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„Kommt ein Pferd in die Bar“ – David Grossmans neuer Roman geht an die Substanz

Neuerscheinung „Kommt ein Pferd in die Bar“ – David Grossmans neuer Roman geht an die Substanz

Ein Comedian gibt seine vielleicht letzte Vorstellung. In seinem neuen Roman schickt David Grossman seinen Erzähler in diesen Abend einer schmerzhaften Abrechnung. „Kommt ein Pferd in die Bar“ ist ein gnadenloses Buch über Freundschaft, Familie und Verrat.

Einer der bedeutendsten Schriftstellern der israelischen Gegenwartsliteratur: David Grossman, 1954 in Jerusalem geboren. Der Friedenspreisträger war im Jahr 2010 im Alten Rathaus zu Leipzig zu Gast.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. „Wieviel Dreck ich in mir hatte, wusste ich erst, als ich plötzlich nur noch aus Dreck bestand. Da habe ich gelernt, wie der Mensch funktioniert und was er wert ist.“ Als Dovele Grinstein da sagt, ist der Abend schon weit fortgeschritten. Sein Abend der Abrechnung. Mit der Kindheit, dem Vater, der Mutter – und bei all dem mit sich selbst. Er ist 57 Jahre alt, ein bekannter Stand-up-Comedian. Der Saal im israelischen Netanja ist gut gefüllt, die Leute trinken, essen, amüsieren sich. Zunächst.

„Kommt ein Pferd in die Bar“ heißt David Grossmans neuer Roman. Nach „Aus der Zeit fallen“, einem Buch der Trauer und der Sorge und über die Schrecken des Krieges. Nach dem Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“, für den er Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt. Während der Arbeit an diesem Buch erreichte die Familie die Nachricht vom Tod des Sohnes, er starb 2006 im Libanonkrieg durch eine Rakete der Hisbollah.

„Kommt ein Pferd in die Bar“ klingt anders. Schon der Titel. Hier erzählt der 1954 in Jerusalem geborene Schriftsteller in einem anderen Ton von einer anderen Traurigkeit und einem anderen Krieg. Dovele G., er trägt die gleichen Initialen wie der Autor, ist ein in der Seele verwundeter, ein gequälter Mensch. Das enthält er seinem Publikum, das 240 Schekel gezahlt hat, sich zu amüsieren, keineswegs vor. Doch wie das oft ist bei Comedians: An der Grenze zwischen Witz und Tragödie, zwischen Behauptung und Wahrheit wird scharf geschossen. Die Treffer zählen, nicht die Verletzten.

Der Richter als Zeuge

Dovele tritt auf als Clown, als Komödiant und Possenreißer. Herausgeputzt mit roten Hosenträgern und Goldschnallen, die Cowboystiefel mit silbernen Sheriffsternen beklebt. Das „mickrige, bebrillte Männchen“ macht sich über sein Publikum lustig, beschimpft es derb, auch zynisch. Beide Seiten genießen das, so ist die Vereinbarung. Der Saal heizt sich auf, Dovele geht zu weit, die Stimmung kippt, der Berichterstatter steigt aus, das Spiel beginnt. Erzählt nämlich wird das alles aus der Perspektive von Avischai Lasar, der vor über 40 Jahren mal für kurze Zeit ein Freund des damals immer lachenden Jungen war. Zwar gingen sie nicht auf die gleiche Schule, aber zur gleichen Mathenachhilfe. Später arbeitete er am Bezirksgericht; von Dovele hörte er nie wieder.

Bis zu jenem Telefonat, in dem er ihn eingeladen hat in seine Vorstellung. Nur deshalb ist er hier, der Richter im Vorruhestand, der Comedy im Grunde verachtet: „Wer nur ein bisschen improvisieren und schnell genug denken kann, darf alles lächerlich machen, ob mit Parodie oder Karikatur. Krankheiten, Kriege, Tod, alles ist lachbar, warum nicht?“ Ich möchte, hat Dovele am Telefon gesagt, „dass du mich siehst. Dass du mich ganz genau anschaust.“ Und dass er ihm dann sagt, was er gesehen hat.

David Grossman

David Grossman: Kommt ein Pferd in die Bar. Roman. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Hanser Verlag; 256 Seiten, 19,90 Euro

Quelle: Hanser Verlag

Was Jugendfreund Lasar sieht, ist erschreckend. Empört und gleichzeitig verwirrt fragt er sich: „Wie schafft er es, genau an die Stellen zu rühren, wo Menschen zur Masse werden, zum Pöbel?“ Es kommt schlimmer: Dovele zerfleischt nicht die anderen, er zerfleischt sich selbst vor deren Augen. Auslöser dieses Endspiels ist eine Frau im Publikum, die sich als Medium bezeichnet. Und: Sie war früher seine Nachbarin. Und: „Du hast dich kein bisschen verändert“, sagt sie. Und: „Du bist doch der Junge, der immer auf den Händen gegangen ist.“

Ab diesem Moment gibt es drei Doveles im Saal: den, den er selbst darstellt, den Jungen, den die Frau gekannt hat, und jenen, an den der Richter sich erinnert. Sie verschmelzen in einem ungeheuer schmerzhaften Prozess des Erinnerns zu einer Persönlichkeit voller Schuld und Scham.

Lange versucht Dovele, den Kopf aus dieser Schlinge zu ziehen. „Nach meinem Eindruck“, erzählt Avischai Lasar, „verhöhnt der Mann auf der Bühne das Publikum, spielt mit ihm, doch einen Moment später scheint es genau umgekehrt zu sein: Sie locken ihn geschickt in seine eigene Falle, eine Doppelbewegung, und genau diese Dynamik macht ihn und sie zu Komplizen eines aalglatt durchgezogenen, aber schwer nachweisbaren Vergehens.“ Wie, fragt er, „hat er uns dazu gebracht, uns in seiner Seele zu Hause zu fühlen und uns zu seinen Geiseln gemacht?“

Lachen, um zu atmen

Schließlich öffnet sich der Boden unter Doveles Füßen und gibt den Blick frei in die Abgründe von Kindheit und Jugend – als Mutters Sohn und Vaters Soldat. Die Schoah-Erfahrung der Familie in Birkenau, das paramilitärische Jugendcamp, den um Liebe sich mühenden Vater, die des Lebens müde Mutter. „Schluss jetzt mit der Beerdigerei! Wir wollen leben!“, ruft jemand im zunehmend aufbegehrenden Publikum. Zwar fährt Dovele noch ein paar Witze auf als Geschütz, „Kommt ein Pferd in die Bar ...“, doch beharrt er darauf, seine Geschichte zu Ende zu bringen, die Zuschauer zu Geschworenen zu machen, bevor er vor den Richter tritt, den Freund. Der wiederum hat seinen eigenen Schmerz, seine eigene „Sehnsuchtsvergiftung“ zu heilen. Mitunter, sagt er, „ist lachen vor allem ein Vorwand, um zu atmen“.

David Grossman gelingt ein psychologisches Kammerspiel, dessen Choreographie und Sprachgewalt auf eine Weise gefangen nehmen, die auch schmerzt. Während Doveles Sympathievorschuss beim Publikum zur Neige geht, wachsen Verständnis oder Mitgefühl bei Avischai Lasar. Am Ende rundet sich ein Roman, der Menschlichkeit weniger ausstellt, als dass er sie einfordert. Mitreißend, traurig und klug. Und natürlich auch voller Humor. Das geht nicht nur zu Herzen, sondern an die Substanz.

David Grossman: Kommt ein Pferd in die Bar. Roman. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Hanser Verlag; 256 Seiten, 19,90 Euro

Von Janina Fleischer

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