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Könner eben

Till Brönner mit sechs fabelhaften Kollegen im Leipziger Gewandhaus Könner eben

Deutschlands Ober-Trompeter Till Brönner machte im Rahmen der „The-Good-Life“-Tour mit seinem Septett im Leipziger Gewandhaus Station.

Till Brönner im Gewandhaus.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Till Brönner ist ein unfassbar guter Musiker. Er kann auf Trompete und Flügelhorn, das er beim Konzert im voll besetzten Leipziger Gewandhaus am Sonntagabend länger an den Lippen hat, alles, wirklich alles, spielen. Till Brönner kann Metall und Samt, Seide und Brokat, Attacke und Enthaltung. Er beherrscht die sparsame Kontrolle eines Miles Davis, kann bei Bedarf pfeifen wie Arturo Sandoval, elegant ausschwingen wie Freddie Hubbard, auch mal halbseiden schmeicheln wie Chuck Mangione, und bisweilen flirrt es sogar psychedelisch. Was Virtuosität und Vielseitigkeit anbelangt, kennt Till Brönner im Universum der Jazz-Trompeter nur einen Konkurrenten: den US-Kollegen Wynton Marsalis. Folglich wird beiden von den Gralshütern des Jazz gern genau dies zum Vorwurf gemacht: dass sie unfassbar gute Musiker sind. Allzu technisch sei ihre Musik, allzu akademisch, allzu glatt, allzu unpersönlich – allzu perfekt.

Wer Till Brönners neue CD zur Hand nimmt, kann kaum anders, als einzuräumen, dass da etwas dran ist: „The Good Life“ heißt sie, 13 ausgesprochen entspannte Titel enthält sie. Und vor lauter lässiger Perfektion, fällt sie, so schön sie im Detail auch sein mag, genau so schnell wieder aus den Ohren, wie sie sich hineingeschmeichelt hat. Und weil die aktuelle Till-Brönner-Tour, die in Leipzig einstweilen endet, um im Frühjahr noch eine Nachschlag-Runde zu drehen, heißt wie sie, „Good Life“ eben, haben die Auguren die Zeichen auf gepflegtes Konzert-Plätschern gestellt.

Doch dann kommt alles erstens ganz anders, als zweitens man denkt: Brönner charmiert sich nicht mit „The Good Life“ auf die Bühne, nicht mit „Sweet Lorraine“ oder der wunderbaren Eigenkomposition „Her Smile“ – diese Ausschnitte aus der aktuellen CD bleiben der zweiten Konzerthälfte vorbehalten. Nein, das Konzert beginnt mit pumpenden Fusion-Klängen: Dave Gruisins Musik zu Sidney Pollacks 1975er Politthriller „Die drei Tage des Condors“. Jazz-Rock für den schwülen Club eher als Kammer-Jazz für die Bar. Und das erste Solo des Abends gehört bezeichnenderweise auch nicht Meister Brönner, sondern seinem sensationellen Gitarristen Bruno Müller.

Überhaupt kommen zwar in keinem Augenblick Zweifel daran auf, dass der smart und selbstironisch moderierende Ober-Trompeter das Zugpferd dieses famosen Septetts ist. Aber er geriert sich nicht als Chef im Ring, sondern als primus inter pares. Dezent schiebt Brönner sich in den Schatten, wenn Mark Wyand sein Tenor-Saxophon heulen und wimmern lässt, jauchzen und schluchzen, liebkosen und berserkern; wenn Jasper Soffers am Flügel und am Fender Rhodes seine klugen Solos entwickelt, immer sauber und verlässlich grundiert von Christian von Kaphengst an den Bässen, gerade noch geschmackssicher eingefärbt von Jo Barnikel an den Synthie-Streichern und hörenswert vielgestaltig rhythmisiert von David Haynes an der Schießbude. Dieser große Filigraniker und findige Energetiker darf solistisch zur Zugabe erst alle Zügel ablegen – das Warten darauf lohnt sich uneingeschränkt.

Hinein ins Spiel dieser fabelhaften Kollegen kantet Brönner seine keineswegs ausufernden und auch nicht eitlen Soli. Der 45-jährige Viersener nutzt – natürlich – die reichen Möglichkeiten der stilistisch zwischen Samba und Billy Joel sehr weit gespreizten Setlist, um auf Flügelhorn und Trompete auch die letzten Zweifel daran auszuräumen, dass er eben ein unfassbar guter Musiker ist und alles, wirklich alles, spielen kann. Aber seine Erkundungen an den Grenzen des Instruments, gern im elektrisierenden Zwiegesang mit Wand oder elektronisch gekonnt verfremdet, geraten nie prahlerisch, entwickeln ihre Sonderklasse eher in warmen weichen Farben als im metallischen Prunk, eher aus de Mitte heraus als in den Extremen.

Lässig erzählt Brönner Geschichten in Soli, die keinen Ton zu viel enthalten und keinen zu wenig, deren Spannungsbogen so sicher hält, dass man sie gern für die Ewigkeit bewahrt wüsste, aufgenommen auf Tonträger oder, lieber noch, aufgeschrieben. Da trägt professionelle Souveränität reiche Früchte – weil sie sich weit über die Routine erhebt, die ein solches Konzert am Ende einer Tour natürlich auch prägt. Denn Mark Wyand, Bruno Müller, Christian von Kaphengst, David Haynes, Jasper Soffers und Jo Barnikel beherrschen trotz aller abgebrühten Perfektion gemeinsam mit Till Brönner die Magie des Augenblicks.

So wärmt im Gewandhaus auch die selbstredend speziell für Leipzig aus dem Hut gezauberte Zugabe in wohliger Dezenz die Herzen eines jubelfreudigen Publikums: Die viel strapazierte Air aus Bachs h-moll-Orchestersuite, stilsicher, elegant, lebendig, sanft und doch farbsatt angeswingt – wie an allen anderen Stationen der „Good-Life-Tour“ übrigens auch schon. Könner eben, in jeder Beziehung.

Von Peter Korfmacher

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