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Kleist verweigert sich: Warum Anne Tismer und Michael Vogel diesmal scheitern

Lindenfels Westflügel Kleist verweigert sich: Warum Anne Tismer und Michael Vogel diesmal scheitern

Der Westflügel hat am Mittwoch zur Aufführung Nummer drei seiner losen Session-Reihe eingeladen. Dieses Mal stand Heinrich von Kleists Drama-Erstling „Die Familie Schroffenstein“ auf dem Programm.

Lecture-Performance aus dem Butzemannhaus: Michael Vogel und Anne Tismer.

Quelle: Thilo Neubacher

Leipzig. Einmal ist keinmal. Sagt man ja so. Nach den „Songs from the Graveyard“ und „Bernarda Albas Haus“ hat der Westflügel am Mittwoch zur Aufführung Nummer drei seiner losen Session-Reihe eingeladen. Also zu einer weiteren jener beherzten Schnellschüsse unmittelbaren Spiels bei minimaler Probenzeit, die dann, Premiere und Dernière zugleich, als Einabendfliege zum Bühnenleben vor Publikum erweckt werden. Dieses Mal stand Heinrich von Kleists Drama-Erstling „Die Familie Schroffenstein“ (Regie: Hendrik Mannes) auf dem Programm.

Eine „Romeo und Julia“-Variation, die allerdings „viel besser als Romeo und Julia“ sei. Was natürlich Blödsinn ist – aber wenn Anne Tismer so was sagt, nimmt man das hin, nickend, als wäre man immer schon selbst dieser Meinung. Und um hier jetzt auch gar nicht erst groß rumzuschwärmen – aber dass nun just diese Schauspielerin und Performancekünstlerin für die Kleist-Session gewonnen werden konnte, ist natürlich erst einmal ein Glück. Für die Aufführung und für den Zuschauer. Dass dann wiederum diese „Schroffensteins“ selbst nicht geglückt sind, ist eine andere Geschichte.

Und die fängt an bei einem Konzept, das der gebotenen rabiaten Short-Cut-Variante des Dramentextes noch einen soliden Packen Kleist-Briefe beistellt. Warum? Weil das Ganze ohne die doch zu „short“ geworden wäre? Jetzt geriet es mit mehr als 90 Minuten Spielzeit zu lang.

Figuren als Fremdkörper im Textkörper

Oder weil Kleists Frauen- und Männerbild, das er in diesen Briefen vor allem gegenüber Wilhelmine von Zenge ausführlich darlegt, für die damalige Zeit zwar typisch war, bei dem Dichter aber mitunter schon groteske, wenn nicht pathologische Züge annimmt, die hier ihrerseits den Blick auf die „Familie Schroffenstein“ erhellen oder vertiefen helfen sollen? Nun, immer heikel, Künstler und Werk derart kurzzuschließen. Dass es ein reines Vergnügen ist, wie Tismer diese Briefe liest, ändert daran nichts.

Die Aufbereitung des Dramas selbst offeriert dann Parodie und Groteske. Das passt. Der Text, mag er auch besser als „Romeo und Julia“ sein, hat es verdient. Und kann es auch ab. Gemeinsam mit Michael Vogel liefert Tismer eine Lecture-Performance samt Figurenspiel aus dem Butzemannhaus. Einem ziemlich unaufgeräumten, in dem das Personal mal chaotisch verstreut, mal zu Chaosbergen getürmt, durchaus was vom Gefühls- und Handlungschaos des Dramas anreißt.

Was dann indes die Nervenstränge zu diesem kappt, ist etwas anderes. Dass hier nämlich das Personal, also die Figuren selbst – krakelig, bunt, mit pittoresk spinnenhaften Extremitäten und glubschigen Augen – anmuten, als wären sie, statt von einem phantasiebegabten Figurenbauer und Spieler (Michael Vogel), eher von einem berüchtigten Leipziger Gegenwartsmaler, der es zur Abwechslung mal mit Phantasie versuchen wollte, geschaffen worden. Kleist reagiert mit Verweigerung.

Figuren als Fremdkörper im Textkörper – natürlich, so was kann, im Westflügel hat man das oft gesehen, gut funktionieren, kollidierend oder ineinander greifend. Hier passiert genau das nicht. Kaum inhaltlicher Kontakt und kein ästhetischer Konflikt. Kann vorkommen. Einmal ist keinmal.

Von Steffen Georgi

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