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Komische Größe, schöner Gesang

Komische Größe, schöner Gesang

Don Pasquale hat verstanden. Dass er auf seine alten Tage auch noch was vom Leben haben kann. Also zieht er im verspäteten Summer of Love eine ordentliche Tüte durch, greift sich beherzt zwei Hippie-Mädels und lässt es fürderhin krachen.

Leipzig. Die Moral von der Geschicht' ist nämlich nicht ganz so einfach, wie das sorgenfreie Schluss-Rondo Norinas glauben machen möchte. Ohne Lindy Humes Schlusswendung stünde der Hagestolz als düpierter Depp da, der Lächerlichkeit preisgegeben, seiner Würde beraubt. Und dafür muss man ihn einfach zu lieb haben, während der knapp zweieinhalb Stunden zuvor. Das macht die komische Größe dieser Oper aus: dass sie oberflächlich zwar die Mechanismen der Typen-Komödie bedient, aber musikalisch deutlich tiefer schürft, Menschen auf die Bühne stellt und nicht Verhaltensmuster im Reagenzglas versenkt.

Hume löst das Problem mit leichter Hand. Indem sie sich auf die Spielwut ihrer Hauptdarsteller verlässt - und auf Drehbühne und Kostüme, die Dan Potra ihr schuf. Sie zeigen in virtuoser Beiläufigkeit, dass es sie immer gab, immer geben wird, den gutmütigen späte Galan, den schwärmerischen jungen, den Spielmacher, die Kokette, die das Herz am rechten Fleck trägt: tief im 18. Jahrhundert, wo Ausstattung und Kleidung die Handlung beginnen lassen im windschiefen Palast Don Pasquales, und, nach einem Parforceritt über die Zeitläufte, auch im 20. Jahrhundert, in der kunterbunten Blumenkinder-Welt, in deren Mittelpunkt der Peace-Käfer als Liebeslaube steht. Dabei gönnt Potra jedem Charakter seine eigene Farbenlehre: Senfgelb stolziert Don Pasquale durchs Bild, Schwarz und Weiß markieren bei Norina das Spannungsfeld zwischen als Witwe bereits Erlebtem und unschuldiger Hoffnung aufs Kommende. Ernesto führt leuchtend Blau den Himmel seiner Wallung spazieren, Malatesta in Rottönen die Leidenschaft fürs amouröse Spiel, das ihn am Schluss als Deus ex macchina im Kronleuchter aus dem Schnürboden herabschweben lässt. Mit inspiriertem Spiel tragen José Fardilha als Don Pasquale, Anna Virovlansky, als Norina, Arthur Espiritu als Ernesto, Mathias Hausmann als Malatesta und selbst Sejong Chang als vorgeblicher Notar Carlotto Sorge dafür, dass das Spiel nicht in die Klamotte abdriftet.

Belcanto heißt die Gattung, der dieses Werk entstammt. Und im Belcanto ist ohne schönen Gesang alles nichts. Um so erfreulicher, dass bei dieser Leipziger Produktion auch stimmlich eitel Sonnenschein die Bühne beherrscht - bei Partien, in denen die Größten ihres Faches sich mit dem unerschöpflichen Melodien-Zauber ihrer jeweiligen Bravour-Arien tief ins kollektive Gehör gegraben haben.

Der warme, farbsatte, bis in höchste Höhen bewegliche Sopran Virovlanskys, der bereits als Traviata den Leipziger ans Herz rührte, bewährt sich auch im komischen Fach. Fardilhas Buffo-Bass geht so selbstverständlich in dieser Rolle auf, als seien Pasquales Plapper-Parlando, die verirrte Verliebtheit, die Wucht der gerechten Empörung, die Donizetti hier in so viele schöne Töne goss, speziell für ihn ersonnen. Was uneingschränkt auch für den kraftvollen Bariton des Ensemble-Mitglieds Mathias Hausmann gilt, der als Malatesta mit modellhafter Stimmschönheit ins Ebenmaß der melodischen Phrase den Sinn der Worte graviert. Oder für den herrlich leichten, höhensicheren, geschmeidigen Tenor Arthur Espiritus. Wenn der zur traumverloren schön geblasenen Trompete (Andreas George) als "Povero Ernesto", sein Schicksal beweint, seine verlorene Liebe, sich in fremde Länder und Abenteuer hinüberträumt, ist die musikalische Ironie perfekt: alles eine Spur zu sentimental, zu gefühlig, zu traurig - und doch zu Herzen gehend. Hier zeigt sich wie in einem Brennspiegel, warum "Don Pasquale" weit herausragt aus der Buffo-Massenproduktion.

Auch im Orchester zeigt es sich immer wieder. Denn die Farben, die überraschenden Instrumentenkombinationen, mit denen Donizetti hier das Klischee von der den Schöngesang mehr schlecht als recht tragenden Riesengitarre Lügen straft, sie weisen weit an Verdi vorbei. Dass noch Strawinsky in seinem "Rakes Progress" (Premiere an der Oper Leipzig am 5. April) das doppelbödige Trompeten-Solo recycelte, spricht für sich.

Im Gewandhausorchester ist all dies unter der sinnlich-sicheren Zeichengebung Anthony Bramalls gut aufgehoben. Bramall setzt auf das klassische Ebenmaß der Partitur, kehrt ihren Witz nicht durch Überzeichnung nach außen, sondern lässt ihn elegant hervorleuchten. Da beduften sanft die Bläser die Streicher, muss man bisweilen genau hinhören, um die rhythmischen, klanglichen, architektonischen Störmanöver mitzubekommen, zu verstehen, dass nicht erst Wagner das erzählende Orchester erfunden hat. Auch Alessandro Zuppardos Chor, der zuerst als aufgescheuchte Dienerschaft durchs Bild quirlt und dann attraktiv die zugedröhnte Kiffer-Kommune verkörpert, macht seine Sache mit vollem Wohlklang und klarer Diktion ausgezeichnet.

Geistreiche musikalische Unterhaltung in subtilen Pastelltönen. Zu Recht bejubelt in den grellen Farben der Begeisterung.

iVorstellungen: 16. Februar, 9. März, 12. April, 11 Mai. Für die Vorstellung am 9. März laden wir wieder zum LVZ-Opernclub. LVZ-Abonnenten 15 Prozent Rabatt.Darüber hinaus gibt's ein Glas Sekt und in der Pause Gelegenheit mit Beteiligten auf oder hinter der Bühne ins Gespräch zu kommen.Die Ticket-Kontingente sind auf jeweils 70 Stück begrenzt. Sie sollten sich also ranhalten. Karten gibt es im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen, unter der gebührenfreien Nummer 0800 2181050, oder unter Telefon 03411261261.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.02.2014

Peter Korfmacher

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