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Kleine Rettungen: Mit „Die Maske“ erscheinen neue Erzählungen von Siegfried Lenz

Kleine Rettungen: Mit „Die Maske“ erscheinen neue Erzählungen von Siegfried Lenz

Siegfried Lenz ist einer der bekanntesten deutschen Autoren von Romanen („Deutschstunde“) und Erzählungen („Das Feuerschiff“), von denen etliche verfilmt wurden.

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„Die Maske“ war angekündigt als Roman, doch Siegfried Lenz legt nun einen schmalen Erzählband mit fünf Geschichten vor. Es geht um Lebensweisheiten, um die Kraft der Fantasie und der Literatur.

Quelle: dpa

Leipzig. Zuletzt erschienen die Novellen „Schweigeminute“ und „Landesbühne“. Mit „Die Maske“ erscheint an diesem Donnerstag ein neuer Erzählungsband. Unspektakulär verbindet Lenz Lebensweisheit mit Lebensmut, Schicksal mit Illusionen.

„Wer erzählt, gibt ja unwillkürlich etwas über sich preis“, schreibt Siegfried Lenz, „selbst wenn Worte verbergen oder entstellen, bezeichnen sie den Erzähler“. Sieht man so mit ihm auf seine neuen Geschichten, zeigt sich der 85-Jährige erneut als Menschenfreund, als jemand, der kleine Tragödien symbolhaft aus dem Alltags-Fluss fischt, weil er an Illusionen wohl glauben mag, das Schicksal aber nicht verleugnen will. Nicht dem großen Ganzen gilt sein Interesse, vielmehr sind es kleine Gemeinschaften zur Rettung Schiffbrüchiger – im Wortsinn wie im übertragenen.

„Die Sitzverteilung“ heißt die Erzählung, in der ein Ich-Erzähler die Gäste einer Feierstunde platziert. Das „Silberne Steuerrad“ soll dem Kapitän des Holzschoners „Britta“ überreicht werden. Dessen Schiff war in einen schweren Sturm geraten und gesunken. Daran allerdings trägt der Kapitän, weil er sich nicht hatte helfen lassen, eine Mitschuld, wie nach und nach herauskommt. Fast alle der Besatzungsmitglieder und Passagiere haben sich retten können, dennoch lauert unter dem offiziellen Lob des Mutes und der Ausdauer eine kleine, entscheidende Lüge. Die verschwindet auch nicht, als der Kapitän den Preis ablehnt, indem er ihn einem anderen überreicht. Die Wahrheit, so zeigt sich, ist eine Projektion; sie spiegelt Erwartungen wie auch Versäumnisse. Darum gelten Achtung und Anerkennung nur bedingt dem Geehrten, hier entledigt sich der Ehrende einer Verantwortung.

Um Illusionen geht es in „Der Entwurf. Im Krankenhaus trifft der Erzähler auf einen Zimmernachbarn, der, er ist Schriftsteller, die Geschichte seines Sohnes Sven in ein Schulheft geschrieben, aus dem er nun seiner Frau vorliest. Da erzählt er vom Kind, das „die Eigenschaften eines Entdeckers, eines Forschers erkennen ließ“, vom Jungen, der auf dem Schulhof Partei für andere ergriff, der jemanden ins Wasser stieß und dann rettete, vom empfindsamen Mann und einem dramatischen Tod. Eine Leerstelle zu schließen, reißt dieser Vater eine andere. Die Kraft der Phantasie, Vermögen des Schriftstellers, vermag viel, doch sie reicht hier nicht für den erwarteten Trost.

Lenz erzählt davon unspektakulär: besonnen und ohne Umschweife, immer wieder auch mit feinem Humor. Satz für Satz lässt er eine Ahnung wachsen und die Leser eintauchen – auch in die Schönheit der Sprache. „Das Schicksal verzichtet oft auf Kommentare, es begnügt sich damit, zuzuschlagen“, sagt ein Filmregisseur zum Journalisten, mit dem er über seinen Film „Der Vorkoster“ spricht, in dessen Zentrum die „Entstehung und Begründung eines Geschmacksurteils“ steht. Wieder geht es aufs Meer hinaus, wird einer vor dem Ertrinken bewahrt. Diesmal nimmt der Retter den Dank an und wird eben jener Vorkoster bei einer Firma, die Proviant für die Küstenschifffahrt liefert. „Wem es gelingt, sich aus seinen Niederungen hervorzustemmen, der gewinnt wie von selbst ein allgemeines Interesse“, erklärt der Regisseur – quasi mit einem Seitenblick in Lenz’ Schreibstube.

Der lässt die meisten Geschichten plausibel, aber tragisch enden. Exemplarisch steht dafür ein Museumswärter, der dem Bild „Antonia mit dem blauen Schal“ verfallen ist. Einen Kunstraub nutzt er, es beiseite und in sein Haus zu schaffen. Diese Entführung ist der Anfang vom Ende seiner Ehe. „Rivalen“ ist das Gleichnis überschrieben. Doch konkurrieren nicht nur zwei Frauen, es wird der Kampf zweier Seiten im Menschen sichtbar.

Eine Maske kann gleichermaßen freigeben, wie sie verbirgt. In der titelgebenden und längsten Erzählung wird ein Container aus China voller Tiermasken an Land gespült, mit denen die Gäste beim Inselwirt im „Blinkfeuer“ ausgelassen spielen. Wie durch einen Zaubertrank finden als Drache und Wildkatze, Bär und Frosch zerstrittene Menschen zur Versöhnung und entwickelt sich sogar eine Liebe zwischen Jan und Lene. Wäre da nicht eine Kunststudentin, die in ihrer Porträtzeichnung versucht, Jan „erkennbar zu machen“. So tritt eine dritte Wahrheit aus dem Dunkel der Vorstellung. Das Offenlegen von Geheimnissen führt zum Ende der Gefühle.

Lenz erzählt davon, wie Menschen versuchen, der Welt gewachsen zu sein. Er schreibt darüber in sympathischer Lakonie, weise und mit Witz.

Siegfried Lenz: Masken. Erzählungen.

Verlag Hoffmann und Campe

128 Seiten

17,99 Euro

Janina Fleischer

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