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Kabarettist Alfred Dorfer: „Wir müssen gegen die Hetze auftreten“

Lachmesse Kabarettist Alfred Dorfer: „Wir müssen gegen die Hetze auftreten“

Der österreichische Kabarettist Alfred Dorfer hat am Sonntagabend den Leipziger Löwenzahn der 25. Lachmesse erhalten, der mit 3500 Euro dotiert ist. Bei der Eröffnung spielte er das mit dem Preis ausgezeichnete Programm „Bis jetzt“. Wir sprachen mit dem Künstler.

Alfred Dorfer bei seinem Lachmesse-Auftritt 2014, der ihm den Löwenzahn-Preis bescherte.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Er kam, spielte und siegte: Alfred Dorfer begeisterte mit seinem Programm „Bis Jetzt“ bei der vergangenen Lachmesse und wurde zum Preisträger gekürt. Mit der Verleihung des Leipziger Löwenzahns (dotiert mit 3500 Euro) wurde am Sonntagabend die 25. Ausgabe des Festivals eröffnet. Wir sprachen zuvor mit dem österreichischen Kabarettisten über die aktuelle politische Lage, gesellschaftliches Engagement und Fußball-Romantik.

Wie haben Sie erfahren, dass Sie den Löwenzahn gewonnen haben?

Ich habe ein offizielles Schreiben bekommen und mich sehr gefreut, weil meine Prominenz wohl weniger eine Rolle gespielt haben kann als dass die Jury überzeugt vom Programm war. In Österreich bin ich ja nicht besonders preisaffin.

Warum nicht?

Entweder bekommen die Preise die ganz Jungen als Förderung oder Künstler für ihr Lebenswerk. Für das eine bin ich zu alt und für das andere zu jung.

Wo stellen Sie den Löwenzahn hin?

Er wird sich hervorragend auf meinem Regal machen – neben dem Bayerischen Kabarettpreis und dem Deutschen Kleinkunstpreis.

Sie verhandeln stets auch aktuelle Themen. Europa steht gerade durch die Flüchtlinge vor einer großen Herausforderung. Wie übersetzt man die in politisches Kabarett?

Wir spielen gerade beim Thema Flüchtlinge alle Theaterstück „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch – eine Seite versucht, das emotionale Potenzial zu nutzen und die Leute gegeneinander aufzubringen. Die anderen, die „Guten“, polarisieren ebenfalls und zeichnen eine Wirklichkeit, die mit der differenzierten Realität der meisten Menschen nichts zu tun hat. Unsere Aufgabe ist es, geschickt dieser differenzierten Realität gerecht zu werden. Wir müssen gegen die Hetze auftreten und gleichzeitig bei Verstand bleiben.

Sind Sie als Österreicher einverstanden mit dem Weg, den Ihr Land bei diesem Thema geht?

Wir haben im Gegensatz zu Deutschland eine wirklich breite rechtspopulistische Partei. Jeder Flüchtling, jedes Kopftuch scheint eine zusätzliche Wählerstimme für die FPÖ zu bringen, das halte ich für Wahnsinn. Doch unsere Bundesregierung hat sich bislang erstaunlich anständig verhalten, auch durch die Orientierung am Verhalten Deutschlands. Das wurde bei der Wahl in Wien vor einer Woche offenbar honoriert.

Korreliert das Maß der Angst vor Fremden mit dem Maß an Wohlstand?

Der gefühlte Wohlstand verstärkt diese Tendenzen. Und manchmal korreliert auch die Angst vor Fremden mit dem geringen Kontakt zu ihnen. Das ist bei Ihnen zum Beispiel Sachsen, und solche Gegenden gibt es bei uns auch.

Was ist Ihre Prognose für Europa? Wird die Herausforderung gemeistert?

Da bin ich Zweckoptimist und glaube, dass hier Vernunft erzwungen wird – die gleichmäßigere Verteilung der Geflüchteten in europäischen Ländern. In Österreich erkennt man langsam auch die Chancen – da ja viele sehr gut ausgebildete Fachkräfte kommen. Und irgendwann wird man begreifen, dass das Problem an den Orten angegangen werden muss, von denen die Fluchtbewegungen ausgehen.

Für wie wahrscheinlich halten Sie einen Rechtsruck in Europa? Deutschland hat 2017 Bundestagswahlen.

Bis Integration und Bildungsmaßnahmen greifen, braucht es Jahre. Möglicherweise holen sich Deutschlands große Parteien bei der nächsten Bundestagswahl ein paar Schrammen, weil sich manche vom System abwenden. Langfristig aber werden besagte Maßnahmen in den Köpfen der Wähler ankommen und sich als richtig erweisen.

Inwiefern macht man als politischer Kabarettist auch Politik?

Das ist zwar ein gewisser Antrieb. Doch ich gehe nie auf die Bühne, um das Publikum von meinen Ansichten zu überzeugen, sondern um mit satirischen Methoden Gedanken in Gang zu setzen.

Können Sie sich Alfred Dorfer als Politiker vorstellen?

Nein, dazu fehlen mir die Grundeigenschaften. Ich könnte beispielsweise keinen Wahlkampf führen, ohne Magengeschwüre zu bekommen – als Politiker kommt man nicht drum herum sich zu verbiegen.

Bis 2010 gab es die satirische Late-Night-Show Dorfers Donnerstalk. Vermissen Sie die?

Bisher nicht, denn der Energieaufwand war hoch und die Widerstände wuchsen zuletzt. Am liebsten stehe ich sowieso auf der Bühne. Natürlich bleibt ein Fernsehformat eine spannende Sache.

Sie sind Fan des Fußball-Clubs Austria Wien, gerade Tabellendritter hinter Rapid Wien und Red Bull Salzburg. Wen mögen Sie weniger – den Lokalrivalen oder den Mateschitz-Club?

Natürlich ist die Abneigung gegen Red Bull größer – Sie als Leipziger wissen ja, dass das kein Sympathieträger ist.

Es gibt auch viele Werksclubs, über die wird aber weniger geschimpft.

Bei Red Bull gibt es problematische Eingriffe in normale Vereinsstrukturen. Leider geht der Fußball ohnehin in eine falsche Richtung, ins Retortenhafte, hin zum großen Geld. Das ist für mich als Fußball-Romantiker nicht schön. Und deshalb könnte ich es gut aushalten, wenn der Traditionsclub Rapid Meister würde. Ich bin ja nicht Wiener Fan gegen jemanden.

Austria schafft es nicht?

Auf längere Sicht können wir oben nicht mitspielen. Obwohl wir mit Torsten Fink einen deutschen Trainer haben, der dem Verein eine hohe Effizienz beigebracht hat: schlecht spielen und trotzdem gewinnen!

Sie haben das Alfred-Dorfer-Stipendium ins Leben gerufen, das alleinerziehenden Studierenden in finanzieller Notlage die Studiengebühren ersetzt. Wie sind Sie darauf gekommen?

Sicher zu einem Teil deshalb, weil meine Schwester und ich selbst Kinder einer allein erziehenden Mutter sind. Es ist ein schwieriges Los, Job oder Studium und Kinder zusammenzubringen.

Was ist Ihr nächstes künstlerisches Projekt?

Nicht zuletzt angespornt vom Löwenzahn plane ich ein neues Solo, das 2017 Premiere haben soll. Damit komme ich gern auch nach Leipzig.

Lachmesse heute

Academixer: MATHIAS TRETTER: Selfie (20 Uhr)

Sanftwut: HERKULESKEULE: Heileids – Lachen, wenn‘s zum Weinen ist (20 Uhr)

Central Kabarett: LISA FELLER: Guter Sex ist teuer (20 Uhr)

Theater am Palmengarten: Schweizer Abend: ALAIN FREI: Neutral war gestern! (20 Uhr)

Moritzbastei: CAROLIN MASUR und HEIKE FISCHER: Sächsäppeal odr?, Heiterer sächs. Liederabend-Premiere (20 Uhr)

Stadtbibliothek: GUNTER BÖHNKE und BERND-LUTZ LANGE gemeinsame Lesung (20 Uhr)

Achtung, das Funzel-Gastspiel von BENJAMIN EISENBERG + MATTHIAS REUTER fällt wegen Krankheit aus

www.lachmesse.de

Von Mark Daniel

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