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Keine Spur von Altersmilde: Konstantin Wecker im Gewandhaus

Keine Spur von Altersmilde: Konstantin Wecker im Gewandhaus

Wann hat sich Konstantin Wecker eigentlich in einen netten Opa verwandelt? Oder war sein Grinsen schon damals, als er noch uferlos über die Bühnen und durchs Leben trieb, so gutmütig wie jetzt? Reihe für Reihe wandert sein Hunde-Blick über die 1200 Zuschauer im Gewandhaus, in dem er am Freitagabend zum zweiten Mal in anderthalb Jahren drei Stunden lang von "Wut und Zärtlichkeit" gesungen hat.

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Die Perlenkette in den Reggaefarben verstärkt nur die Einsicht, dass Konstantin Wecker nicht jung geblieben ist - aber zum Glück auch nicht altersmilde.

Quelle: André Kempner

"Man sollte wenigstens die eigenen Bücher in Senioren-Schrift schreiben", witzelt er und schiebt sich eine Lesebrille auf die Nase.

Weckers Mimik mag großväterlich geworden sein, altersmilde ist er aber mit 65 zum Glück keineswegs. So wenig, wie es Erich Kästner war, dessen "Phantasie für übermorgen" Wecker in eine seiner Anthologien aufgenommen hat und die er jetzt mit Brille vorliest. Von Frauen ist darin die Rede, die Kriegstreiber übers Knie legen, "die Herren der Bank und Industrie, den Minister und General".

Da schätzt es Wecker selbst durchaus konkreter, zuvor hat er gleich im zweiten Stück des Abends, in "Absurdistan", klare Feindbilder genannt, die Bild-Zeitung, Terrorexperten, Wirtschaftsanalysten, Johannes B. Kerner etwa. "Und wenn Umsätze steigen und Löhne sinken, hat das nichts miteinander zu tun", singt er zynisch, verliert jedoch eigentümlicherweise nicht seine Herzlichkeit.

Den moralischen Anspruch versteckt Wecker seit jeher selten zwischen den Zeilen, trotzdem empfindet man seine Botschaften selten als aufdringlich, was nicht nur am Münchner Charme liegt. Er hat vielmehr leider so verdammt oft recht mit dem, was er singt und sagt, mag er das "R" noch so großartig pathetisch rollen. "Kann man wütend sein und weise? Laut sein und im Lauten leise?", fragt er im Titellied "Wut und Zärtlichkeit". Wenn es einer hinkriegt, möchte man antworten, dann er.

Wäre Wecker nicht auch eitel, hätte er seinen Beruf verfehlt, doch er demonstriert im Konzert auch immer wieder, wie sympathisch wenig er sich letztlich auf sich einbildet. Und das nicht nur, wenn er im Duett mit Schlagzeuger Jens Fischer Rodrian die Human Beat Box anwirft, worin Wecker kein Experte ist, oder zum bayerischen Knast-Reggae "St. Adelheim" jodelt. Sondern vor allem, wenn er erzählt, wie er 1982 in Bochum vor 60000 Menschen Harry Belafonte am Klavier begleiten durfte, vor so vielen Zuschauern "wie nie zuvor - nachher auch nicht mehr". Jahre später sei er dem Idol erneut begegnet: "Er hat mich nicht erkannt" und auf Weckers euphorische Erzählung freundlich trocken geantwortet: könne schon sein.

Wenn Wecker scheinbar prahlt, dass der Text vom Lied eben der beste sei, den er je geschrieben habe, gibt er im nächsten Satz zu, dass die Zeilen in Wahrheit von Bertolt Brecht stammen. Dessen leidenschaftlichen und Liebesgedichten gab er Ende der 90er eine neue Musik. Freilich dominieren aber die Stücke der aktuellen Platte das Programm wie schon auf einer kürzlich erschienenen Live-Doppel-CD. Deren Inhalt erlebt bis hinein in manche Ansagen eine weitere Aufführung, mit wenigen Ausnahmen. Dass Wecker nach politischen Nummern wie "Frieden im Land", "Wenn unsere Brüder kommen" oder dem Mutmachlied "Sage Nein!" darauf hinweist, dass deren Ursprung schon Jahrzehnte zurückliege, spricht entweder für ihn als Propheten - oder gegen die Gegenwart.

Da ist es akzeptabler, wenn sich seine Liebeslieder als zeitlos erweisen. Das von 1976 etwa, das "Liebeslied" heißt und es 1982 sogar auf eine Amiga-Kompilation schaffte. Er sang es im selben Jahr in der Leipziger Kongreßhalle, eine Zuschauerin steuert ein Foto von damals bei. Als Wecker es sieht, kommt er ganz aus dem Konzept. "Mei, was war ich jung."

So wenig wie Milde bei Wecker zum Älterwerden gehört, ist es jedwede Askese. Nach Liebe und Politik ist Genuss sein drittes großes Thema und nicht nur seins: Die hervorragenden Multiinstrumentalisten Fischer (der auch gut Gitarre spielt), Pianist Jo Barnikel sowie Gitarrist und Pedal-Steel-Virtuose Nils Tuxen lassen sich in "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist" minutenlang von ihrer Spielfreude verführen. "Was für eine Nacht", kommentiert Wecker in "Questa Nouva Realtá" gewissermaßen das Treiben und schaut sich sein Publikum aus der Nähe an. Für die Stufen des Gewandhaus-Parketts ist der Mann mit dem großväterlichen Lächeln und der Lesebrille lange nicht zu greis.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 25.03.2013

Mathias Wöbking

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