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Kühne Entdeckungsreise

Kühne Entdeckungsreise

Vier Tage im Zeichen der "Leipziger Romantik": Am Sonntagabend endete in der Peterskirche das erste Leipziger Festival gleichen Namens, initiiert von der Leipziger Wagner Gesellschaft um den künstlerischen Leiter David Timm.

r Gesellschaft um den künstlerischen Leiter David Timm. Und der, im Hauptberuf Universitätsmusikdirektor, hat in Kooperation mit anderen Institutionen der Stadt ein fabelhaft sinnliches und dramaturgisch kluges Programm gebaut: Von Mendelssohn, der am Anfang der romantischen Blütezeit der Musikstadt steht ("Paulus" und "Elias") spannte sich der Bogen über Vorträge und Kammermusik bis zu Regers Klavierkonzert von 1910, das das akademische Ende einer Epoche markiert, in der Leipzig musikalisch auf Augenhöhe mit Wien und Paris stand.

Es ist ein Monstrum, das Opus 114 des Leipziger Kompositionsprofessors und Universitätsmusikdirektors Max Reger, das am Ende steht, und einen Ausblick ermöglicht auf den 100. Todestag im kommenden Jahr.

Es gibt nur wenige Klavierkonzerte, die technisch so anspruchsvoll sind wie dieses, das ganz in der sinfonischen Tradition der Gattung steht, deren Fundamente Brahms legte. Und weil diese vollgriffige Berserkerei auch nicht besonders dankbar ist für den Solisten, schlagen die meisten einen großen Bogen darum. Peter Serkin, Sohn des großen Rudolf, auch er ein Anwalt dieses Werkes, hat es regelmäßig im Repertoire (und spielt es am 19. und 20. Mai 2016 mit Herbert Blomstedt im Großen Concert). Und Ingmar Schwindt, Jahrgang 1977, der damit in der Peterskirche das Romantik-Festival beendet.

Er spielt den bestialischen Klavierpart mit staunenswerter Selbstverständlichkeit, mit tiefem Ernst und großer Kraft - aber nicht lärmig donnernd. Sein Anschlag bleibt trotz der Zumutungen kontrolliert und differenziert. Und auf den Inseln matt verschatteter Melancholie, die der Komponist den Außensätzen immerhin auch gönnte und die im Largo con grande espressione sanft die wunde Seele streicheln, beeindrucken Farben, Nuancen, Bögen an der Grenze zur Stille. Diese besondere Gabe bringt Schwindt noch berückender im Brahms-Intermezzo zur Geltung, das er als Zugabe reicht. Ein beeindruckender Pianist.

Doch auch er kann nicht verhindern, dass ein zweiter Grund für das Exoten-Dasein dieses Klavierkonzert-Schinkens offenhörlich wird. So wenig wie Timm, der mit seinem fabelhaften Mendelssohn-Projektorchester auch die instrumentale Seite dieser Medaille bei aller pathetischen Wucht so durchhörbar hält, wie es die Akustik der Peterskirche zulässt: Den Klanggebirgen dieses Werkes, den gewaltigen harmonischen Wegen, die es abschreitet, der bis zum Bersten aufgepumpten Chromatik fehlt das Ziel. Die Polyphonie bleibt harmonische Füllung - und die in ihrer professoralen Komplexität Selbstzweck. Auch darum steht dieses Werk so gut am Ende des Festivals: Hier ist er bereits überdehnt, der romantische Bogen.

Vorbereitet hat Timm die kühne Entdeckungsreise mit Schumanns Vierter, einem Werk aus dem Herzen der Leipziger Romantik sozusagen. Kraftvoll und aus einem Guss, transparent, leuchtend, mitreißend musiziert. Und mit dem Parsifal-Vorspiel des gebürtigen Leipzigers Richard Wagner. Auch hier setzt Timm mit fordernd unterteiltem Schlag auf Fluss und Logik mehr als auf mystische Verschleierung, was diesem Werk, das an Regers chromatischen Exerzitien vorbei weit voraus in die Zukunft weist, gut bekommt.

Lang anhaltender Applaus - und wenn die zweite Ausgabe des Festivals Leipziger Romantik 2016 nicht wieder mit so viel klassischer Konkurrenz kollidiert, erzeugen ihn künftig hoffentlich auch mehr Hände.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 19.05.2015
Korfmacher, Peter

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