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Kreisverkehr: Schnitzlers "Reigen" und Godards "Vivre sa vie" im Schauspiel Leipzig

Kreisverkehr: Schnitzlers "Reigen" und Godards "Vivre sa vie" im Schauspiel Leipzig

Philipp Preuss zeigt auf der Hinterbühne des Schauspiels seine Synthese aus "Der Reigen" und "Vivre sa vie". Der Zuschauer sitzt bei dieser Reise durch durch Erfüllung oder Enttäuschung auf der Drehbühne.

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Markus Lerch beschwört sein fünfköpfiges Gegenüber (Felix Axel Preißler, Bettina Schmidt, Lisa Mies, Denis Petkovic und Daniela Keckeis).

Quelle: Rolf Arnold Schauspiel

Leipzig. Die Drehbühne ist das Zentrum. Bei "Ivanov" trug sie eine gefühlte Lastwagenladung Quitten im Kreis. Bei "Emilia Galotti" hoch aufragende, massiv anmutende Säulen. Und jetzt, bei "Der Reigen oder Vivre sa vie", das am Freitagabend in der Regie von Philipp Preuss auf der Hinterbühne des Schauspiels Premiere feierte: das Publikum.

Es wird gemächlich ums Rund geschickt, auf eine Reise durch eine Serie der Versuchungen, Annäherungen, Geschlechtsakte und Trennungen. Eine Reise durch Erfüllung oder Enttäuschung. Durch die jedes Mal neu zu stellende Frage nach der Moral. Vorbei an kabinettartig im Kreis gereihten Kulissen, Bildschirmen, Projektionen. Eine gelungene Bühnenkonstellation von Ramallah Aubrecht. Das Spiel gleitet flüssig ineinander in dieser thematisch verknüpften Szenenfolge. Und ja, bei einem Reigen, drängt sich da der Dreh mit der Drehung nicht schon symbolisch auf? Sagt man so leicht, wenn man es gesehen hat.

Vor der Bewegung steht die stumme Pose. Die sechs Schauspieler des überzeugenden Ensembles exponieren sich vor dem eisernen Vorhang, der die Hinterbühne vom Saal abgrenzt. Er könnte eine graue Mauer sein in irgendeiner Straße. Die Mauer, vor der die Prostituierten warten. Und die schwarzen Perücken der Frauen spielen auf Nana S. an, die Protagonistin aus Jean-Luc Godards "Vivre sa vie" ("Die Geschichte der Nana S.").

Doch aus der Anfangsszene schälen sich Soldat (Denis Petkovic) und Dirne (Lisa Mies) aus Arthur Schnitzlers "Der Reigen". Und der Schmutz, von dem beide bald überzogen sind, das ist nicht nur der Morast, in dem sie sich lieben. Der Stahlhelm ist das Taufbecken. Und mit dem Schlamm, den die Dirne dem Soldaten daraus die Stirne beschmiert, vollzieht sie die Anti-Taufe. Ja, es geht um Moral - und sei es eine scheinheilige.

Schnitzlers "Reigen" ist ein Liebesreigen, mehr ein Reigen aus Sex in zehn Konstellationen. Abgebildet wird ein Querschnitt der Wiener Gesellschaft um das Jahr 1900, die eine Schere offenbart zwischen Lust und moralischer Norm. Jeder tut's, lügt, betrügt. Ein Skandal bei der Veröffentlichung. Auch in formaler Hinsicht ein Bruch mit der Konvention. Schnitzler koppelt Szenen, hielt sein Werk selbst für unaufführbar.

Godard porträtiert 1962 eine Frau auf ihrem Weg in die Prostitution. Auch er wagt den radikalen Bruch mit dem Erzählkino, verknüpft zwölf Szenen zum essayistischen Porträt, inspiriert vom epischen Theater im Brechtschen Sinne.

Preuss nun legt die künstlerischen Meilensteine zusammen. Er folgt den Vorlagen formal, indem auch er keine Story durcherzählt, sondern Szenen aufreiht, die exemplarische Wirkung entfalten und eben mehr sind als ästhetische Mätzchen. Um die Worte vom jeweiligen Charakter zu lösen und zu verallgemeinern, schlüpfen Frauen in Männerrollen (Bettina Schmidt als Dichter) und umgekehrt, werden Sprechparts vertauscht, Tiermasken übergestülpt, oder es gruppieren sich - im finalen Dialog - fünf Schauspieler zu einer Person, spielen charakterliche Dispositionen durch, so wie Nana bei Godard mit Betonungen experimentiert.

Einen Skandal provoziert mit dem Stoff heute niemand mehr. Umso spannender, wie das Team einfallsreich die Gedankenstriche füllt, mit denen Schnitzler den Liebesakt selbst ausklammerte: mit (angekleideter) Fern-Fellatio (der Winkel der Videokamera lässt den realen Personen-abstand auf der Leinwand zusammenschrumpfen). Oder mit einem ejakulierenden Sessel - anstelle des darin sitzenden jungen Herrn, gespielt von Felix Axel Preißler, der den von der Situation und dem Stubenmädchen (Daniela Keckeis) überforderten, um Contenance ringenden Verführten mimt. Fast eine Loriot-Figur in seinem halbherzigen Protest, in seinem lächerlichen Versuch, die Form zu wahren.

Entstanden ist trotz manch leicht überzogenem Drang ins Komische ein stimmiger, vielschichtiger Theaterabend. Glück, wird der Graf (Markus Lerch) in dieser finalen Szene sagen, Glück gibt es nicht. Und doch, einschließlich seiner selbst, sind alle auf der Bühne Glückssuchende, folgen der Verheißung der Körperlichkeit, nehmen auf ihrer Suche zur Not die einfache Ausfahrt der käuflichen Liebe. Alles immer im Konflikt mit den geltenden Moralvorstellungen. Die mögen sich wandeln. Geblieben sind List und Eitelkeit, Scham und Lüge. Und die Frage, wie sich die geltende Moral konstituiert.

Weitere Termine: 14., 19. Februar, 11. März, 2., 11., 27. April; 11. und 15. Mai; Kartentelefon: 0341 1268168

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 03.02.2014

Dino Rieß

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