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Kleines Kino: Die Branche trifft sich in Leipzig

Filmkunstmesse Kleines Kino: Die Branche trifft sich in Leipzig

Gewinner und Verlierer bei der Filmkunstmesse in Leipzig: Bei der Auszeichnung der Programmkinos geht der Hauptpreis an das Burg Theater nach Burg. Die Branche diskutiert über: zu viele Filme im Kino, wirtschaftlichen Druck und neue Verbreitungswege.

Die Leipziger Filmkunstmesse geht noch bis Freitag.

Quelle: Rainer Justen

Leipzig. Die Ausstattung ist üppiger. Dafür hat die Mitteldeutsche Medienförderung (MDM) tief ins Budget gegriffen – weil bisher einfach zu viele preiswürdige Kinos leer ausgehen mussten. Also wurde das Geld für den Kinoprogrammpreis um 14 500 Euro auf jetzt 79 500 Euro aufgestockt. „Ich hoffe, das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange“, sagte Manfred Schmidt, der MDM-Geschäftsführer, zur Preisverleihung in den Leipziger Salles de Pologne.

Immerhin hatten sich in diesem Jahr 35 Filmtheater aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen um eine der seit 2003 vergebenen Auszeichnungen beworben. So viele wie noch nie. Kein Zufall, dass der Hauptpreis an das Burg Theater in Burg ging. Eine Gruppe junger Leute, organisiert in einem Verein, bemüht sich dort, Filmkultur in einen Ort mit 23 000 Einwohnern zu bringen – mit Arthouse-Produktionen, Klassikern, Kurz-, Dok- und Kinderfilmen, originalsprachigen Vorführungen. „Mit den Filmen, die wir zeigen, erziehen wir auch unser Publikum“, sagt Daniel Gräsing. Es hat funktioniert. In 552 Vorstellungen in einem Saal mit 154 Plätzen fast 16 000 Zuschauer zu bekommen, das ist schon erstaunlich – und macht nun auch Claudia Meissner als bezahlte Kinoleiterin möglich. Aus Leipzig ausgezeichnet wurden die Passage Kinos, die Kinobar Prager Frühling, das Luru Kino in der Spinnerei, die Schaubühne Lindenfels, die Schauburg und das Cineding.

75 neue Filme in 165 Vorstellungen

Es ist inzwischen Tradition, dass dieser Kinoprogrammpreis immer zur Eröffnung der Filmkunstmesse Leipzig vergeben wird, dem größten Treffen der Arthouse-Kinos in Europa. „Es gibt für die Zukunft des Kinos nichts wichtigeres“, so MDM-Chef Manfred Schmidt, „als Leute, die Filme vertreiben, und Leute, die Kinos betreiben, zusammenzubringen“. So laufen bis Freitag nicht nur in 165 Vorstellungen 75 neue Filme (35 werden öffentlich gezeigt), teils lange vor ihrem Kinostart, damit sich beide Partner über Einsatz und Werbestrategien verständigen können, sondern gibt es auch Workshops und Diskussionen – über Veränderungen im Publikumsverhalten, zu viele Filme, die in die Filmhäuser drängen, die Zukunft kleiner, ländlicher Kinos – oder treffen Nachwuchsproduzenten auf die Kinobetreiber.

Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung sprach zur Eröffnung erfreut darüber, dass die Leipziger Filmkunstmesse seit 2001 aus einer Nische zum Festival gewachsen ist. Mehr Filme, mehr Akkreditierungen sind sicher ein gutes Zeichen. „Die Filmkunstmesse zeigt die Vitalität der Branche – und die kulturelle Vielfalt, für die unsere Arthouse-Kinos stehen“, betonte Christian Bräuer, Vorsitzender der AG Kino – Gilde deutscher Filmkunsttheater e.V., die die Messe veranstaltet.

Aber natürlich stehen die alten Fragen, immer wieder neu gestellt, im Raum: Gibt es zu viele Filme im Kino (wieder über 500 im letzten Jahr)? Zerstört wirtschaftlicher Druck die Vielfalt (wer nicht rasch Kasse bringt, fliegt aus dem Spielplan)? Setzen neue Verbreitungswege (Amazon Prime, Netflix) Kinos unter Druck? Darum drehte sich im Kern die erste Rederunde in der Alten Handelsbörse – und um Dokfilme im Kino. 79 kamen 2015 in Deutschland heraus. So viele wie in keinem anderen Land. Nur: Der Erfolg fehlte. Die Hälfte hatte noch nicht einmal 10 000 Besucher, nur einer kam bisher auf 70 000: „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“ von der Leipziger Firma Celluloid Fabrik. Nüchternes Fazit von Christian Bräuer: „Leider erreichen Dokfilme mit ihren Themen selten Relevanz und Zuschauer.“

„Wir haben die bürgerliche Mitte verloren“

Peter Dinges, Vorstand der Filmförderungsanstalt (FFA), legte dann den Finger in eine gesellschaftliche Wunde, die schon seit Jahren schwärt: In Deutschland fehlt, im Unterschied zu Frankreich, das Interesse am Kino. Klare Erkenntnis: „Wir haben die bürgerliche Mitte verloren.“ In Frankreich ist Film ein Kulturgut, in den USA eine Unterhaltungsware, Deutschland liegt ziemlich unentschieden dazwischen. Das ist auch die Erfahrung von Bettina Reitz, langjährige Produzentin bei ZDF und Bayrischem Rundfunk: Der Film spielt in den Nachrichten keinerlei Rolle.

Allerdings waren sich alle in der Runde, trotz der Probleme mit viel zu vielen Filmen, die sich im Kino bedrängen und verdrängen, in einem einig: Arthouse steht für kulturelle Vielfalt – und die muss unbedingt erhalten bleiben. Da schlug sich der Wild Bunch-Geschäftsführer Marc Gabizon gleich an die Brust. Verleiher müssten sich fragen, ob sie nicht selbst die fatale Situation verursacht hätten – und sollten für Filme auch mal andere Auswertungswege suchen. Dass europäische Produktionen, außer denen aus Großbritannien und Frankreich, so wenig zur Kino-Vielfalt beitragen, läge, so Christian Bräuer, an fehlenden Werbebudgets. Sie fielen einfach keinem auf.

Von Norbert Wehrstedt

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