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Katie Melua mit Band im ausverkauften Leipziger Gewandhaus

Katie Melua mit Band im ausverkauften Leipziger Gewandhaus

Na, wo ist sie denn nun, unser aller Katie? Und wer hat dieses verhinderte Sahne-Baiser auf die Bühne gestellt? Die höchstwahrscheinlich knebelvertraglich vorgeschriebene Metamorphose vom T-Shirt-Teenie zur Femme Fatale im Flieder-Fummel ist nur semigeglückt.

Leipzig. Immerhin - das Ziehen aller Minikleidchen-Lolitalippen-Register hat zumindest optisch dazu geführt, dass Miss Melua jetzt aussieht wie die andere Katy. Die Perry. Das echte Sahne-Baiser. Die zwar nicht singen, aber auf Schneekoppenabsätzen laufen kann. Traurigerweise gibt der Auftritt von Katie Melua im ausverkauften Gewandhaus am Dienstagabend Anlass zur Frage, was im Popbusiness mehr wert ist.

Das Bild hängt von Beginn an irgendwie schief. Umrahmt von geschätzten 1800 Stecknadelköpfen vornehmlich grauer Eminenzen wirken die beiden Hippie-Hillbillys des Kölner Begleit-Duos Mrs. Greenbird wie Komparsen am falschen Filmset. Sarah Nücken, die hauptberufliche Sozialpädagogin mit dem Pixiekopf, und ihr Auch-im-echten-Leben-Freund Steffen Brückner, der neben der Folk-Klampferei in Medien macht, seinen Musketierschnauzer zurechtzwirbelt und die nahende Enddreißiger-Platte unter Hüten versteckt, covern seit dem Gewinn der authentischsten unter den vielen unauthentischen Castingshows X-Factor radiokompatibel so ziemlich alle Rock- und Pop-Gassenhauer, die ihnen vors Mikro hüpfen.

Außer "Born to be wild". Denn wer 80 Euro für eine Konzertkarte berappt und sich in die Bügelfaltenhose gezwängt hat, mag es vermutlich lieber gesittet. Deswegen sorgen der Kunstrasenteppich, auf dem das Kristallkehlchen sechs Songs und 30 abgezählte Minuten lang das Bodenlange in seichter Schwingung hält, und die das Schrebergarten-Setting aus Balkon-Klappstühlen und Gitarre-spielendem Vogelscheuchen-Lookalike vervollständigenden Plastikblumenranken an den Mikrofonständern, für meist immense Beifallsbekundungen.

Passend zur naturnahen Parzellen-Inszenierung säuselt Nücken in den musikalischen Grüßen von der Sonnenseite à la "One Little Heart" oder "Love Makes You Free", als sei sie gerade einem Bad im Honigtopf entstiegen, während ihr zotteliger Zupfer von Abstürzen in der Karaokebar Kakadu berichtet - "vielleicht gehe ich dort irgendwann hin und schaue, ob die einen Song von uns haben."

Einen, höchstwahrscheinlich sogar zwei oder drei der Smash-Hits der im Anschluss auf die Bühne salatstaksenden Dame haben die garantiert im Kakadu. Denn die 29-jährige Herzchirurgen-Tochter, die mit Skandalnudel Amy Winehouse die Schulbank drückte, als zahmstes Lämmchen im Pop-Gehege sonst aber keinerlei Gemeinsamkeiten mit dem schwarzen Schaf teilt, muss sich seit dem ersten Sprung auf die höchste Sprosse der Charts-Leiter vor zehn Jahren nicht mehr nebenberuflich verdingen.

Sechsfach-Platin, Welttournee, Echo, Band Aid, Royal Albert Hall, Best-Of-Album, Burnout-Pause - die Geschichte von Katie, die jetzt Ketevan, so ihr georgischer Vorname, heißt und auf ihrem sechsten und persönlichsten Album dem Promotext nach blank zieht, liest sich wie ein Märchen aus goldenen Musik-Biz-Zeiten. Tatsächlich glitzert beim Leipziger 90-Minuten-Gig nur noch das güldene Fransensakko, dessen sich die Stöckelschuh- und Kleiderkürze-bedingt sichtlich bewegungseingeschränkte Katie Melua nach der Hälfte des missglückten Versuches eine Bühne, auf der sonst ein 180-Mann-Orchester Platz findet, alleine zu füllen, publikumswirksam entledigt.

Nicht ganz, immerhin hat sie "the incredible band" im Schlepptau - vier Pinguine in der Mittlebenskrise, die ihr Kontrabass-zupfend und Schneebesen-trommelnd den Rücken stärken - neben dem Publikumsviertel, das die wechselweise salzsäulenswingend am Piano lehnende und sich hinter dem Gitarren-Airbag verschanzende Madame ohnehin nur von hinten zu sehen bekommt.

Im Nachhinein nicht die schlechteste Perspektive, denn die Fans in Front werden ohnehin keines Blickes gewürdigt. Der bohrt nämlich unaufhörlich Löcher in den Boden, in denen die im wechselnden Discoqueen-Balladenbarbie-Rollen-Repertoire der Gute-Laune-Vertragsklausel künstlich hin- und her groovende Sängerin sich nach 21 alten ("My Aphrodisiac Is You", "Nine Million Bycicles") und brandneuen ("The Love I'm Frightened Of", "I Never Fall", "Love Is A Silent Thief") Liedern der alten Leier wohl am liebsten selbst vergraben würde.

Nah am Wahnsinn? Der Titel ihres Karrierestartschuss-Kalauers "Closest Thing To Crazy" darf heute jedenfalls wörtlicher genommen werden, denn je. "Never Felt Less Like Dancing", zwitschert das süße Sprachrohr des Produzenten-Papis Mike Batt im gleichnamigen Song, "never felt more like hiding myself away." Und liefert damit den ungewollten Soundtrack zur vertonten Version des Dr.-Caligari-Kabinetts, in dem sie die Hauptrolle spielt. Eine Geisterbahnfahrt mit Bluesbegleitung.

 

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 28.11.2013

Jennifer Beck

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