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Klingende Möbel aus Leipzig

Musikinstrumentenmuseum im Grassi Klingende Möbel aus Leipzig

Leipzigs klingende Möbel: Musikinstrumentenmuseum im Grassi zeigt selbstspielende Instrumente aus der Zeit von 1880 – 1930. Damals war Leipzig weltweit führend in Entwicklung und Bau solcher Automaten.

Feierabend-Vergnügungen: Ariston in einer Arbeiter-Unterkunft, Postkarte um 1900.
 

Quelle: Musikinstrumentenmuseum

Leipzig.  „Da muss“, sagt Birgit Heise, Kustodin des Musikinstrumentenmuseums der Uni Leipzig im Grassi-Komplex, „selbst der griesgrämigste Besucher grinsen“. Sie muss es auch: Im Obergeschoss ist gerade eines der Glanzstücke ihrer aktuellen Sonderausstellung in Aktion, das Happy Jazz Orchestrion der Leipziger Fabrik pneumatischer Musikwerke Popper. In den 20ern markierte dieser Musikautomat den Gipfel des Machbaren. Pneumatisch betrieben, also mit Luftdruck, und von einer gut 30 Zentimeter breiten Lochpapier-Rolle mit den nötigen musikalischen Informationen versorgt, fährt der Klang dieses raumgreifenden Möbels mit seinem leicht hüftsteifen Mode-Foxtrott sofort in die Beine. Unten spielt ein Klavier, darüber wohnt ein ausgewachsenes Schlagzeug mit Bass-Drum, Becken, Kleiner Trommel. „Solche Automaten“, sagt Heise, „standen in Bars oder Tanzlokalen der gehobenen Kategorie, und dort waren sie die Vorläufer der Jukebox: Die Gäste mussten Münzen einwerfen, wollten sie Musik hören.“

Um die 20 000 Mark kostete so ein Orchestrion damals, nach heutiger Kaufkraft wären das gut und gerne 150 000 Euro. Für die meisten Privathaushalte war das unerreichbar. Wie die Phonoliszt-Violina Modell B der Firma Ludwig Hupfeld, ebenfalls aus den 20ern und seinerzeit als Achtes Weltwunder gefeiert. Denn mit der Phonoliszt-Violina gelang Hupfeld, was zuvor als unmöglich galt: die Konstruktion einer selbstspielenden Geige. Eigentlich sind es sogar drei, die sich im schrankartigen Aufsatz über dem Selbstspiel-Klavier verbergen. Doch wird von jeder nur eine Seite bestrichen vom hochkomplex geflochtenen Ring-Bogen. Pneumatisch betriebene Filze ersetzen die Linke des Geigers, das Klavier steuert die Begleitung zu – und die berühmte Barkarole aus Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ klingt nachgerade lebendig, mit Artikulationsfinessen, dynamischen Abstufungen, Vibrato, allem Pipapo.

Diese feinmechanischen Meisterwerke stehen für die Leistungsfähigkeit eines Zweiges der Musikindustrie, dessen Herz in Leipzig schlug. Denn nicht nur im Verlagswesen, bei der Ausbildung von Musikern, beim Bau herkömmlicher Musikinstrumente war Leipzig führend auf dem Weltmarkt, sondern auch bei der Erfindung und beim Bau selbstspielender Instrumente. In den Fabriken von Paul Ehrlich, bei Schmidt & Co., Wellner und Prager, Geißler, in den Werken von Tannhäuser, Orpheus, Brachhausen und Reißner, bei Hupfeld und Frönsdorf, bei Kästner und Popper entstanden vom Tischautomaten mit klingenden Zungen und Lochplatte über selbstspielende Zithern, Klavier und Harmoniums bis zu den höchst komplexen Orchestrions Zehntausende Musikautomaten im Jahr. Viele Tausend Uhrmacher, Instrumenten- und Orgelbauer, Uhrmacher, Mechaniker, Ingenieure brachten sie in Lohn und Brot. Dazu sorgten ein halbes Dutzend Notenrollen-Fabriken dafür, dass die Musik nicht ausging und das Repertoire auf aktuelle Moden reagieren konnte.

100 dieser Automaten zeigt das Musikinstrumentenmuseum in seiner Ausstellung „Leipzigs klingende Möbel“, 20 aus eigenem Bestand, der Rest sind Leihgaben von Sammlern. Heise: „Die wollen Leipzig zum Staunen bringen über das, was hier einst entstand. Denn die Geschichte der selbstspielenden Musikinstrumente aus Leipzig ist hier weitestgehend vergessen, auch wenn zum Beispiel das Gebäude Hupfeld-Fabrik in Böhlitz-Ehrenberg oder die Villa ihres Besitzers in Gohlis noch immer Zeugnis ablegt, von der Bedeutung der hiesigen Produktion.“

Deren Blüte verlief in zwei Phasen: Von 1876, als in Leipzig ausgerechnet Paul Lochmann die Lochplatte als musikalischen Datenträger erfand, bis zur Jahrhundertwende dauerte ihr Siegeszug. Danach setzten sich die mechanisch, finanziell und musikalisch weit anspruchsvolleren Klavierautomaten durch, bei denen Hupfeld in Leipzig mit der Phonola eine international höchst erfolgreiche Antwort aufs US-amerikanische Pianola fand. Doch auch dieser Mark brach nach wenigen Jahrzehnten wieder in sich zusammen: Gegen die immer besser werdende Schallplatte, gegen das Kino, vor allem aber gegen das Radio hatten die Musikautomaten auf Dauer keine Chance. Die Weltwirtschaftskrise besorgte den Rest. Innerhalb kürzester Zeit verschwand diese Industrie beinahe vollständig.

 Die wunderbare Leipziger Ausstellung lässt sie noch einmal auferstehen. Einfachste Kurbelgeräte sind zu sehen, die damals 11 Markkosteten, heute wären es vielleicht 80 Euro, Massenprodukte, die sich, so Heise „wirklich jeder leisten konnte“. Da gibt es kostbare Standuhren mit Spielwerk für den bürgerlichen Haushalt. Reise-Automaten, Standgeräte mit Münzeinwurf für Kneipe, Tanz- oder Caféhaus, finden sich Kostbarkeiten und Bizzarrerien, dazu historische Fotos und Dokumente. Und die schönsten Exponate kann man in der Ausstellung nicht nur sehen, sondern auch hören: Zwischen 13 und 17 Uhr präsentieren Studenten täglich (außer montags) diese Zeugen einer vergangenen Zeit – auch über die Feiertage.

Leipzigs klingende Möbel – Selbstspielende Musikinstrumente 1880 – 1930, bis zum 31. Januar 2016 im Musikinstrumentenmuseum der Universität Leipzig (Grassi-Komplex, Johannisplatz 5-11); www.grassimuseum.de

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Mechanische und musikalische Meisterwerke aus Leipzig.

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Von Peter Korfmacher

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