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Konzertante Panzerkreuzer

Semyon Bychkov und Jean-Yves Thibaudet im Großen Concert Konzertante Panzerkreuzer

Das Klavierkonzert Aram Chatschaturjans und Gustav Mahlers fünfte Sinfonie standen in dieser Woche auf dem Programm der ausverkauften beiden Großen Concerte des Leipziger Gewandhausorchesters. Am Pult: Semyon Bychkov, am Flügel: Jean-Yves Thibaudet

Jean-Yves Thibaudet am Flügel, Semyon Bychkov am Pult im Großen Concert des Gewandhausorchesters.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Zweifelsfrei gibt es subtilere, feinsinnigere, dezentere Klavierkonzerte als das von Aram Chatschaturjan (1903–1978). 1936 schrieb er es und bediente sich dabei all der Tonsatzmittel, die die Zeit in der kulturpolitisch brodelnden Sowjetunion hergab. Aber immer nur so weit, wie es ohne anzuecken möglich schien in Stalins Reich der Musik. Nicht zu viel vom eleganten Rachmaninow also, um nicht des bürgerlichen Romantizismus geziehen zu werden. Nicht zu viel vom wilden Prokofjew, um nicht unter Formalismus-Verdacht zu geraten. Dazu eine gute Portion der gesunden Folklore seiner armenischen Heimat, ein untrüglicher Klangsinn, der im Umgang mit dem Orchester auch den grellen Effekt nicht scheut, zündende Rhythmen, jede Menge Fantasie im Ersinnen immer neuer Anforderungen für den Pianisten – fertig war ein Konzert, das über den Hörer kommt wie ein Geschwader aus drei Panzerkreuzern. Der erste in dramatischer Wallung, der zweite unglücklich verliebt, der dritte überaus vergnügt.

Dem Pianisten muten diese knapp 40 Minuten allerhand zu. Denn bei aller Komplexität, aller Vollgriffigkeit, aller rauschenden Virtuosität, bleibt der Satz durchhörbar. Verstecken lässt sich da nichts, kein Ausrutscher im Akkord-Gewitter, keine Ungereimtheit in den unentwegt auf- und abrauschenden Kaskaden. Und mit überreichem Pedalgebrauch ist hier ebenfalls kein Blumentopf zu gewinnen. Doch hat Jean-Yves Thibaudet all dies auch nicht nötig. Denn er kann, was nur wenige können: Mit makelloser Technik und unbestechlicher Logik, darin ganz Franzose, durchmisst er die Ton-Gebirge, setzt selbst im vollgriffigen Getümmel auf Struktur und zeigt so wie nebenbei, dass dieses Konzert nicht nur unwiderstehlich – sondern auch besser ist als sein Ruf.

Ob Thibaudet die Tasten prügelt oder streichelt, ob er in den entlegensten Tälern Transkaukasiens gemeinsam mit Volker Hemkens samtiger Bassklarinette oder Johann-Georg Baumgärtels souverän singender Säge (eigentlich verlangte Chatschaturjan das noch beherzter jaulende Flexaton) traurige Melodien anstimmt, ob er in beinahe neoklassischer Strenge zackige Punktierungen meißelt oder jazzig durch die Synkopen tänzelt – nie überschreitet er die Grenzen des Schicklichen. Beherrscht ist sein Spiel – und lustvoll zugleich.

Das ist im Gewandhausorchester nicht anders. Für dieses Stück ist der Klang-Architekt Semyon Bychkov genau der richtige Mann am Pult. Immer wieder mischt er die Farben neu, die die Musiker ihm in überreicher Fülle anbieten. Lustprinzip und Disziplin finden da zueinander in einem üppigen Tableau jenseits aller Moden und geschmackspolizeilicher Bedenkenträgerei.

Schade, dass Thibaudet sich für den Jubel im bis auf den letzten Platz gefüllten Saal nicht noch mit einer Zugabe bedankt. Doch dann wäre der Abend wohl allzu lang geworden. Denn nach der Pause steht Mahlers Fünfte auf dem Programm, mit rund eineinviertel Stunden Spieldauer alleine schon beinahe abendfüllend.

Die Kombination mit Chatschaturjans Klavierkonzert ist heikel. Weniger wegen der Länge, sondern wegen der grundsätzlichen Ansätze beider Werke. Beide verlangen sie dem Orchester ab, was in ihrer jeweiligen Zeit dem Orchester abzuverlangen war. Doch bei Chatschaturjan mündet dies in eine Spielmusik, deren Glanz auf die Oberfläche gehört, während Mahlers Bekenntnis-Klänge eher nach innen glühen müssen. Und genau dies bleibt Bychkov der Fünften schuldig.

Vordergründig ist ihm nichts vorzuwerfen. Dass die unbedingte Präzision im Zusammenspiel, zu der das Gewandhausorchester in den letzten Jahren gefunden hatte, wohl wieder perdu ist, lässt sich kaum Bychkovs Schlag anlasten. Mit dem sorgt er für einen nie verebbenden Strom schöner und sehr schöner Momente. Sanft fasst das Adagietto ans Gemüt. Die Streicher um Sebastian Breuninger funkeln. Das Holz klingt fein ausbalanciert im Satz und liefert bei Bedarf traumschöne Soli. Gleiches gilt fürs Blech um Solo-Trompeter Gabor Richter auf der einen und das Solo-Horn von Ralf Götz auf der anderen Seite.

Aber bei Mahler fehlt der Blick aufs Ganze. Der hinter die üppig verzierten Fassaden des Tonsatzes, der auf die Architektur, der in die Tiefe – der auf das Menschliche, dem in den letzten Jahren Herbert Blomstedt immer wieder mit sinnlicher Weisheit, Chailly mit sinnlicher Disziplin und zuletzt Andris Nelsons mit sinnlicher Freiheit sich näherten. Dennoch ist auch Bychkovs von keinem weiteren Attribut beschwerte Sinnlichkeit für mindestens freundlichen Applaus gut.

Von Peter Korfmacher

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