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Kaum Auswege: Till Exit verwandelt den Sowjetischen Pavillon in einen Situation Room

Kaum Auswege: Till Exit verwandelt den Sowjetischen Pavillon in einen Situation Room

Aus der Sommersonne in das abgedunkelte Foyer des früheren Messehauses - man sieht erst mal gar nichts. Eine Kunstausstellung stellt man sich für gewöhnlich anders vor: weiße Wände mit gut lesbar beschrifteten Werken, lächelnde Mitarbeiter, vielleicht sogar ein Glas Sekt.

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System weitgehend geschlossener Räume aus Leisten und Holzplatten: der Situation Room im Sowjetischen Pavillon.

Quelle: Till Exit

Doch hier erlebt man zunächst einen Blackout. Suchscheinwerfer helfen bei der Adaptation der Sehnerven. Sie werfen von Stahlgittermasten grelle Lichtkreise auf Wände und Decken des Raumes. Auf einem dem Masten ist zusätzlich ein Lautsprecher älterer Bauart installiert, aus dem Blech- trichter schnarrt es unartikuliert. Die Lichtkegel streifen auch die Kunstschmiedearbeit über den Besuchern, ein Oberlicht, das nicht mehr als solches funktioniert. In der Mitte wird ein dekoratives Emblem sichtbar, Hammer und Sichel vereint.

 Die Szenerie könnte in jedem Gefangenenlager bis hin zu Guantanamo ähnlich sein, doch der Standort mit seiner Geschichte und die noch vorhandene Symbolik erinnern doch stark an den Archipel Gulag, wie Alexander Solschenizyn ihn beschrieb.

 Doch es gibt eine Unterwelt. Till Exit, der für diese Installation zuständige Künstler, hat ein System weitgehend geschlossener Räume aus Leisten und Holzplatten aufgebaut. Durch Blickfenster erkennt man im schummrigen Licht einen Sessel, anderswo eine Matratze. Auch eine altmodische Tischleuchte findet sich. Das labyrinthische Gefüge könnte der Gegenentwurf zur bedrohlichen Atmosphäre da oben sein. Doch selbst ohne klaustrophobische Manie kann man der Alternative kaum Anziehungskraft oder gar Gemütlichkeit abgewinnen.

 Der Name des Künstlers gerät so zur Pointe. Wo ist der Ausweg? Till Exit ist Spezialist für räumliche Situationen. Geboren 1962 im damaligen Karl-Marx-Stadt, hat er bis 1995 an der HGB studiert. Seitdem sind in seiner Biografie nicht nur Ausstellungen und Beteiligungen daran verzeichnet, sondern auch diverse Arbeiten für die Bühne sowie Videos. Dauerhafte Installationen hat er sowohl in der Leipziger Galerie für Zeitgenössische Kunst als auch dem Bundestag in Berlin hinterlassen.

 Die Arbeit auf dem Gelände der Alten Messe ist zweifellos politischer Natur. Doch eine plakativ-eindeutige Botschaft herauszulesen, erscheint dennoch schwierig. Formen der Machtausübung verändern sich. Der kalte Suchscheinwerfer am Lagerzaun weicht der flächendeckenden Überwachung unter dem euphemistischen Namen Big Data. Dennoch bleiben die Massenproteste aus, wir richten uns irgendwie ein. Aus dem engen Gehäuse sieht man zum Glück nicht, was oberhalb geschieht. Erinnern und Verheißung. Beides problematisch.

 Bevor der Messepavillon, der über Jahrzehnte der Selbstdarstellung des "Großen Bruders" der DDR-Bevölkerung diente, zum neuen Standort des Stadtarchivs umgebaut wird, verwandeln bis Oktober mehrere Künstler in schneller Folge den Raum, der trotz seiner Funktion als Entree schon beeindruckende Dimensionen hat, in eben jenen Situation Room. Platziert zwischen Möbelhaus, Supermarkt und Soccerworld und fernab der üblichen Lokale des Leipziger Art Business entzieht sich die Aktion dem üblichen Marktgehabe.

 Wenn sich die Sinne an die von Till Exit geschaffene Raumsituation gewöhnt haben, man vielleicht sogar eine gewisse Heimlichkeit entwickeln konnte, ist der Rückweg nicht weniger strapaziös. Erneut brauchen die Augen einige Zeit, um zu erkennen, dass da Leute in der brennenden Julisonne die Ladungen vollgepackter Einkaufswagen in den Kofferraum ihres Autos umschichten. Noch so eine Schmerzgrenze.

 Till Exit: Mémoire et Promesse, bis 25. Juli, Mi-Sa 14-18 Uhr; Alte Messe;

 www.situationroom.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 22.07.2014

Jens Kassner

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