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Karikatur und Charakter

Schillers „Räuber“ am Schauspiel Leipzig Karikatur und Charakter

Schiller die Dritte: Nach „Kabale und Liebe“ und „Maria Stuart“, jeweils unter der Regie Georg Schmiedleitners auf die große Bühne gebracht, lag es jetzt an Gordon Kämmerer auf selbiger die Schiller-Trilogie des Leipziger Schauspiels mit „Die Räuber“ zu vollenden. Am Samstag hatte die gut dreistündige Inszenierung Premiere.

Regisseur Gordon Kämmerer (rechts) mit seinen Darstellern.

Quelle: Kempner

Leipzig. „Die Räuber“ also, ein Stück, man weiß es ja, ganz Sturm und Drang, Rebellion und Melodram. Und ein wenig konnte man schon gespannt sein, was daraus unter Kämmerers Regie werden würde. Einfach, weil dessen bisherige Schauspiel-Inszenierungen, die beiden Uraufführungen „Tierreich“ und „Herzlfresser“, einen Gegenpol erwarten und auch erhoffen ließen, zu Schmiedleitners inszenatorischen Gediegenheiten solider Konvention.

Indes: Auch Kämmerers „Räuber“ entpuppen sich jetzt als genau das: Gediegenheit und Konvention. Wenn auch unter anderen konzeptuellen Vorzeichen und inszenatorischen Prämissen. Es ist, wenn man so will, die etwas jungenhaft keckere Variante, die Kämmerer kredenzt. Kein Gegenpol, nur die andere Seite der Medaille. Jene, die auch der kunstsinnige Hipster gern mal goutiert und die bei diesem und jenem konservativeren Theaterbesucher einen gewissen Unmut, wenn auch wohl keinen wirklichen Ärger verursacht.

Wie sowas geht? Ganz unbedingt mit irgendeiner Techno-Mugge. Hier hört man die schon im Bühnentief wie eine Drohung wummern, wenn man den Zuschauersaal betritt. Wo außerdem noch Skala-Kneipier Jens Nitzschner, der in seiner Rolle als „Wirt“ vor dem geschlossenen Eisernen Vorhang auf und ab schlendert und das Publikum mit launigem Gemotze empfängt. Dazu sitzt am rechten Bühnenrand die Musikerin Friederike Bernhardt mit gefrorenem Gesicht und unter einer sich monströs auftürmenden Rokoko-Perücke vor ihrem Keyboard, auf dem sie bald mit atmosphärischen Klängen die Handlung untermalen wird.

In der mutiert erst einmal gackerndes Partyvolk zu den Räubern im Walde. Karl Moor gibt derweil die Gesten der Verzweiflung und der fiese Franz die des Intriganten. Männer spielen hier oft Frauen und Frauen gern Männer. Dazu wechseln sich darstellerisch Karikatur und Charakter, inszenatorische Banalität und Tiefe in dichter Folge ab. Dazu gibt es diesen und jenen Kalauer und als wirkliche Attraktion, ein echtes Pferd auf der Bühne.

Die Erkundung unheilvoller Gruppendynamik, auf die die Inszenierung inhaltlich-thematisch erklärtermaßen den Fokus richten wollte, kann man dabei getrost ignorieren – erzählt das hier doch weder Originelles noch Neues und wirkt eher wie ein Alibi. Irgendwas muss man halt antworten auf einschlägige Fragen.

Was dagegen durchaus seinen Reiz hat, ist Kämmerers Gespür fürs visuelle Erzählen. Seine „Räuber“-Inszenierung ist vor allem eine „Räuber“-Bebilderung in Surreal. Die Bühne Jana Wassongs und die Kostüme von Josa Marx helfen diesbezüglich entscheidend. Mit Wesen in Rokokoperücke zu buntem Hawaii-Hemd, oder diesen seltsam geschlechtsneutralen Kahlschädeln, die hier die Räuberbande im Pappbaumwald darstellen. Mit einem Vater Moor (Dirk Lange) der nackt und mit bis auf dem Boden schleifenden Bart als irgendwas zwischen delirierenden Eremiten und bräsigen Patriarchen aufscheint. Mit einem Spiegelberg, den Denis Petkovic in hübsche Hotzenplotzigkeiten kleidet.

Und mit einer Amalia, die von Andreas Herrmann als gespenstisches Nichtwesen mit Reifrock und verschmierender Pudermaske gegeben wird. Unmöglich erscheinend – und zugleich ungeheuer präsent. Eine seltsam zwitterhafte, faszinierende Figur ist da gelungen. Und wenn Michael Pempelforth als Franz dieser Amalia seine Avancen macht, ist das von köstlicher Skurrilität. Und von Tragikomik auch. Denn wo anderweitig der Unterschied zwischen Charakter und Karikatur auf ein darstellerisches Qualitätsgefälle, auf Unvermögen also verweist, zeigt sich das hier als ein bewusst eingesetztes Changieren. Ein ironisches Spiel damit, dass auch die Maske ein wahres Gesicht sein kann. Und noch jeder Charakter eine Karikatur.

Katharina Schmidt als Karl Moor reicht da nicht ran, ist sie doch vielmehr die Qualitätsschwankung in Person. Gelingt ihr etwa mit „Seht doch, wie schön das Getreide steht…“ ein Monolog, der ganz Sammlung und Wehmut ist, folgt wenig später wieder ein gestisches und sprachliches Gehetze, das wirkt, als versuche sie ihrer Rolle weniger bei- als vielmehr zu entkommen.

Was im Grunde auch auf diese „Räuber“-Inszenierung zutrifft, die gleichsam vor der Sprach- und Empfindungsweltwelt Schillers zu flüchten scheint. Hin zu einem Bildertheater des Karikierens und Überzeichnens. Und das dabei zwar ein wenig Melodram bieten mag, aber sonst weder Sturm noch Drang. Und Rebellion schon gar nicht . Dafür eine Diplomarbeit.

Kämmerer, acht Jahre älter als es Schiller war, als der dieses Stück schrieb, schließt damit sein Regiestudium an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ ab. Warum das mit den „Räubern“ geschehen musste, verrät seine Inszenierung nicht wirklich. Vielleicht, weil so ein Klassiker irgendwann eh mal sein muss. Kanon und so. Für die Schiller- Trilogie des Schauspiels markiert das somit einen passenden Schlusspunkt.

Vorstellungen 9., 17. Juni; 6., 28. Oktober, 4. November, 3. Dezember, 12 April: Karten und Infos unter Tel. 0341 1268168.

Von Steffen Georgi

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