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Konzert zum 60. Geburtstag des Akademisches Orchesters im Gewandhaus Leipzig

Konzert zum 60. Geburtstag des Akademisches Orchesters im Gewandhaus Leipzig

Ein mächtig gewaltiger Einstieg: Trocken und wuchtig klingen die ersten Schläge von König Kastschejs Höllentanz. Trotz aller Kraftmeierei ist der Tutti-Klang sauber ausbalanciert.

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Jubiläumskonzert des Leipziger Akademischen Orchesters zum 60. Geburtstag im Gewandhaus Leipzig, dirigiert von Horst Förster.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Sofort sitzt der Puls. Und wenn es hier und da wackelt, ändert das nichts am Sog dieses zupackenden Musizierens. Zumal Horst Förster voreilige Mitstreiter seines Leipziger Akademischen Orchesters souverän kapellmeisternd alsbald wieder einfängt am Montagabend im voll besetzten großen Gewandhaus-Saal.

Gewiss: Hin und wieder kommt es zu interessanten Nano-Kanones. Doch die unbedingte Leidenschaft, das herrlich schwebende Tremolo des folgenden Wiegenliedes, auch der Glanz des Finales, sie alle prunken in einer Weise mit den Vorzügen gehobenen Laien-Musizierens, dass die Defizite in den Hintergrund treten. Zumal Förster neuralgische Positionen geschickt mit Profis von Gewandhaus, MDR und Hochschule besetzt.

Leidenschaft also. Die ist für Oberbürgermeister Burkhard Jung eine der tragenden Säulen des Doppel-Phänomens Horst Förster und Akademisches Orchester. Das Stadtoberhaupt findet nach den drei Sätzen aus Strawinskys Feuervogel-Suite von 1919 zu Herzen gehende Worte, die Förster zufrieden lächelnd mit vor dem Bauch verschränkten Armen entgegennimmt. Denn dieser Abend ist kein normaler unter den sechs durchweg ausverkauften Anrechtskonzerten der Akademiker im Gewandhaus. Er ist ein Sonderkonzert zum 60. Geburtstag des Ensembles, das niemand anderes gründete als jener Horst Förster, der da nun das Lob für sein Engagement einstreicht.

"Seit 600 Jahren", führt Jung aus, "steht die Universität Leipzig für Musik. Dagegen mögen sich die 60 Jahre des Akademischen Orchesters auf den ersten Blick bescheiden ausnehmen. Aber bedenkt man, was alles geschah in diesen sechs Jahrzehnten, während derer ein einziger Dirigent dieses Orchester formte und am Leben hielt, zeigt sich die Größe dieser Leitung."

Mittlerweile - die Uni setzte ihre Musikanten 1993 vor die Tür - funktioniert das Orchester als Verein. Und trotz aller Schwierigkeiten hat bislang auch die Finanzierung von besonders ambitionierten Projekten, von Konzertreisen beispielsweise rund um den Erdball, immer glatt funktioniert. Davon könne er, sagt Jung, "noch was lernen". Locker plaudernd ist diese knappe Ansprache, und damit passt sie zum musikalischen Auftakt, der aus Feierlaune musikalische Energie gewinnt. Schade, dass Förster sich nicht durchringen konnte, die ganze Feuervogel-Suite zu spielen. Die ist schwer, in Teilen wohl zu schwer für ein Laienorchester. Aber dass er die Latte im Zweifelsfalle immer eine Spur zu hoch gelegt hat, ist einer der Gründe für das unterm Strich staunenswerte Potenzial seines Klangkörpers.

Doch wenn es in Deutschland ans Feiern von Jubiläen geht, schlägt das Pendel eher in Richtung Erhabenheit und Weihe als zur Ausgelassenheit. Und da führt, mehrfach haben wir es in diesem Jahr in Leipzig bereits erlebt, an Beethovens Neunter kein Weg vorbei. Also liegt die chorsinfonische Weltumarmung auch auf den Pulten des Akademischen Orchesters, kaum ist das Stadtoberhaupt mit seinen Ausführungen durch.

Fürs Vokale hat Förster Thomas Hennigs Oratorienchor aus Berlin gewinnen können sowie Marika Schönberg und Dan Karlström vom Ensemble der Oper Leipzig, außerdem Carolin Masur und Stephan Klemm. Im Orchester sitzen musikalische Freunde des Universitätsorchesters aus Houston. Und vielleicht ist es diese Heterogenität die verantwortlich ist, für das, was dann geschieht.

Die Neunte ist kein Neuland für Förster und die Seinen. Seit 2006 stand sie immer wieder auf dem Programm - mit beachtlichem Erfolg. Nun aber ist der Wurm drin. Der Kopfsatz läuft noch passabel durch. Wackler belasten nicht weiter die stringente Anlage, die Förster mit sauberem Schlag der Architektur dieses grandiosen Satzes angedeihen lässt. Beeindruckende Steigerungen, klare Konturen.

Doch mit dem Scherzo beginnen die Defizite das beseelte Laien-Musizieren zu überschatten. Was auch mit Försters Tempi zusammenhängen mag. Denn wenn sie sich gegen die innere Motorik der Musik sträubt, macht Betulichkeit die Sache nicht leichter, sondern schwerer. So können sich Förster und vor allem seine Holzbläser von Anfang an nicht auf einen Puls einigen. Immer wieder preschen Fagotte voran, bisweilen weist die rhythmische Polyphonie bis zu Charles Ives. Nach dieser Erfahrung nimmt im Adagio molto e cantabile der immerhin robuste Fluss dem zauberisch verschränkten Doppel-Variationensatz einiges von seiner Poesie. Und im Finale gehen die Tempo-Vorstellungen wieder weit auseinander.

Förster hält es eher mit der getragenen Erhabenheit vergangener Jahrzehnte. Was zwar nichts mit Beethovens Metronomzahlen zu tun hat, aber trotzdem weder gut noch schlecht ist, sondern Geschmacksfrage. Doch mehr noch als fürs Scherzo gilt im Finale: Je langsamer, desto schwerer - und vor allem für die Sänger sind Försters Tempi eine Zumutung. Stephan Klemms satter Bass hat damit keine Probleme, Dan Karlström kommt mit seinem strahlenden Tenor gut über die Runden, Carolin Masurs vollem Alt macht es zu schaffen, dem herrlichen Sopran Marika Schönbergs den Garaus. Der groß besetzte und von Damen und Herren der Oper unterstützte Chor klingt nicht erst am Ende des großen Gesangs von der Brüderlichkeit ziemlich angeschlagen.

Dass der Applaus dennoch gewaltig ausfällt, beweist die Treue der Leipziger Fans, Freunde und Unterstützer von Horst Förster und seinem Orchester, deren Engagement gar nicht laut genug zu lobpreisen ist. Auch wenn sie sich mal unter ihren Möglichkeiten verkaufen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 26.11.2014

Korfmacher, Peter

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