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Kniebeugen mit Gewehr - die neue Gründgens-Biographie

Kniebeugen mit Gewehr - die neue Gründgens-Biographie

Drei Jahrzehnte hat Autor Thomas Blubacher zum Mythos Gustaf Gründgens geforscht. Jetzt ist sein spannendes Buch erschienen. Es gibt auch Einblicke in die Seele dieses genialen, beliebten wie verfemten Schauspielers und Regisseurs.

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Gustaf Gründgens mit seiner Ehefrau, der Schauspielerin Marianne Hoppe.

Quelle: dpa

Thomas Blubacher beginnt mit dem Ende. Gleich nach der Einführung. Eilig herbeigerufene Ärzte bescheinigen den Tod des Gustaf Gründgens, den sein 24-jähriger Geliebter bewusstlos im Badezimmer ihres Manilaer Hotels gefunden hat. "Ich habe glaube ich, zu viel Schlafmittel genommen, mir ist ein bißchen komisch. Lass mich ausschlafen." Steht auf einem Zettel. Es ist der 7. Oktober 1963. Die philippinische Polizei trifft wenig später vor Ort ein-

Blubacher dokumentiert das Geschehen akribisch aus Polizeiakten, anderen Dokumenten und Zeugenaussagen. Im kalifornischen Atherton hat er die noch lebende ehemalige Stewardess Hildur Kirchdörfer gefunden, die für die Polizei dolmetschte und ihm noch zur Situation jener Nacht Auskunft geben kann. Das Gerücht von einem "homosexuellen Ritualmord", das die Boulevardpresse verbreitet, wird ad absurdum geführt.

"Leben lernen" hat der Autor dieses Kapitel überschrieben. Es geht auf ein Zitat von Gründgens zurück, endlich, nach einem erfüllten Künstlerleben und seinem Rücktritt als Intendant des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, das Dasein genießen zu wollen, "Freude gab es so wenig in meinem Leben-" konstatiert er. Eine Weltreise soll ihn aufmuntern. Aber sie endet abrupt mit seinem Tod.

In 21 Kapiteln lässt Blubacher den Leser am Leben des Gustaf Gründgens teilnehmen, in all seinen menschlichen und politischen Verstrickungen. Dafür erschloss der Autor viele neue Quellen. Er taucht ein in das Geschehen, das er durch seine umfangreiche Recherche (selbst zur Beschaffenheit von Handlungsorten und Witterungsverhältnissen) plastisch zu erzählen vermag. Gründgens wird als Mensch erfahrbar. Der war genial, aber zugleich auch unsicherer, geliebt, verehrt und hofiert und doch letztlich zutiefst einsam, an sich verzweifelnd, leicht zu kränken und mitunter lebensbedrohlich krank, ein exaltierter Hysteriker, sich oft mit Medikamenten aufputschend wie ruhigstellend. Einer, der aber auch äußerste Disziplin und Selbstzucht zu demonstrieren vermag, ein unterkühlter Rationalist, der aber ebenso mit kindlicher Liebe an seinem Talisman, einem kleinen Stoffaffen, hängt. "Er war der von seinen Anhängern geliebte, fast kultisch verehrte Künstler und zugleich ein an seiner Liebe Verzweifelnder, der sein Leben lang bemüht war, sein Innenleben zu schützen, Männer begehrte, Frauen heiraten wollte, entsetzliche Angst vor dem Altern hatte und unter Einsamkeit litt", schreibt Blubacher.

Um das Leben von Gustaf Gründgens in allen Facetten so detailliert von der Weimarer Republik über die Nazizeit bis zur Adenauer-Ära beschreiben zu können, reiste Thomas Blubacher durch die Welt, durchforschte Archive, führte rechtzeitig noch mit vielen Zeitzeugen Gespräche, mit Weggefährten von Gründgens, wie Marianne Hoppe, der ehemaligen Ehefrau. Er interviewte Freunde und deren Nachkommen, Sekretärinnen, Regieassistenten und Dramaturgen und zahlreiche Schauspieler. Er wertete bislang unbekannte Briefe aus Privatbesitz aus und verfolgte Spuren von Gründgens' Verwandtschaft, sprach mit der Schwiegertochter, machte auch Halbbruder Gerrit ausfindig, der bisher mit niemanden über sein Verhältnis zu dem berühmten Verwandten geredet hatte. So vermag die Biografie, viel Neues auch jenen Lesern zu bescheren, für die Gründgens schon lange ein Begriff ist.

Auch einige der Fotos, die der promovierte Theaterwissenschaftler und Journalist Blubacher ausgrub, dokumentieren einen bislang weitgehend unbekannten Gründgens, eben nicht nur den vornehmen Herrn mit Monokel und Zylinder oder den großartigen Mimen in der Mephisto- oder Hamletmaske, den Generalintendanten des Preußischen Staatstheaters und Staatsrates im Kreise von Goebbels und Göring, sondern den Gefreiten Gründgens bei der Grundausbildung 1943, der mit vorgehaltenem Gewehr Kniebeuge machen muss. Oder den eleganten Kamelreiter im Winterurlaub 1960/61 in Ägypten. Die Zeit, in der Gründgens sich mit den Nazis arrangierte und sich von ihnen hofieren und missbrauchen ließ, wird ebenso konsequent beleuchtet wie sein Eintreten für jüdische und andere bedrohte Freunde und Kollegen und Maßnahmen zu deren Rettung.

Blubachers über 400 Seiten starkes Buch hat eine lange Entstehungsgeschichte. Als Vorarbeit sozusagen veröffentlichte er bereits 1999 und 2011 Gründgens-Biografien. Schon als Oberschüler begann er mit Recherchen. Als 17-Jähriger bat er Charles Brauer, der in seiner Nähe wohnte, um ein Gespräch für eine Belegarbeit. Brauer konnte Auskunft geben. Der später als Tatortkommissar populär gewordene Schauspieler hatte sieben Jahre lang am Hamburger Schauspielhaus unter der Intendanz von Gründgens gearbeitet und ihn als brillanten Schauspieler wie sehr einfühlsamen Regisseur und Intendanten erlebt. Einblicke ins private Leben hatte der damals nicht. Umso mehr, sagt Brauer, berühre ihn nun in Blubachers Biografie, wie einsam Gründgens in seinen letzten Lebensjahren war, als er den Versuch machte "Leben zu lernen", was ihm ja letztlich nicht gelang.

Ein Rezensent hat den 45-jährigen Blubacher einmal als "Spezialist für gefährdete Existenzen, biografische Brüche und Abstürze" bezeichnet. Verfolgt man seine großen Arbeiten, so mag man dem Recht geben. Bei aller wissenschaftlich fundierten Detailtreue, lesen sich Blubachers Bücher gerade deshalb so spannend und finden ein großes Publikum. Erinnert sei an den Erfolg seiner in mehreren Auflagen erschienen Biografie der Geschwister Mendelsohn "Gibt es etwas Schöneres als Sehnsucht" (Henschel-Verlag, 2008 und 2012), sowie auch an das "Paradies in schwerer Zeit. Künstler und Denker im Exil in Pacific Palisades" (Elisabeth Sandmann Verlag, München 2011).

Die Gründgens-Biografie dürfte diese Erfolgslinie fortsetzen. In der Reihe der bereits vorliegenden ist sie die erste wirklich fundierte Lebensgeschichte des großen Schauspielers und Regisseurs, die ihn auch als Menschen treffend schildert.

Thomas Blubacher: Gustaf Gründgens. Biografie. Henschel Verlag; 432 Seiten, 34,90 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 05.04.2013

Helga Wagner

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