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"Kennung": Hermann Kant legt verrätselten "Geheimdienst-Thriller" vor

"Kennung": Hermann Kant legt verrätselten "Geheimdienst-Thriller" vor

Hermann Kant spricht gern in Rätseln. Das gilt besonders, wenn es um Geheimdienste und hier speziell um Dunkelmänner der Stasi geht. Der heute 83-jährige Schriftsteller („Die Aula“) und frühere, einflussreiche Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes und SED-Kulturfunktionär will selbst niemals ein Stasi-Spitzel gewesen sein („Ich habe Kürzel wie IM, KP oder GI nicht einmal gehört“), er habe aber mit den Leuten vom Ministerium für Staatssicherheit gesprochen, „weil es albern gewesen wäre, ganz für die DDR zu sein, aber nicht mit deren Sicherheitsministerium zu reden“.

Berlin. Dessen ungeachtet hat die Stasi ihn unter dem Decknamen „Martin“ geführt. Wie sich das abgespielt haben könnte, beschreibt Kant - nach seinen früheren autobiografischen Aufzeichnungen „Abspann“ - jetzt in dem ziemlich verrätselten Roman „Kennung“.

Darin erzählt Kant von ominösen Treffen mit Geheimdienstleuten, die ihn in seiner Dichterklause aufsuchen und ihm den Auftrag erteilen, seine Soldaten-Kennmarke aus der Wehrmachtszeit zu ermitteln. Sein Romanheld wird von Alpträumen über Stasi und Konsorten geplagt. Obwohl Kant ja erst kürzlich betont hat, es sei nie versucht worden, ihm jemals einen Auftrag zu erteilen, „weshalb ich auch keinen erfüllt haben kann“, lässt er seine Romanfigur, den „aufstrebenden Kritiker“ und Möchtegern-Autor Linus Cord, auf umfängliche Spurensuche zwischen Ost- und West-Berlin gehen.

Sie führt ihn bis zur „Deutschen Dienststelle“, der Wehrmachtsauskunftstelle am Eichborndamm im westlichen Bezirk Reinickendorf, wo seit Kriegsende 18 Millionen Karteikarten der ehemaligen Deutschen Wehrmacht lagern. Es ist der Ort, wo die erst im Jahr 2006 öffentlich gemachten Karteiblätter über die frühere Zugehörigkeit von Günter Grass zur Waffen-SS lagern.

Kant lässt seinen Romanhelden aufatmen, da seine Nachforschungen in eben dieser Wehrmachtsauskunftstelle belegen könnten, „der so Markierte sei nicht bei der Waffen-SS“ gewesen. Mit dem heute 82- jährigen Literaturnobelpreisträger hatte Kant erst kürzlich ein Streitgespräch über dessen Buch „Günter Grass im Visier - Die Stasi- Akte“ im Berliner Ensemble geführt.

„Nichts ist schlimmer, als nicht mehr den Überblick über Freund und Feind zu haben“, heißt es bei Kant „in Verkennung der Kennung“. Aber er macht es auch dem Leser nicht leicht, in seiner Erzählung noch durchzublicken. Oft hat man den Eindruck eines „Insiderromans“, den immer weniger Eingeweihte noch entschlüsseln können.

Kant liebt die Wortakrobatik und metaphernreiche Anspielungen zum Beispiel über die Stellung des Schriftstellers in der DDR - „der Freiberufler in geschlossener Gesellschaft hatte etwas vom Freigänger der geschlossenen Anstalt“, er nennt die Stasi auch mal in (natürlich) verwirrender Schreibweise die „Arbeiterundbauernmachtdetektei“, die die zu Überwachenden anhielt, „sich an Flughöhen und Korridore“ zu halten, „anfängliche Weisungen wurden Gepflogenheiten“.

Kant jongliert mit Begriffen und unterscheidet zum Beispiel zwischen Mitwisser und Mittäter. Kant legt Spuren, spinnt Fäden (der Name Ariadne kommt zwangsläufig öfter vor), ergeht sich in dunklen Andeutungen („ein Kontakt ist ein Kontakt ist ein Kontakt“) und ermüdet den Leser schließlich mit seinen Wortspielereien, die den „Mephisto der DDR“ einst berühmt gemacht haben und doch mehr verdunkeln als erhellen über den Drahtseilakt zwischen Literatur und Politik, Kunst und Macht. „Vielleicht ist er ein Halunke, aber schreiben kann er“, sagte früher einmal der westdeutsche Kritiker Marcel Reich-Ranicki, der damit aber Kants Hauptwerke „Die Aula“ (1965) und „Der Aufenthalt“ (1977) meinte.

Kant erzählt quasi als Alptraum eine Geschichte, die seinen Romanhelden und Literaturkritiker „zunehmend befremdet“. Es ist eine Abrechnung mit der Stasi als einer „technisch begabten Phalanx“, einem „listenreichen Stoßkeil“ und einem „Trupp waffentragender Trickser und Täuscher“. In Wahrheit sei es um „Anmaßung, Vergeudung und Gespensterfurcht“ gegangen. Kants Romanheld verlässt das Geheimdienstabenteuer „erleichterten Herzens und erhobenen Hauptes“. Kollegen wie Erich Loest und Jürgen Fuchs sind da anders davongekommen und haben an solche „Abenteuer“ auch andere Erinnerungen.

Hermann Kant: Kennung

Aufbau Verlag, Berlin

250 Seiten, 19,95 Euro

ISBN 978-3-351-03301-9

Wilfried Mommert, dpa

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