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Kuba im Nacken - Siegfried Lenz veröffentlicht sein „Amerikanisches Tagebuch 1962"

Kuba im Nacken - Siegfried Lenz veröffentlicht sein „Amerikanisches Tagebuch 1962"

Insgesamt 44 Tage reiste der Schriftsteller Siegfried Lenz im Herbst 1962 durch die USA. Seine Erlebnisse und Erfahrungen hielt er in einem Tagebuch fest. Jetzt, 50 Jahre später, sind die abendlichen Bilanzen erschienen und zeichnen ein Bild von den USA, das dem heutigen durchaus ähnelt.

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Siegried Lenz

Leipzig. „Jeden Augenblick geschieht etwas – geschieht, was du nicht für möglich hältst, aber was hier mit einem Achselzucken quittiert wird. Hier wird dir bewiesen, welch eine armselige Erscheinung du bist." Mit diesen Worten beendet Siegfried Lenz am 23. November 1962 in New York sein „Amerikanisches Tagebuch", das einzige, das er je geführt hat. Auf Einladung des amerikanischen Botschafters in Deutschland hat er 44 Tage das Land bereist.

Der bereits vielbeachtete Autor ist 36 Jahre alt, als er am 15. Oktober von Hamburg nach Washington aufbricht. Für sein erstes Schauspiel „Zeit der Schuldlosen" hat er den Gerhart-Hauptmann-Preis und den Literaturpreis der Stadt Bremen erhalten. In jenem Jahr werden Max Frischs „Andorra" und Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker" uraufgeführt, die Beatles treten im Hamburger „Star-Club" auf, Marilyn Monroe wird in ihrer Wohnung tot aufgefunden, in der Kuba-Krise stehen sich USA und Sowjetunion waffenstarrend gegenüber.

„Überall verfolgt man mit Anteilnahme die amerikanischen Aktionen zur Blockade Kubas", notiert Lenz, „erstaunlich, in welcher Geschlossenheit die amerikanische Nation hinter ihrem Präsidenten steht". Einen Tag später schreibt er von der Bedrückung, die die stündlich erwartete Begegnung der russischen und amerikanischen Schiffe auslöst, man fürchtet „das Äußerste": Krieg. Ein Portier rät zur Abreise, und Lenz’ Frau „Lilochen", der dieses Tagebuch gewidmet ist, sagt ihren Besuch tatsächlich ab.

Die Einladung des Schriftstellers ist mit keinerlei Erwartungen verbunden, er kann die Orte wählen, die Menschen nennen, die er kennenlernen möchte, unterstützt von ortsansässigen sogenannten Sponsoren. „Das Land steht Ihnen offen, fahren Sie los, mit Sicherheit werden Sie überall erwartet werden", sagt man ihm und auch, dass er nie das Gefühl haben solle, allein zu sein. Dennoch gibt es Momente, in denen er sich sehr allein fühlt – trotz aller Programme, Partys und Empfänge, die für ihn gegeben werden.

Lenz genießt die manchmal überbordene Gastfreundschaft, bricht aber auch aus der lückenlosen Betreuung aus mit dem Argument, dass man „Amerika besser in entspannter, meditativer Weise kennenlernen könnte". Die wiederkehrende Frage, wie er das Land finde, parierte er: „Ein Schriftsteller muss darauf schriftlich antworten."

Lenz reist nach Boston, Denver, San Francisco, Houston oder New Orleans. Er besucht Bibliotheken, Friedhöfe, Museen, Universitäten, den Shenandoah-Nationalpark, einen Jazz-Workshop, Schulen, eine Farm ... Und Schauplätze der Literatur, wie Walden, wo der Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau (1817–1862) zwei Jahre in einer selbstgebauten Blockhütte am Walden-See sein Lebensexperiment wagte, aus dem das Buch „Walden" hervorging.

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Siegfried Lenz: Amerikanisches Tagebuch 1962, 160 Seiten; 19,99 Euro

Quelle:

Lenz lernt Journalisten, Schriftsteller-Kollegen, Diplomaten kennen, mit denen er über Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Literatur spricht oder über die politischen Entwicklungen. Und er macht Zufallsbekanntschaften wie die mit einer 1922 aus Schleswig-Holstein eingewanderten Familie oder jene mit Larry Bedini, der als Kellner in einem Coffee Shop arbeitet, eigentlich aber Direktor einer Theaterschule ist und den Besucher einlädt, als er erfährt, woher der kommt. Bedini erklärt ihm die Landsleute: „Wir können nicht leben, ohne den Präsidenten zu kritisieren, aber kein Fremder soll es wagen, es uns gleichzutun."

Eigene Beobachtungen ergänzen das Bild: „Vieles im amerikanischen Leben hat den Stil einer Anzeige, der Annonce: Alles wird sehr gut gemacht, übertrieben, angepriesen, die Sprache stellt sich darauf ein, man versucht die billigen Preise zu rechtfertigen, indem man den Kunden die Skepsis nimmt. Eine Anzeigen-Phraseologie beherrscht viele Köpfe; Aufmachung ist alles; man akzeptiert stillschweigend die kleine Lüge."

Um Bedinis Theaterkurs zu besuchen, schwänzt Lenz einen Empfang für Maximilian Schell, der wegen der Premiere seines Hamlet-Films in Amerika weilt. Der zweite Versuch einer Begegnung scheitert daran, dass Schell Lenz 25 Minuten warten lässt. Solche Anekdoten würzen das Tagebuch, in dem der Reisende oft stichpunkthaft beschreibt, staunt, konstatiert.

Mit Begeisterung protokolliert er das tägliche Frühstück – überhaupt kommt das Land kulinarisch erstaunlich gut weg. George Washingtons Landsitz Mount Vernon beschreibt er als einen „Wallfahrtsort, wo die beiläufigen Gegenstände den Rang eines Relikts haben: Rasiermesser, Knöpfe, Ziegelsteine, selbstgenähte Nachthemden von Frau Washington", um zu dem Schluss zu kommen: „Eine Nation ohne tiefreichende Geschichte schafft sich so Vergangenheit." Hin und wieder laden Sätze zum Verweilen: „Ich nehme mir vor, eine Weile hinter einem Amerikaner herzugehen, nur herzugehen."

Es ist ein kurzweiliges Vergnügen, den jungen Lenz dabei zu begleiten, der jetzt, mit 86 Jahren, im Vorwort festhält: „Es gibt Erfahrungen, die nicht dem Vergessen anheim fallen sollten; dies wird für immer meine Erfahrung bleiben."

Siegfried Lenz:

 

Amerikanisches Tagebuch 1962

160 Seiten;

19,99 Euro

Janina Fleischer

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