignoriert. Im CT, wo man Artauds Konzept heute, acht Jahrzehnte und viele Gegenbeweise später, zum Heilsversprechen befördert hat, arbeitet Hartmann daran, diese Lehren zu verdrängen. Mit Erfolg: Die Gräber sind nicht zu übersehen.

*Martin Eich (Jahrgang 1974) ist Theaterkritiker und Feuilletonist. Er schreibt unter anderem für die Tageszeitungen Die Welt und

Frankfurter Rundschau.

Martin Eich*

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