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Keine Gurus, viele Helden: "Mythos Wagner" im Klinger Forum

Keine Gurus, viele Helden: "Mythos Wagner" im Klinger Forum

Das Klinger Forum eröffnet die Serie von Veranstaltungen zu Richard Wagners 200. Geburtstag in Leipzig, seiner Geburtsstadt. Eine Schau im Bildermuseum und die Einweihung von Stefan Balkenhols Denkmal auf dem von Klinger geschaffenen Sockel folgen im nächsten Monat.

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"Mythos Wagner" im Klinger Forum Leipzig: mehr oder weniger ironische Installationen von Thorsten Brinkmann (li) und von Henning von Gierke.

Quelle: André Kempner

Er liebte die deutschen Mythen und was sich darüber hinaus zu ihnen eingemeinden ließ; er wurde schließlich selbst zum Mythos, real nicht ganz fassbar. Ob man Richard Wagner als Person von seinem Werk trennen kann, wird spätestens seit der Vereinnahmung durch die Nazis immer wieder diskutiert. Auf der einen Seite der geniale Gesamtkünstler, auf der anderen der Nationalist, Antisemit und im Verhältnis zu Frauen Zwielichtige, vorsichtig ausgedrückt.

Kann man die Opern noch zeitlos inszenieren, so kommen heutige Ausstellungen zu Wagner um die Frage der Ambivalenz seiner Persönlichkeit nicht herum. Die von Kuratorin Margit im Schlaa eingeladenen Künstler gehen damit sehr unterschiedlich um, eine Trennung in zwei Generationen ist nicht zu übersehen. Beschäftigen sich die drei älteren, also Lüpertz, Kiefer und von Gierke mit Motiven seines Werkes, ist für die rund zwei Jahrzehnte jüngeren Brinkmann und Meese der umstrittene Mensch mindestens genau so wichtig.

Wie in einem Andachtsraum hängt Anselm Kiefers großformatiger Holzschnitt "Brunhilde Grane" ganz allein, halb Altarbild, halb Grabmal. Der Pionier der künstlerischen Rehabilitierung belasteter Symbolik deutscher Geschichte und Kultur spart nicht mit Überhöhung - ganz im Sinne des Komponisten. Schon das Motiv, die Selbstopferung der Kampfjungfrau samt ihrem Ross, taugt dafür, die weihevolle Umsetzung nicht weniger.

Deutlich mehr Abstand gewinnt Markus Lüpertz. Aus einer großen Serie von Porträts des mittelalterlichen Helden Parsifal, der durch Keuschheit die Gralsritter rettete, wurden einige Blätter für die Ausstellung ausgesucht, vom abstrahierenden Gitterkopf bis zur clownesken Übermalung. Der Untertitel "Männer ohne Frauen" der Mitte der 90er Jahre entstandenen Grafiken spielt ganz profan auf den Frauenmangel ostdeutscher Regionen in der Nachwendezeit an.

Henning von Gierkes Bild von musealen Ausmaßen, Isoldes Tod und Fortleben darstellend, scheint in der Machart ganz zum Ort, der Villa des Symbolisten Max Klinger, zu passen. Die sich anschließende "archäologische Grabung" hingegen wirkt zunächst nicht allzu ernst. In den abgesteckten Feldern, schon metertief unter dem heutigen Niveau liegend, entdeckt man Rheingold, Schwanenfedern, Waffenteile und andere unverzichtbare Ingredienzen, sauber sortiert nach einzelnen Opern. Einige warten noch auf ihre Freilegung. Es sind diejenigen, an denen der profunde Wagnerkenner von Gierke noch nicht als Bühnenausstatter, Kostümbildner oder gar Regisseur mitwirken konnte.

Ist die Ironie hier unterschwellig, wird sie in Thorsten Brinkmanns Rauminstallation dick aufgetragen. Er ließ sich vom rosa Raum in der Bayreuther Villa Wahnfried inspirieren, zu dem nur der Meister selbst Zutritt hatte. Brinkmann kombiniert historische Damenunterwäsche mit neuzeitlichen Laserschwertern, falsche Vögel mit echtem Sperrmüll. In farbenfrohen Fotoinszenierungen persifliert der Künstler Figuren wie Alberich, Siegfried und Brünhilde.

"Keine Gurus" nennt sich ein Gemälde Jonathan Meeses, in welchem er selbst auf Richard Wagner in "Extremstbayreuth" zusammentrifft, quasi sein Bewerbungsschreiben für die Parsifal-Inszenierung zu den Festspielen 2015, wie die Kuratorin anmerkt. Auf anderen Bildern wird der auf wenige Merkmale reduzierte Kopf des Komponisten mit Floskeln kombiniert, Richard der Popstar. Wie immer beim obersten Trainingsjackenträger ist der Übergang vom Kunstwollen zu echtem Wahn fließend. Dass er sich für Wagner interessiert, ist naheliegend, ebenso wie für Caligula, Stalin oder Hitler.

Die Libretti und Opern Richard Wagners konnten so nur im pathosverliebten und geschichtsverklärenden 19. Jahrhundert entstehen. Doch im Unterschied zur historistischen Malerei dieser Zeit übt diese vertonte Welt der Drachentöter, Walküren und Zauberzwerge auf viele Menschen des 21. Jahrhunderts einen anhaltenden Reiz aus, das Jubiläumsjahr wirkt da noch als Verstärker. Die fünf im Klinger Forum versammelten bildkünstlerischen Auseinandersetzungen können nur eine kleinen, aber symptomatischen Ausschnitt der Interpretationsvarianten bieten.

Mythos Wagner: bis 7. Juli, Fr 14-18, Sa/So 10-18 Uhr; Klinger Forum, Karl-Heine-Str. 2

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 22.04.2013

Jens Kassner

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