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Karaoke im globalen Dorf: Vor 100 Jahren wurde Internetvisionär Marshall McLuhan geboren

Karaoke im globalen Dorf: Vor 100 Jahren wurde Internetvisionär Marshall McLuhan geboren

„Was, wenn er Recht hat?“, überschrieb Tom Wolfe 1965 einen Artikel über den kanadischen Geisteswissenschaftler Marshall McLuhan, den Literaturprofessor, der zum Popstar wurde, in den 60ern das Internet vorwegnahm und den Begriff vom „globalen Dorf“ prägte.

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Ein Mann betrachtet das Angebot an Fernsehgeräten im Schaufenster eines Geschäfts, aufgenommen in den 70er Jahren. In den Sechzigern wurde Marshall McLuhan zum Star der Popkultur.

Quelle: dpa

Leipzig. Heute vor 100 Jahren wurde er geboren.

Sein berühmtester Satz war schon  1967 zum Klischee geworden: „The Medium is the Message“, das Medium ist die Botschaft. Darum hatte Marshall McLuhan große Freude am ironischen Potenzial eines kleinen Druckfehlers und übernahm ihn für den Titel des Buches: „The Medium is the Massage“ – ja: Massage. Zusammengestellt hat das Inventar medialer Effekte, die Gedanken, Lehrsätze, Zeichnungen, Fotografien oder Karikaturen Jerome Agel, gestaltet hat den Klassiker der Designer Quentin Fiore.

„Im Namen des ,Fortschritts‘ will unsere offizielle Kultur die neuen Medien dazu zwingen, die Arbeit der alten zu erledigen“, heißt es da. Oder: „Die Drucktechnologie erzeugte die Öffentlichkeit. Die elektronische Technologie erzeugt die Masse. Die Öffentlichkeit besteht aus einzelnen Individuen, die alle ihre eigenen festen Standpunkte haben. Die neue Technologie zwingt uns, den Luxus dieser Haltung, diesen fragmentierten Blick aufzugeben.“ Dem Propheten gefiel die neue Welt keineswegs. Doch er enthielt sich moralischer Urteile und erforschte, wie Technologien neue Formen der Sinneswahrnehmung erzeugen.

Nach der Erfindung des Buchdrucks, so seine These, hat das Auge das Ohr als wichtigstes Sinnesorgan abgelöst. Sobald aber einer der menschlichen Sinne die anderen überwältige, werde Wahrnehmung verzerrt. Er sagte: „In einer Kultur wie der unseren, die schon lange gewohnt ist, alle Dinge aufzusplittern und zu teilen, um sie so unter Kontrolle zu bekommen, ist es ein kleiner Schock, wenn man daran erinnert wird, dass in Funktion und praktischer Anwendung das Medium die Botschaft ist.“ Seiner Ansicht nach werden Gesellschaften stärker von der Natur der Medien geprägt, mit denen Menschen kommunizieren, als vom Inhalt dieser Kommunikation.

„Das Medium ist die Massage“ habe als „grafische Verkörperung der optimistischen Seite der Hippiezeit“ den Zugang zu McLuhans Theorien erleichtert, schreibt „Generation X“-Autor Douglas Coupland in seiner McLuhan-Biographie. Beide Bücher sind gerade im Tropen-Verlag erschienen. „Es braucht einen ungewöhnlichen Geist, das Offensichtliche zu analysieren, zitiert Coupland den Philosophen Alfred North Whitehead. Genau das vermochte McLuhan, den er am „unauffälligen Ende des Autismusspektrums“ ansiedelt und dessen Aufsehen erregendes Buch „Die Gutenberg-Galaxis“ offenbart: „Die irdische Welt ist für Marshall ganz offensichtlich nicht zu ertragen, dabei wirkt er mal arrogant, mal charmant, witzig, langweilig, aufrührerisch, naiv, berauscht, göttergleich oder einfach nur schwachsinnig – aber man liest weiter.“

Coupland beginnt mit dem Ende. Im Frühjahr 1980 sitzt einer der besten Rhetoriker, weltberühmt und weltweit beschimpft, nach einem Schlaganfall auf der Couch und kann weder lesen, schreiben noch sprechen. „Er weiß, dass früher seine Ideen die Art, wie die Menschen die Welt und das Leben sahen, veränderten, und heute gibt er nur noch Geräusche von sich.“ Am letzten Tag des Jahres stirbt er im Alter von 69 Jahren.

Geboren wurde Herbert Marshall McLuhan am 11. Juli 1911 in Edmonton und wuchs auf in einer Zeit, als Telefonate nach Sonnenuntergang nur schlechte Nachrichten bedeuteten konnten, so ungewöhnlich waren sie. Als Kind reiste er mit seiner Mutter, einer Vortragskünstlerin, durchs Land. Nach dem Studium der Geisteswissenschaften entdeckte er 1932 in Cambridge England als seine geistige Heimat. Die Beschäftigung mit Reformflugschriften aus dem 16. Jahrhundert, dem Werk von James Joyce (insbesondere „Finnegans Wake“) und den perspektivischen Zeichnungen der Renaissance brachte ihn darauf, in seinen Ideen die Renaissance mit dem 21. Jahrhundert zu verbinden, die gutenbergsche Buchdruck-Revolution und die durch sie ausgelöste Revolution in den Wissenschaften mit dem Zeitalter von Google.

Im Bewusstsein für das Alte wie auch für das Göttliche – McLuhan konvertierte 1937 zum Katholizismus – sieht Coupland eine Ursache für dessen unsentimentale Sicht auf Technik und Kultur, auf Moderne und Zukunft. Der Maler und Schriftsteller Wyndham Lewis bringt ihn auf die Idee, sich den Strudel der Veränderungen, den „Mahlstrom der Modernisierung“, untertan zu machen.

Aus dem Privatleben erzählt Coupland wenig, er konzentriert sich auf den Theoretiker und führt dessen Erkenntnisse über das Kräftespiel von Kultur, Technologie und Kommunikation ins Heute: „Das Leben im 21. Jahrhundert ist Karaoke – ein nicht enden wollender Versuch, die Würde zu bewahren, während ein unkontrollierbarer Datenwust über den Bildschirm flackert.“ In seinem Sampler aus Meditationen, Fußnoten, Buchstabenspielen, Zitaten und Auszügen aus dem eigenen Buch „Generation A“ weitet der Biograph ein Porträt zur Zeitgeschichte, in der er auch an McLuhans Kurzauftritt in Woody Allens „Stadtneurotiker“ erinnert – ein Youtube-Renner.

In dem langen Prozess, den McLuhan in den 60ern vorausgesagt hat, haben technologische Umbrüche tatsächlich zu einer Kluft geführt zwischen der Realität des dem Einzelnen Möglichen und der Irrealität einer von den elektronischen Medien bebilderten Welt. Er sah eine Unfähigkeit zu differenzieren, zu überprüfen und zu nuancieren. Und er sah die Entwicklung, ohne einen Schlüssel zum Verständnis des Cyberspace-Universums der Gefahr der Verbreitung von Gerüchten, der Desinformation und der Überwachung gnadenlos ausgeliefert zu sei.

Und nun, da er Recht behalten hat? „Statt sich in eine Ecke zu verkriechen und darüber zu jammern, was die Medien mit uns anstellen, sollte man zur Attacke blasen und ihnen in die Elektroden treten.“

Lesetipps:

Douglas Coupland: Marshall McLuhan – Eine Biographie. Deutsch von Schweder-Schreiner. Tropen Verlag; 222 S., 18,95 Euro

Martin Baltes, Rainer Höltschl (Hrsg.): absolute Marshall McLuhan. orange press; 224 S., 15 Euro

Marshall McLuhan: Das Medium ist die Massage. Deutsch von Martin Baltes und Rainer Höltschl. Tropen Verlag; 160 S., 12 Euro

Janina Fleischer

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