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Knutsch-Rate bei 50 bis 60 Prozent: Erdmöbel leichtfüßig schräg im Täubchenthal

Knutsch-Rate bei 50 bis 60 Prozent: Erdmöbel leichtfüßig schräg im Täubchenthal

"Liebe Dachdecker und Studenten, in die Gegenwart Geklemmten" adressiert Markus Berges um neun im Täubchenthal - aber es handelt sich um keine ausdrückliche Begrüßung der etwas mehr als 150 Zuschauer, sondern eine Liedzeile.

Kurz zuvor hat sich das dazugehörige Stück "Peng" aus einer eher nervigen Synthesizer-Schleife geschält und die Menge sogleich in den faszinierenden Erdmöbel-Wohlklang gehüllt, der nur im ersten Eindruck so rosa tönt wie die Klamotten, die die Musiker neuerdings tragen.

Mit Hilfe von Berges' verrückt assoziativen Texten, der vieltönigen Melodien, die Ekki Maas auf seinem Bass schrubbt, der verqueren Rhythmen des Schlagzeugers Christian Wübben, Wolfgang Proppes zurückhaltendem Klavier und dem versöhnlichen Zweiklang aus Henning Beckmanns Posaune und Christa Beckers Flöte gelingt der Kölner Band eine schräge Leichtfüßigkeit, wie sie in der deutschen Popmusik einmalig ist. In ihren Lobeshymnen überschlagen sich die Musikkritiker seit der Veröffentlichung des Albums "Kung Fu Fighting" vor knapp einem Monat zurzeit fast noch mehr als beim allseits gefeierten Vorgänger "Krokus" vor drei Jahren. Und doch erhärtet die Tatsache, dass der Andrang am Dienstagabend überschaubar geblieben ist, die Vermutung, dass merkwürdigerweise nur wenige da draußen diese unscheinbar fantastische Gruppe kennen.

"Wo habt ihr die anderen gelassen?", fragt also auch Berges, lächelt aber dabei und stellt zutreffend fest, "na egal, ihr seid ja da". Lakonik charakterisiert ohnehin irgendwie auch die Lyrik des Sängers, was schon der Mitsing-Refrain der darauffolgenden Latino-Nummer veranschaulicht: "Ausstellung über das Glück im Hygienemuseum Dresden".

Zwar hat Berges Recht, als er früh im Konzert feststellt, momentan "eine Stimme wie Hans Hartz" zu besitzen (Hartz verdankt seine 15 Sekunden Ruhm dem Bierwerbe-Lied "Sail Away"). Und mit zunehmender Beanspruchung wird das Krächzen nicht weniger. Aber nicht einmal das nimmt dem Gesamtkunstwerk seinen Charme. Zumal Berges zwischen zwei schief gesungen Zeilen immer wieder selbst über sein Reibeisenorgan lachen muss. In "Jede Nacht" hilft Trommler "Wübsirée" alias "Desiwüb" aber allein aus dem Grund beim Singen, da es sich ja um ein Duett handelt. Und die Frau, die auf der Platte mit Berges singt, lebe nunmal in L.A. Schon um diesen Satz sagen zu können, hat sich die Zusammenarbeit mit Désirée Nosbusch gelohnt.

Außer aus den zwei jüngsten Platten bedienen sich Erdmöbel vor allem aus ihrem "Fotoalbum" von 2004: Im fatalistischen "Dawai, Dawai" ist einer "aus Versehen frei wie ein Luftballon". Und "In den Schuhen von Audrey Hepburn" fangen die meisten im Saal zu tanzen an. Was eine vergleichsweise leichte Übung darstellt: Davor sollten sich die Zuschauer zum wunderbaren "Kung Fu Fighting" (das den Disco-Song a nicht covert, sondern nur dessen "Woo, woo, woo, woow" zitiert) küssen, wie es ein Paar im Videoclip tut. Zwar hat Berges "nicht so viele knutschen" gesehen, "nur 50 bis 60 Prozent" (eigentlich waren's nur drei, vier Pärchen). Aber Bassist Maas lobt, es seien mehr gewesen als jemals im Westen.

Noch drei Vorzüge zeichnen das Konzert aus Sicht der Gruppe aus: Erstens trage ein Gast passend zum gleichnamigen Lied ein besonders seltenes "Snoopy-T-Shirt". Zweitens verlangt das Publikum ausdrücklich nach "Zugabe", während die Leute anderswo nur klatschten, wie Berges erwähnt. Und drittens sei "Nah bei dir" noch "nie so melancholisch gesungen" worden wie im Täubchenthal, findet Maas nach 100 Konzertminuten.

Bereits zuvor hat Berges bemerkt, dass die Singerei zu "Club der senkrecht Begrabenen" gut geklappt habe: "Jetzt seid ihr im Club. Da kommt man nie wieder raus!", flachst er. Will man aber sowieso nicht, im Gegenteil: Dieser Verein mit seiner rosa Fahne darf ruhig ein paar Mitglieder mehr zählen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 24.10.2013
Mathias Wöbking

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