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Kampf gegen ein unsichtbares Monster: Dilek Yücel über ihren inhaftierten Mann Deniz

Leipziger Medienpreis Kampf gegen ein unsichtbares Monster: Dilek Yücel über ihren inhaftierten Mann Deniz

Am Freitag erhält der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel gemeinsam mit der türkischen Schriftstellerin Asli Erdogan den Leipziger Preis für Pressefreiheit. Yücel wird ihn nicht persönlich entgegennehmen können. Er sitzt seit siebeneinhalb Monaten in einem türkischen Gefängnis in Einzelhaft. Darüber spricht seine Frau Dilek Mayatürk-Yücel im Interview.

Deniz Yücel (44) und seine Frau Dilek. Der deutsch-türkische Journalist ist seit siebeneinhalb Monaten in Haft. Seine Frau darf ihn einmal in der Woche für eine Stunde besuchen.
 

Quelle: privat

Leipzig.  Am Freitag erhält der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel gemeinsam mit der türkischen Schriftstellerin, Journalistin und Physikerin Asli Erdogan den Leipziger Preis für Pressefreiheit. Yücel wird ihn nicht persönlich entgegennehmen können. Er sitzt seit fast siebeneinhalb Monaten in einem türkischen Gefängnis in Einzelhaft. Im Interview mit Zeynep Sentek gibt seine Frau Dilek Mayatürk-Yücel sehr persönlich Auskunft über ihre Haftbesuche, Briefe an ihren Mann und die Hoffnungen für die Zukunft.

Wie geht es Ihrem Mann? Ist er weiterhin in Einzelhaft?

Unser Antrag, dass er seine Zelle mit jemandem teilen darf oder dass er verlegt wird, wurde abgelehnt. Die Begründung war „Sicherheit und Ordnung“. Deniz kann seine Zelle verlassen, um Sport zu treiben. Aber selbst während der öffentlichen Besuchszeiten (in einem Raum, wo Besucher ihre eingesperrten Angehörigen sehen dürfen), kommt kein anderer Gefangener hinzu, wenn Deniz da ist. Abgesehen von den Wächtern sieht er also nur seine Familie und Anwälte. Ob die Einzelhaft bereits spürbare Wirkung auf Deniz hat, kann ich nicht sagen. Ich kann nur beschreiben, was ich sehe: Es sind mittlerweile mehr als 220 Tage. Seit siebeneinhalb Monaten lebt Deniz allein unter Bedingungen, die wir uns nicht einmal für einen Tag vorstellen können. Aber ich sehe, dass es ihm gut geht. Er lebt in einer anderen Welt, wenn er schreibt. Und er schreibt viel, so ist er sehr konzentriert. Er beschäftigt seinen Geist mit schönen Dingen. Aber natürlich holt die Realität ihn immer wieder ein. Ein Mensch muss unter Bedingungen leben, die dazu geschaffen wurden, eine Person geistig und körperlich zu zerstören. Einzelhaft hat nicht nur Folgen für die Psyche, sondern auch körperlich: Man wird extrem geräuschempfindlich, und es beschädigt die Sehfähigkeit in die Ferne. Einzelhaft und die Folgen davon sind wie ein unsichtbares Monster. Hat diese Einzelhaft einen sichtlichen Einfluss auf Deniz? Das werde ich wissen, wenn er wieder draußen ist.

Wenn Sie ihn montags im Gefängnis besuchen, wie läuft das ab? Über was sprechen Sie? Sie haben in Ihrem offenen Brief erwähnt, dass Sie nur durch Glas mit ihrem Mann sprechen können. Wie können sich Mann und Frau so vernünftig unterhalten?

Die Besuchszeit ist nur eine Stunde pro Woche. Und Sie können sich nicht vorstellen, wie schnell die Stunde vorbei ist. Meist erzählt Deniz mir etwas, und ich höre zu. Wir sprechen über ganz banale Dinge. Das ist notwendig, aber nicht einfach. Keiner unserer Kommunikationswege ist normal, weil wir wissen, dass jemand zusieht und zuhört. Wir haben keinerlei Privatsphäre. Die Atmosphäre im Gefängnis zeigt dir die Existenz von Grenzen auf, alles, was dem Menschsein widerspricht. Das liegt in der Luft, wie es riecht, wie es aussieht. Aber das haben wir schon hinter uns gelassen. Es ist uns egal, wo wir sind, wenn wir miteinander sprechen.

Wie hat sich Ihr Leben verändert, seitdem Deniz in Haft ist? Wie normal kann Ihr Alltag sein?

Alles hat sich verändert, nicht einzelne Dinge. Wäre Deniz nicht im Gefängnis, wäre ich heute bei der Arbeit in München. Und vielleicht würde Deniz mich heute besuchen. Aber sagen wir mal so: Ich habe meinen eigenen Umgang damit gefunden. Die Zeit ist so ein guter Lehrer, dass du über nichts nachdenken musst, du hast es schon gelernt. Das nennt man Erfahrung. Ich versuche, so normal wie möglich weiterzuleben, meinen Lebensrhythmus beizubehalten. Anders könnte ich diesen Marathon nicht durchstehen. Ich lese ununterbrochen Bücher und schreibe. Ich liebe Bücher und Notizblöcke mehr als Menschen. Sie geben mir ein gutes Gefühl.

Wie viel Kontakt zur Außenwelt ist Deniz möglich?

Er bekommt täglich sechs Tageszeitungen, und er hat einen Fernseher. Er weiß also, was in der Türkei vor sich geht. Und wenn ich und seine Anwälte ihn besuchen, bringen wir ihm Neuigkeiten von draußen. Zuerst hat Deniz keine Post bekommen. Aber das Problem haben wir im dritten Monat seiner Haft gelöst. Er kann jetzt Briefe auf Türkisch bekommen. Seine Zeitung „Die Welt“ übersetzt Briefe ins Türkische und schickt sie zurück an die Leute, die sie geschrieben haben, die sie dann an Deniz schicken. Aber manche davon hat er nie bekommen, und ich jage nun den Strafvollzugsbehörden hinterher, um zu erfahren, wo sie geblieben sind. Ich glaube, das kriegen wir hin. Also bitte schreiben Sie weiter Briefe an Deniz in Türkisch! Ich kann nur dafür kämpfen, wenn auch weiterhin Briefe kommen. Außerdem möchten wir uns für all die großartigen Briefe bedanken, die Sie bisher geschrieben haben.

Wen darf Deniz neben Familie und Anwälten noch sehen? Wie häufig darf er insgesamt Besuch empfangen?

In der Türkei herrscht noch immer Ausnahmezustand, und deshalb dürfen ihn nur seine Verwandten ersten Grades besuchen. Das heißt: seine Mutter, sein Vater, seine Geschwister und seine Frau. Ich besuche ihn zusammen mit seinen Eltern. Ich kann ihn nicht allein treffen. Es gibt jede Woche eine gesetzte Zeit an einem gesetzten Tag. Du hast nicht den Luxus zu sagen: „Ich komme heute später.“ Wenn du zehn Minuten zu spät kommst, hast du zehn Minuten weniger Besuchszeit. Für Anwälte gibt es keine zeitliche Beschränkung. Deniz sieht seine Anwälte zwei Mal die Woche. Manchmal wird er auch von Parlamentsabgeordneten besucht.

Weiß Deniz um die Unterstützung in Deutschland, dass ein Autokorso für gemacht wurde oder dass es Soli-Veranstaltungen für ihn gibt?

Ja, sicher, das weiß er alles. Davon erzähle ich ihm und die Anwälte auch.

Haben Sie eine Botschaft an die türkische Regierung?

Diese Frage würde ich gern abändern in eine Botschaft an die deutsche und die türkische Regierung: Deniz ist kein politisches Werkzeug, an dem ein Land herumdrehen und herumspielen kann, wie es gerade passt. Er sollte nicht zum Sündenbock gestempelt werden für den Zwist zwischen zwei Ländern. Ich stelle mich jedem Gedanken, jedem Statement und jeder Aktion entgegen, die direkt oder indirekt dieses Ziel verfolgen. Was gerade passiert, ist die unrechtmäßige Verhaftung eines Menschen, eines Journalisten. Es geht hier um ein Menschenleben und die Freiheit. Das sollte niemand vergessen. Bald sind es acht Monate ohne Anklageschrift. Die Tatsache, dass Deniz in Einzelhaft ist, dass er im Gefängnis sitzt, ausschließlich wegen seiner journalistischen Tätigkeit, macht mich sprachlos. Er muss heute entlassen werden. Sofort! Jetzt!

Das Interview wurde im Auftrag des Europäisches Zentrums für Presse- und Medienfreiheit geführt, bei dessen Jahreskonferenz „Defending journalists under threat“ am Donnerstag bedrohte Journalisten Thema sind. Mehr Infos: www.ecpmf.eu/2017/

Von Zeynep Sentek

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