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Konzert im Täubchenthal: Fehlfarben im Hier und Yeah

Kultband Konzert im Täubchenthal: Fehlfarben im Hier und Yeah

Ein großer Abend im Täubchenthal: Die Band Fehlfarben spielte am Freitag zum ersten Mal ihre komplette legendäre Platte „Monarchie und Alltag“ – und natürlich darüber hinaus jüngere Songs. Ein Vergnügen – auch für Sänger Peter Hein.

Fehlfarben beim Konzert im Täbchenthal.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Sommer und Winter kämpfen in diesem Frühjahr besonders lange miteinander. So auch am vergangenen Freitag: Nach einem sonnigen Tag legte sich am frühen Abend ein Grauschleier über die Stadt, wie ihn schon 1980 die Fehlfarben besangen. Praktisch, dass eben die später am Abend im Täubchenthal spielten. Ihr Debütalbum „Monarchie und Alltag“ gilt vielen als Mutter deutschsprachiger Independent-Musik – wurde aber noch nie komplett live gespielt. Das holt die Düsseldorfer Band nun nach, 37 Jahre nach Veröffentlichung (und doch nicht einen Tag zu spät, wird man am Ende sagen).

Es ist also ein ziemlich besonderes Ereignis – und entsprechend verwunderlich, dass so wenige Autos vorm Täubchenthal stehen. Und tatsächlich: Das Konzert findet im kleinen Saal statt. Lediglich ein pseudobarocker Kronleuchter über der Bar versprüht ein wenig Monarchie, der Rest: trister Alltag. Wären wir in „Alles ist erleuchtet“, wären wir „unterwältigt“. Doch immer mehr Menschen füllen den Saal, auch auf ihre Köpfe hat sich in den Jahren ein Grauschleier gelegt. Irgendwann dann ein kleiner Applaus ganz hinten, sechs Männer und eine Frau schlängeln sich durchs Publikum auf die Bühne. Peter Hein hat kaum „Guten Abend“ gesagt, da marschieren Schlagzeug und Gitarre schon zackig voran: „Hier und Jetzt“ heißt der Song, der erste vom Album, also auch der erste heute Abend.

Wie eh und yeah

Sound (erstaunlich), Text (noch erstaunlicher) und Peter Heins Stimme (beinahe unglaublich) klingen wie eh und yeah. Man ist sofort in der Bundesrepublik 1980, zugleich aber auch unmittelbar im „Hier und Jetzt“. Die Unterwältigung ist schon nach drei Takten zur Überwältigung geworden, Münder singen begeistert, Augen glänzen, Ohren gewinnen an Größe. „Ich hab das alles schon tausendmal gesehen / Ich kenne das Leben / Ich bin im Kino gewesen.“ Das Saxophon krächzt zu Schlagzeugbassgitarre, man denkt an Joy Division, frühe Smiths und The Cure, keine Sekunde an eine deutsche Band – und zack heißt der nächste Song „Gottseidank nicht in England“. Es ist so ein Lied, dem man den Schellenkranz verzeiht, wenn Sie wissen, was ich meine. Dann Synthesizer und Schlagzeug und so eine orientalische Flöte, vor allem aber Bass, Bass und Bass. Ins tiefe Röhren schneidet sich die Gitarre, Hein gibt dazu den tanzenden Flaschengeist und bellt: „Im ZK: Agent aus Türkei / Deutschland, Deutschland / Alles ist vorbei!“

Danach die erste Ansage: „Ich vermute mal, Sie haben schon bemerkt, dass wir die Fehlfarben sind.“ An dieser Stelle müsste man sonst die Platte umdrehen. Auf „Seite B“ tanzt gleich der eine oder andere Zeigefinger über den Köpfen der Leute, bekanntes Zeichen derer, die mit ihrem Tanz auch „Das seh ich ganz genau so!“ sagen wollen. „Apokalypse“ führt in eine ebensolche zwischen Free Jazz und schlichtem Krach, findet aber zurück zum Stampfbeat. Kenner (also fast alle im Saal) reiben sich die Hände ob des Kommenden. Und da ist sie, diese Gitarre, die einem schon lange vor dem Gesang entgegen schreit: „Keine Atempause / Geschichte wird gemacht / Es geht voran!“ So zynisch das schon 1980 gemeint war, so schlecht wird einem im Jahr 2017 beim Gedanken an all jene, die dieser Tage in Demokratien Monarchie zum Alltag machen wollen.

Geadelter Abend

In der ersten Reihe filmt ein Mann mit Glatze mit seinem Smartphone ein schönes Panorama, beschwere sich noch mal jemand über die Jugend! Wenn der ganze Saal „Das war vor Jahren“ mitsingt, ist die Nostalgie logischerweise mit Händen zu greifen, auch die lautstarke Vorfreude auf „ein Lied über Glücksspielautomaten“ zeugt davon. Aber gerade dieses („Paul ist tot“) birgt eine jener Weisheiten, die noch in 37 Jahren zur Analyse des alltäglichen menschlichen Dilemmas taugen: „Was ich haben will, das krieg’ ich nicht / Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht.“

Die Platte wäre nach knapp 40 Minuten zu Ende, das Konzert ist es glücklicherweise nicht. Denn die Band schreibt und spielt ja nach wie vor, „weil uns das Arbeitsamt dazu zwingt“. Insbesondere „Rein oder raus“ und „Das Komitee“ vom aktuellen Album „Über...Menschen“ glänzen dabei, etwas elektronischer und beschwingter als die älteren Songs. Hein greift sogar mal kurz zur Luftgitarre. Er verabschiedet sich mit den Worten: „Ich hoffe, es war Ihnen ein ebenso großes Vergnügen wie uns.“ Dass er den Satz ohne Ausrufezeichen sagt, dass er Vergnügen statt Freude sagt und das Publikum siezt, adelt diesen unalltäglichen Abend endgültig.

Benjamin Heine

Leipzig 51.339695 12.373075
Leipzig
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