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Kein Liebesverbot - Festakt für Richard Wagner in der Oper Leipzig

Kein Liebesverbot - Festakt für Richard Wagner in der Oper Leipzig

Mit einem Festakt hat die Stadt Leipzig gestern in der Oper den 200. Geburtstag ihres berühmten Sohnes Richard Wagner gefeiert. Viele Redner, unter ihnen Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU), versuchten sich am Widerspruch Wagner.

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Friedrich Dieckmann (l.) erhält der Richard-Wagner-Preis von OBM Burkhard Jung (SPD) und Thomas Krakow (r.), Vorsitzender des Richard-Wagner-Verbandes Leipzig.

Quelle: Jens Schlueter

Das Gewandhausorchester unter Opernintendant Ulf Schirmer spielte ihn einfach. Und die ersten Träger des Wagner-Preises warfen persönliche und mutige Blicke auf den großen Komponisten. Für eine unfreiwillige Pointe sorgte Urenkelin Katharina.

Richard Wagner: Wenn ein Komponistenname für wundgesessenes Sitzfleisch steht, dann dieser. Urenkelin Katharina, gerade 35 geworden, setzt einen überraschenden Kontrapunkt. Nach ein paar Sätzen schon eilt ihre Rede zum Ende. "Richard Wagner ist Leipziger, aber auch Bayreuther." Deshalb müsse sie nun ins Oberfränkische, "weil wir auch noch feiern". Sagt sie, entschwindet - und bringt damit die Choreographie des Festakts in der Leipziger Oper durcheinander. Hausherr und Dirigent Ulf Schirmer verschafft sich ungeplant das Wort. "Es gibt Redner, die reden lange, und es gibt Rednerinnen, die reden kurz. Und wenn die Rednerinnen kurz reden, dann fehlt der Chor." Den müsse man nun erst einmal suchen, meinte er, und lässt die Gewandhausmusiker spontan das soeben aufgeführte Vorspiel zum 3. Aufzug aus Wagners Oper "Lohengrin" wiederholen.

Anschließend ist er aber da, der Chor, gibt "Wach auf, es nahet gen der Tag" aus den "Meistersingern". Das passt und sorgt für unerwartete Leichtigkeit bei der zentralen Feier für diesen Problembären der deutschen Musik. Auch Friedrich Dieckmann, soeben ausgezeichneter Wagner-Preisträger der Leipziger Wagner-Stiftung, lässt sich nicht ein auf diese Stimmung, in der Verehrung (für den Künstler) und Verachtung (für den Antisemiten) nebeneinander her schwingen.

"Einen Staatsakt für einen komponierenden Anarchisten, das hätte Wagner originell gefunden", beginnt Dieckmann seine Dankesrede, in der er kurz eine der zentralen Thesen seines Werks "Das Liebesverbot und die Revolution" aufleuchten lässt. Nämlich die, dass Wagners "zu keiner Erfüllung bestimmte Liebe" zu seiner Schwester Rosalie sein frühes Schaffen bestimmte, dass ihr Tod ihn zum Weltdramatiker machte. "Wenige hundert Meter von hier ist ihr Grab." Er habe am Morgen Blumen auf den Alten Johannisfriedhof gebracht. "Das wäre auch ein guter Ort für einen Kranz des Wagner-Verbands in Leipzig", sagt der Schriftsteller.

"Verachtet mir die Meister nicht, und ehrt mir ihre Kunst." Die Arie des Hans Sachs in den "Meistersingern", die später Wolfgang Brendel singen wird, ist für Dieckmann ein Auftrag für Bildungspolitiker und Schulen. Wagner, der Revolutionär und Volks-Bildner. Dieckmanns Skizze macht Lust auf das ganze Buch.

Zuvor hatten sich die Redner der Festveranstaltung eher zwischen politischer Vorsicht und Vereinnahmungslust herumgedrückt oder mit etwas gequälter Lässigkeit dem schwierigen Geburtstagskind genähert. Ammiel Bushakevitz, 1986 in Jerusalem geboren, in Südafrika aufgewachsen und unter anderem in Leipzig ausgebildet, sorgt ganz am Ende für einen Applaus, den auch Befreiung laut macht. "Als Jude und Mitmensch möchte ich sagen: Danke Wagner und danke Leipzig", sagt der Pianist, der mit dem Nachwuchspreis ausgezeichnet wird.

So etwas hören die Wagnerianer aller Länder gerne, auch bei Aussagen wie der von Christian Thielemann, hier zitiert von Thomas de Maizière (CDU), brandet spontan Beifall auf: "C-Dur kann nicht politisch sein". Der Bundesverteidigungsminister scheint es zu genießen, mal für ein paar Stunden dem Drohnen-Debakel zu entkommen, überbringt die Grüße der Bundesregierung. Insbesondere seine Chefin sei eng mit Bayreuth verbunden - auch finanziell, sagt er in Anspielung auf die Bundeszuschüsse für die Festspiele. Wagner sei ein Künstler, ein Getriebener, Revolutionär und Freund der Frauen gewesen. Einer, der bis heute polarisiert, niemanden gleichgültig lasse. Er verkörpere "wie kaum ein anderer Künstler unsere eigene gebrochene Geschichte".

Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) zeigt sich hin und her gerissen zwischen städtischem Stolz auf einen großen Komponisten, der hier seine Wurzeln hat, und dem Schmerz über seinen aufflammenden Antisemitismus. "Ist die Musik erhaben über die Niedrigkeiten dessen, der sie spielt?", fragt Jung - und antwortet: "Ohne kritische Fragen sollten wir uns seine Musik nicht gefallen lassen."

Auch Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) lässt diesen Widerspruch nicht aus und versucht sich ausgleichend auf dem Feld der Logik: "Wenn Richard Leipziger ist und Wagner in Dresden Wagner wurde, dann kann man sagen ,Richard Wagner ist Sachse.'" Dem wird auch in den nächsten 200 Jahren viel hinzuzufügen sein.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 23.05.2013

Jürgen Kleindienst

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