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Keine Ruhe für Marcel Beyer

Georg-Büchner-Preis Keine Ruhe für Marcel Beyer

Marcel Beyer hat im Osten zur Vergangenheit gefunden. 1996 zog der heute 50-Jährige von Köln nach Dresden. Länger schon wird sein Werk mit Preisen überhäuft. Nun bekommt er auch noch den Georg-Büchner-Preis.

Der Schriftsteller Marcel Beyer erhält den Georg-Büchner-Preis.

Quelle: dpa

Leipzig. Wenn’s einmal läuft: Anfang Juni hat der Schriftsteller Marcel Beyer für sein literarisches Gesamtwerk den Düsseldorfer Literaturpreis entgegengenommen, dotiert mit 20  000 Euro. Am Dienstag gab die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung bekannt, dass Beyer im November den Georg-Büchner-Preis erhält, der als wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland gilt.

Mit den Worten „Ich dachte, jetzt ist erst mal Ruhe ein paar Jahre“, reagierte der Autor, Lyriker und Essayist auf die Nachricht. Die Jury aber gibt keine Ruhe, denn sie findet: Marcel Beyer „beherrscht das epische Panorama ebenso wie die poetische Mikroskopie. Ob Gedicht oder Roman, zeitdiagnostischer Essay oder Opernlibretto, für Marcel Beyer ist Sprache immer auch Erkundung.“

Der Autor widme sich der Vergegenwärtigung deutscher Vergangenheit mit derselben präzisen Hingabe, mit der er die Welten der Tiere und Pflanzen erforscht. „Er hat den Sound der Straße im Ohr, er kennt die Testgelände der ästhetischen Avantgarden, er ist vertraut mit der tückischen Magie der Medien. Seine Texte sind kühn und zart, erkenntnisreich und unbestechlich.“

Zur Vergangenheit fand der 1965 in Tailfingen (Baden-Württemberg) geborene Beyer durch den Mauerfall. Im Osten stellte er fest, sind „die Spuren der Zeit vor 1945 viel präsenter.“ 1996 zog er von Köln nach Dresden. Da war seine erster Roman, „Das Menschenfleisch“, bereits erschienen. Und auch „Flughunde“, der ihn auch international bekannt machte. Darin erzählt er vom Zweiten Weltkrieg, von der Instrumentalisierung der Sprache durch die Propaganda und von Experimenten mit menschlichen Stimmen.

Es folgten die Lyrikbände „Falsches Futter“, „Erdkunde“ und „Graphit“, in denen er Sprache, Landschaften und Kulturen erforscht. Im Roman „Spione“ erkunden Carl, Nora, Pauline und ihr Cousin die Familiengeschichte, auch in „Kaltenburg“ geht es um Lebensläufe, unter anderem den eines Ornithologen und Verhaltensforschers, der nach dem Krieg in Dresden ein Forschungsinstitut aufbaut und nach dem Mauerbau plötzlich verschwindet. Sein Werk erscheint im Suhrkamp Verlag.

Beyer hat zahlreiche Poetikdozenturen wahrgenommen, wurde mit dem Uwe-Johnson-Preis, dem Joseph-Breitbach-Preis ausgezeichnet, dem Pastior- und dem Kleist-Preis und 2015 mit dem Bremer Literaturpreis. Nun also der mit 50   000 Euro dotierte Büchner-Preis, der zuletzt an Rainald Goetz, Jürgen Becker, Sibylle Lewitscharoff und Felicitas Hoppe ging. Der Ausgezeichnete zeigte sich am Tag der Bekanntgabe „euphorisch“.

Auf Lesungen werde er übrigens auf die Pegida-Aufmärsche angesprochen. Er sehe sich eher als „Mittlerfigur“. Das Klima in Dresden sei lange unerträglich gewesen. Im Westen wiederum gebe es viele stereotype Reaktionen, beklagt Beyer. Die Probleme im Osten, sagt er, gehen die gesamte Gesellschaft an. Klingt nachvollziehbar – liegt doch die Ursache im Gemeinsamen. Und vielleicht kann ja die Sprache von heute im Umgang auch mit dem Gestern noch etwas ausrichten.

Sachsens Kunstministerin Eva-Maria Stange (SPD) gratulierte und würdigte Beyer, der einer der wichtigsten zeitgenössischen deutschsprachigen Lyriker sei. „Klug und genau, mit virtuos angewendeten Mitteln der heutigen Literatur verfasst, gehen seine Geschichten unter die Haut.“

Für seine Preisträgerrede will sich Beyer intensiv mit Büchner beschäftigen, den er schon früh „noch vor dem Schreiben“ gelesen hat. „Der Woyzeck war ein ganz starker Eindruck.“ Büchner habe ja auch „in die Welt reingehorcht und Phänomene in Kunst verwandelt“, erklärte er. „Dieses Arbeiten mit Fremdtext, diese Sensibilität für das Geschehen da draußen in der Welt ist etwas, was mich sehr inspiriert und wo ich mich verwandt fühle.“

(mit dpa)

Von Janina Fleischer

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