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„Kein bunter Ossi-Zirkus“ - Der Turm kommt als Zweiteiler im TV

„Kein bunter Ossi-Zirkus“ - Der Turm kommt als Zweiteiler im TV

Der Wartburg verreckt direkt vor den Kameras der Fotografen am Roten Teppich. Der Fahrer bekommt den roten Ost-Oldtimer nicht wieder in Gang. Der Schauspieler Götz Schubert, der mit dem röchelnden Zweitakt-Gefährt zur Premiere des ARD-Zweiteilers "Der Turm" in Dresden kutschiert wurde, schiebt mit an.

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Die Familien Hoffmann und Rhode.

Quelle: MDR

Dresden. Die Fotografen klicken wie wild drauflos, Schubert posiert.

Während der Zweitakter-Geruch langsam verfliegt, wird Schubert von den Fernseh-Reportern zum Experten für Ost-Technik gemacht. Er muss über Zündkerzen und Choke spekulieren und lässt es sich gefallen. Der Oldtimer wird zum Symbol für die späte DDR, für den langsamen Verfall. "Das Auto säuft ab, dann schiebt man. Es geht trotzdem weiter, nur etwas langsamer."

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Dresden. Uwe Tellkamps Roman "Der Turm" kommt am Mittwoch und Donnerstag als Zweiteiler ins Fernsehen. Unser Reporter Jan Sternberg hat sich bei einem Ortstermin in Dresden, im Villenviertel "Weißer Hirsch", wo Tellkamps Buch spielt und der Film Premiere umgesehen. Dabei traf er auch Vorbilder für die Romanfiguren.

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Von dieser Zeit, in der die DDR absoff, aber noch weitergeschoben wurde, erzählt Uwe Tellkamps Wälzer "Der Turm". Regisseur Christian Schwochow hat ihn fürs Fernsehen verfilmt. Und exakt die richtigen Bilder gefunden für diese Zeit. Eine Dämmerstimmung, kein Depressionsgrau. Im Grau wäre keine Freude mehr möglich, in der Dämmerung aber kann gefeiert und geliebt werden, nicht nur verzweifelt und gestorben.

 "Ich wollte mit dieser Familiengeschichte zeigen, wie prall und saftig das Leben in der DDR auch war", sagt Schwochow im Interview. "Der Turm" spielt in Dresdens Villenviertel Weißer Hirsch. Das Viertel auf den Elbhängen ist durchsaniert, abbröckelnden Putz findet man dort heute so wenig wie Wartburgs auf der Straße. Das Filmteam musste sich sein Kulissen-Dresden also anderswo zusammensuchen. Die Premiere aber fand am Schauplatz statt.

Vor dem "Parkhotel Weißer Hirsch", das angemietet wurde, weil das Viertel kein Kino hat, steht der 88-jährige Horst Milde. "Ich werde 33 Mal im Buch genannt", stellt er sich vor. Horst Milde ist das Vorbild für den Briefmarken- und Postkartenhändler Malthakus, hier kaufen die Protagonisten Postkarten aus alten Zeiten, fernen Ländern: Dresden vor der Zerstörung sowie Konstantinopel und anderes Unerreichbare. Horst Milde hatte seinen Laden 40 Jahre lang. Die Kunden haben viel geredet, Horst Milde hat viel geschwiegen.

"Ich hatte ein privates Geschäft, ich musste die Schnauze halten", sagt er in seinem weichen Villenviertel-Dresdnerisch. Wenn einer lautstark über den Sozialismus herzog, konnte das auch ein Provokateur von der Stasi sein. Vorsicht, Misstrauen, Skepsis, das haben sie gelernt, sagt Milde. "Und wissen Sie was? Wir sind dadurch bessere Menschen geworden." Bevor er das genauer erklären kann, möchte Horst Milde lieber weiter, zu seiner bettlägerigen Frau.

Die Mildes wissen alles über den Weißen Hirsch, mit Uwe Tellkamp haben sie korrespondiert und waren hinterher etwas verwirrt darüber, wie verfremdet ihr Viertel doch wiedergegeben wurde. Dass der Verfall dramatischer gemacht wurde, als er war. Horst Milde lässt seine Premierenkarte verfallen, er wird den "Turm" im Fernsehen schauen, "gemütlich mit einem Schoppen Wein". So wird der Senior erst nächste Woche sehen, dass er im Film nicht vorkommt, genauso wie viele andere Personen aus Tellkamps Panoptikum.

Der Film löst sich vom Ort, sagt Regisseur Schwochow. "Wir erzählen das Leben von vier Personen: Richard, Christian, Anne und Meno." Richard, gespielt von Jan Josef Liefers, ist erfolgreicher Chirurg am Dresdner Klinikum. "Er ist eine harte Nuss", meint Liefers, der in einem Lada ohne Macken vorgefahren wird. "Er hat für sich eine Blase erfunden. Er denkt, er kann seinen Weg gehen, dass es nur auf Leistung ankäme. Er vergisst dabei nicht nur die Gesellschaftsordnung, sondern auch die emotionale Intelligenz."

Liefers hat ein Heimspiel hier in Dresden, obwohl er nicht "uptown", auf dem Weißen Hirsch, aufwuchs, sondern "downtown", in den Plattenbauten den Prager Straße. Sein Richard Hoffmann, der Wert legt auf Hausmusik und gute Noten, der ein Kind mit der Chefsekretärin hat, zu dem er nicht steht, der sei "mindestens so ein großer Despot wie der Schuldirektor oder der Ausbildungsoffizier bei der NVA", sagt er.

Die Schule, die Armee sind die Orte, die seinen Sohn Christian zu brechen versuchen. Die ihm das Grübeln austreiben und den Klassenstandpunkt einbleuen. Im Internat wird der Bildungsbürgersohn zum Mobbingopfer, mit einer Platzwunde am Kopf erscheint er zum Unterricht und sagt dem Staatsbürgerkundelehrer: "Ich habe mir beim Grübeln über den Klassenstandpunkt den Kopf zerbrochen."

Christian, gespielt vom jungen Sebastian Urzendowsky, und Liefers’ Richard, zeigen im Film etwas, das dem verschlungenen, teils märchenhaften Roman abgeht: Humor. Bei Schwochows Turm kann man lachen, nicht nur grübeln, über den Klassenstandpunkt oder die Frage, wer in dieser späten DDR die Guten oder die Bösen sind.

Denn genau wie der bigotte Richard ist auch der intellektuelle Meno, gespielt vom Zweitakter-Anschieber Götz Schubert, eine zutiefst zwiespältige Person. Der Lektor mit der Baskenmütze verliebt sich in die dissidente Dichterin Judith Schevola, wird aber von deren Freunden genauso abgelehnt wie von der roten Nomenklatura. Meno kann zwischen Zensur und Kunst hindurchlavieren, aber fühlt sich nirgends heimisch. Meno sei eine der vier Hauptfiguren, findet Christian Schwochow.

Aber die Familiengeschichte schiebt den Onkel leider ins Halbdunkel. Auch Götz Schubert hätte es gern gesehen, wenn Meno mehr Platz bekommen hätte. "Für mich ist Meno die spannendste Figur. Ich hätte gern noch mehr von ihm erzählt. Zum Beispiel die Not der so genannten "roten Aristokraten", die an den Sozialismus geglaubt haben und nun nicht mehr weiter wussten."

Im "Turm" geht es ums Bildungsbürgertum der DDR, das ist die allgemeine Lesart. Gerade im Westen waren die meisten so überrascht, dass es überhaupt so etwas gegeben hat, dass sie etwas Entscheidendes übersahen: Es ist ein neues Bürgertum, eine sozialistische Elite, deren Eltern im Moskauer Exil an Stalin und die Partei glaubten. Deren Kinder wandten sich erst Goethe und der Hausmusik zu, dann vielleicht Orwell, und mit dem alltäglichen Mangel wuchsen auch die Zweifel.

"Ich wünsche dem Film vor allem im Westen viele Zuschauer", sagt Produzent Nico Hofmann. Seine Firma Teamworx ist Deutschlands erste Adresse für Geschichtsfilme, von Kohl über Dutschke und Guttenberg und Wulff, aber den "Turm"-Zweiteiler möchte er gar nicht in diese Reihe stellen. "Es ist eine Literaturverfilmung, und Gott sei dank ist Uwe Tellkamp damit zufrieden", sagt Hofmann, als gerade der Autor vorfährt. Tränen in den Augen habe er gehabt, wird Tellkamp später sagen.

"Sehr warm, sehr nah an den Figuren", findet Hofmann den Film. Regisseur Schwochow lobt den Drehbuchautor Thomas Kirchner: "Er hat es geschafft, den Sprachduktus des Romans zu treffen und gleichzeitig etwas ganz Eigenes daraus zu machen." Christian Schwochow, Thomas Kirchner, und fast alle Schauspieler stammen aus dem Osten Deutschlands.

 Jan Josef Liefers und Claudia Michelsen sind Dresdner, sie sind befreundet, sei sie elf Jahre alt sind. Götz Schubert stammt aus dem nahen Pirna. Er meint, dass er in der Rolle des Meno seinen Vater spielt, "zumindest hat der immer so eine Baskenmütze getragen wie Meno."

Christian Schwochow sagt: "Der Film ist kein bunter Ossi-Zirkus." Aber der ostdeutsche Hintergrund half natürlich: "Beim Thema Stasi zum Beispiel: Die Stasi war auch Teil des Alltags. Das waren auch Menschen. Wenn jemand erzählt hat, dass er von der Stasi angesprochen wurde, ist den Anwesenden nicht gleich der Löffel aus der Hand gefallen." Aber es hat Auswirkungen: Auch Richard redet mit der Stasi. Um seine Karriere nicht zu gefährden und im verzweifelten Versuch, seinen Sohn zu schützen.

Seine Frau Anne weiß lange nichts davon. "Sie zweifelt an sich", sagt Anne-Darstellerin Claudia Michelsen. "Wie blind hat sie gelebt, nichts gespürt von der Geliebten des Mannes, von seinen Stasi-Kontakten?" Anne geht ihren eigenen Weg. Am Ende des Films, im Herbst 1989 sehen wir sie mit Kerze in der Hand auf der Straße.

In der Fortsetzung "Lava", sagt Uwe Tellkamp, wird Anne zur Politikerin. Christian Schwochow und Nico Hofmann warten schon gespannt auf den nächsten Roman, Verfilmung nicht ausgeschlossen. Die Stimmungen der späten DDR, zumindest einige Eindrücke davon, kann Fernseh-Deutschland nächste Woche nacherleben. Die Hoffnungen, die Schocks, die Anarchie der Nachwende-Zeit wären als nächstes dran..

"Der Turm", 3. und 4. Oktober, jeweils 20.15 Uhr, ARD

Jan Sternberg

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