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Knoten im Stuhl

Knoten im Stuhl

Alles Unheil kommt nach Ansicht des französischen Philosophen Blaise Pascal bekanntlich "von einer einzigen Ursache, dass die Menschen nicht in Ruhe in ihrer Kammer sitzen können.

" Dass auch das Sitzen durchaus Sorgen und Fragen heraufbeschwören kann, mussten die Mitarbeiter des Grassimuseums erfahren. Für die Werbekampagne zur neuen Ausstellung hatte Fotograf Olaf Martens einen entspannt lächelnden jungen Mann über den Dächern der Stadt auf halsbrecherisch ausbalanciertem Thonet-Gestühl abgelichtet.

Kaum hingen die Plakate, hätten viele per Mail oder Twitter gefragt, "wie wir so fahrlässig sein konnten", erzählt Museumsdirektorin Eva Maria Hoyer. "Es ist aber niemand in Gefahr geraten, schon gar nicht mit diesen Möbeln", stellte sie bei der gestrigen Pressekonferenz klar. Die Stühle waren verschraubt, eine Haltestange wurde retuschiert, und für den Fall, dass eine Sturmböe den Mann vom Stuhl gefegt hätte, lag eine Matratze bereit. Also kein Unheil in Sicht. Der witzige Stunt auf dem MDR-Hochhaus spielt auf ein um 1920 in den USA entstandenes Foto an, bei dem ebenfalls Thonet-Stühle eine Rolle spielten. Was wiederum ein Licht auf den lang anhaltenden internationalen Erfolg der Produkte des in der fünften Generation betriebenen Familienunternehmens wirft. Deren Design hat sich immer wieder neu erfunden, greift aber gleichzeitig fast immer die eigene Tradition auf.

Bereits in den 1830er Jahren hatte Firmengründer Michael Thonet (1796-1871) mit Verfahren zur Verformung von Holz experimentiert. 1856 erhielt er ein Patent für das Biegen mit Wasserdampf. Drei Jahre später landete er mit dem Stuhl "Nr. 14" einen der größten Coups der Möbelgeschichte überhaupt. 36 Stück des zerlegbaren legendären Kaffeehausstuhls passten in eine einen Kubikmeter große Transportkiste. Auf diese Weise ging er in die ganze Welt, wurde bis heute 60 Millionen Mal verkauft, so oft wie kein anderes hochwertiges Möbelstück.

Am ersten der seitlich beleuchteten Tische, um die die meisten Stücke der Ausstellung gruppiert sind, hat Kuratorin Sabine Epple eine Art Familientreffen der Stühle organisiert - natürlich mit "Nr. 14", der auch den Beginn der industriellen Möbelproduktion markiert. Die Schau, die ausschließlich mit Mitteln des Grassimuseums finanziert wurde, legt den Fokus auf die Zeit nach 1945, zieht jedoch immer wieder Verbindunglinien in die bald 200 Jahre währende Thonet-Geschichte.

Zu sehen sind also nicht nur die Klassiker wie auch die Stahlrohrstühle der Bauhauszeit, sondern erstmals die Neuentwicklungen, die unter anderem Designer wie Norman Foster, Verner Panton oder Konstantin Grcic für Thonet entwarfen. Küchen-, Bürodrehstühle oder Freischwinger aus Holz, Sperrholz, Plastik oder Stahlrohr dominieren den vorderen Teil der Schau. In der Orangerie wurden Garten- und Kindermöbel, Clubsessel, Schaukelstühle oder medizinische Liegen wir jene, die sich in der Praxis eines gewissen Sigmund Freud befunden haben soll, platziert.

Zum Renner wurde ein eigentlich nur für eine PR-Kampagne gegen billige Nachahmer entwickelter Stuhl mit Knoten im Bein. Firmenleiter Peter Thonet landet dazu einen wunderbaren Versprecher: "Wir wollten damit an den Knoten im Taschenstuhl erinnern" sagt er beim Rundgang durch eine Ausstellung, die man sich tatsächlich vormerken sollte. Und vielleicht gibt es die ja bald auch: Taschenstühle von Thonet

iGrassimuseum für Angewandte Kunst (Johannisplatz 5-11); Eröffnung: heute, 19 Uhr; bis 14. September; geöffnet Di-So, Feiertage 10-18 Uhr, Mo geschlossen; Eintritt: 8 Euro, ermäßigt 6 bzw. 4 Euro, bis 18 Jahre frei; Katalog (224 Seiten): 44 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 16.04.2014
Kleindienst, Jürgen

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