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Kluge und sinnliche Wagner-Welten

Oper Leipzig: Erster kompletter „Ring“-Zyklus seit 40 Jahren Kluge und sinnliche Wagner-Welten

Ein gewaltige Herausforderung und ein gewaltiger Erfolg: An der Oper Leipzig ging von Donnerstag bis Sonntag der komplette Nibelungen-Ring Richard Wagners über die Bühne. Regie führte Rosamund Gilmore, am Pult des Gewandhausorchesters dirigierte der Generalmusikdirektorund Intendant Ulf Schirmer.

Das Ende der Götter in Leipzig.

Quelle: Leipzig report

Leipzig. Sonntagabend, kurz vor elf, Augustusplatz: „Wir sind eins“ ist auf dem illuminierten Uni-Riesen zu lesen, womit selbstredend der Aufstieg der Rasenballer gemeint ist. Etwas kleiner hält es die Oper Leipzig. Drinnen ist mit der „Götterdämmerung“ der erste komplette Ring-Zyklus seit rund 40 Jahren unter frenetischem Jubel zu Ende gegangen: „Rheingold“, „Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ an vier aufeinanderfolgenden Tagen. 16 Stunden Musikdrama seit Donnerstag – da darf man sich auch selbst mal ein wenig feiern. Und so strahlt die Fontäne auf dem Platz operngelb, blinken Würfel dem Rheingold einen letzten Gruß hinterher – und einem weiteren Aufstieg: den der Oper Leipzig in die Champions-League. Denn mit dem Kraftakt dieses seit dem Wagner-Jahr 2013 entstandenen Nibelungen-Rings haben der dirigierende Intendant Ulf Schirmer und sein Haus eindrucksvoll bewiesen, dass mit ihnen wieder zu rechnen ist.

Die Oper Leipzig müsse, hat Oberbürgermeister Burkhard Jung Schirmer 2011 bei seinem Amtsantritt ins Pflichtenheft geschrieben, „ein regionales Opernhaus sein, das überregional ausstrahlt“ – um hochtrabenden Blütenträumen nach den unschönen Erfahrungen vorangegangener Konwitschny-Jahre erst einmal beherzt die Wurzeln zu durchtrennen. Nun, fünf Jahre später und gegen Ende von Schirmers erster Vertragslaufzeit, steht das Institut auch im internationalen Maßstab bestens da: Der erste geschlossene Zyklus lockte Wagnerianer aus aller Welt an die Pleiße, nur 12 Prozent der 5000 Tickets kamen in Leipziger Hände, rund die Hälfte ging ins Ausland.

Französisch und Englisch, Spanisch und Niederländisch, Japanisch und Italienisch durchmischen sich also in den Pausen in den Foyers und auf den Terrassen, und die Gesprächsfetzen, die man da aufschnappen kann, lassen keinen Zweifel zu: Die Gäste sind begeistert von Leipzig, das sich ununterbrochen im Kaiserwetter von seiner schönsten Seite zeigt. Sie sind begeistert von diesem „Ring“. Und sie werden wiederkommen – nicht wenige haben bereits Karten für kommende Zyklen gekauft oder für die Strauss-Festtage im kommenden Jahr. Eine strahlende Niederländerin in den besten Jahren sagt es bereits am Samstag in der zweiten „Siegfried“-Pause ganz unumwunden: „Ich weiß wirklich nicht, warum ich noch nach Bayreuth fahren soll.“

Nun ja, da gibt es schon noch einige Gründe – aber es spricht eben auch einiges für Leipzig. Ganz banal beispielsweise der Komfort im Zuschauerraum. Während man sich auf dem Grünen Hügel in brütender Hitze fühlt, wie zur Zwangsbekunstung in einen Schraubstock gespannt, hat man in Leipzig Platz und Luft und Polster, kann sich also viel besser einlassen auf die herrliche Musik. Und die spielt, da sollte sich niemand etwas vormachen, für den engagierten Reise-Wagnerianer die erste Geige. Regie wird hier als störend oft empfunden, weil oft mit Ablenkung verbunden.

Die weitgehend ungetrübte Begeisterung beim Publikum für die Inszenierung Rosamund Gilmores in den Bühnenbildern Carl Friedrich Oberles und den Kostümen Nicola Reichert könnte also als vergiftetes Kompliment durchgehen. Aber die Theaterwelt, die diese Leipziger Tetralogie trägt, ist mehr als ein Steigbügel für Töne. Gilmores Brücke zum in den letzten Jahrzehnten mit allerlei Deutungshuberei überfrachteten, oft auch verbogenen „Ring“ erweist sich als tragfähig.

Die Regisseurin leistet zweierlei: Sie erzählt – in durchaus heutigen Bildern – eine Geschichte, was schon keine Selbstverständlichkeit ist. Sie erzählt uns überdies die Geschichte, die auch Wagner uns erzählen wollte. Und sie spannt hinter dieser Geschichte vom tiefen Fall der Götter Bilder auf, die den Blick ins Mystische weiten, nicht zu erklären versuchen, was der Ratio doch verborgen bleiben muss, sondern mit Andeutungen, Querverweisen, Rätselhaftem auch die Sinne vorspannen für Wagners Gesamtkunstwerk.

Wie gut das funktioniert, zeigt sich beim Vier-Tage-Zyklus deutlicher als in den Einzelaufführungen vergangener Jahre. Weil erst jetzt erkennbar ist, dass Gilmore tatsächlich einen großen Bogen spannt vom „Rheingold“ zur „Götterdämmerung“, dass die „Mystischen Elemente“ ihrer Tanztruppe eben doch nicht nur dekoratives Beiwerk sind, dass, vielleicht der wichtigste Punkt, dieser „Ring“ sensibel der Musik folgt, ohne sie banal zu doppeln. Kurzum: Gerade weil dieser Leipziger von vornherein nicht auf einen neuen „Jahrhundert-Ring“ zielte, ist er ein großer Wurf geworden. So klug wie sinnlich.

Damit bewegt er sich auf Augenhöhe mit der ohnehin vom Theater nicht zu trennenden musikalischen Seite der Medaille. Denn diesbezüglich, das räumen auch die Wagnerianer ein, denen doch eher nach Castorf der Sinn steht als nach Gilmore, besteht wirklich keine Veranlassung, sich der Bayreuther Bedrängnis auszusetzen. An der Solistenfront gibt es keinen Grund zur Klage: 16 Stunden lang Wagnergesang vom Feinsten, von den Riesen-Partien wie Wotan/Wanderer (Tuomas Pursio, Markus Marquardt, Evgeny Nikitin), Brünnhilde (Eva Johansson, Elisabeth Strid, Christiane Libor) ( Siegfried (Stefan Vinke, Thomas Mohr – der auch ein grandioser Loge ist), Alberich (Jürgen Linn), Mime (Dan Karlström) Sieglinde (Christiane Libor), Siegmund (Andreas Schager), Gunther (Tuomas Pursio), Hagen (Rúni Brattaberg) bis hinunter zu den kleineren wie Erda (Nicole Piccolomini) oder Fricka (Kathrin Göring, Karin Lovelius) oder Hunding (Rúni Brattaberg) oder Gutrune (Marika Schönberg) oder den Nornen und Rheintöchtern (Karin Lovelius, die auch eine fabelhafte Waltraute ist, Eun Yee You, Kathrin Göring, Sandra Jahnke, Olena Tokar, Magdalena Hinterdobler, Sandra Maxheimer). Besonders erfreulich an dieser exzellenten Sängerbesetzung ist der Umstand, dass auffallend viele der Beteiligten fest am Haus unter Vertrag sind.

Das gilt ohnehin fürs Gewandhausorchester. Und dass dieser Klangkörper für die instrumentalen Welten Richard Wagners einer der besten ist, davon waren viele der Gäste auch im Vorfeld schon überzeugt. Doch Schirmer gelingt es am Pult, selbst hochgesteckte Erwartungen noch zu übertreffen. Sein Ring ist detailversessen, ungeheuer farbig, dynamisch klug kalkuliert. Er trägt die Sänger auf Händen, lässt ihnen Raum zum Atmen, räumt dem Text den Weg frei Bahn zum Ohr des Hörers – und verhilft doch auch dem sinfonischen Eigenwert dieser gewaltigen Partitur zu seinem Recht. „Die Gesamtaufführungszeit habe ich

Über 13 Aufzüge hinweg hält Schirmer die Spannung, jede Szene bekommt ihre eigene Farbe, und doch fügt sich alles zum Ganzen, das sich perfekt ergänzt mit Gilmore elementarem Theater-Zugriff. Im Kopf minutiös geplant und bis in den hintersten Winkel durchkalkuliert, erschafft Schirmer hier einen instrumentalen Kosmos, aus dessen sinnlichem Sog es kein Entrinnen gibt. Schirmer: Die Gesamtaufführungszeit habe ich in einem gehobenen Zustand erlebt sowohl bei mir selbst auch in der Zusammenarbeit mit allen anderen. Ich habe gespürt, dass etwas Besonderes passiert und das wollte ich in dieser Zeit durchtragen – nicht analysieren oder hinterfragen. Durch die zyklische Aufführung in dieser dichten Folge ändert sich die Perspektive aufs Detail.“

Dabei folgt ihm ein Gewandhausorchester, das in jedem Takt und jedem Ton spüren lässt, wie sehr diese Musik im liegt. Auch bei den Kollegen, die nicht in Bayreuth zur Stammbesetzung zählen. Der satte Streicherstrom, die subtil durchgezeichneten Holzbläser, die schiere Wucht des dennoch nicht angeberischen Bleches, der irdene Gesamtklang, die zauberischen Soli – sie alle lassen keine Hügel-Sehnsucht aufkommen.

Zumal auch das Festspiel-Feeling in Leipzig nicht fehlt. Wagner schweißt zusammen. In den vier Tagen bilden sich internationale Gemeinschaften, die in den Pausen gemeinsam das Erlebte diskutieren, die vor und nach den Vorstellungen gemeinsam essen gehen, gemeinsam die Stadt erkunden – und sich, derweil sie gemeinsam das Loblied Leipzigs singen, weitgehend einig sind, dass dies nicht ihr letzter Besuch in Wagners Geburtsstadt war.

 

Von Peter Korfmacher

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