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Küken im Himmel: Der Blick des Katholiken Michael Triegel auf Martin Luther

Schau in Leipzig Küken im Himmel: Der Blick des Katholiken Michael Triegel auf Martin Luther

Bilder zu ausgewählten Tischreden von Martin Luther zeigt eine Ausstellung von Michael Triegel (48) im Museum der bildenden Künste in Leipzig. Elf kleinformatigen Werke auf Pergament stehen im Zentrum der Kabinettausstellung unter dem Titel „Logos und Bild“. Zu sehen sind weitere zum Teil großformatige Gemälde sowie Grafiken des bekennenden Katholiken.

Suche nach dem Geheimnis, Angst vor der Leere: Michael Triegel vor seinem Bild „Deus absconditus“ aus dem Jahr 2013.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Essenszeit im Hause Luther: Wenn der Reformator tafelte, wurde nicht nur gegessen, was auf den Tisch kam, sondern auch ausgesprochen, was ihm durch den Kopf ging. Der Leipziger Maler Michael Triegel hat sich jetzt mit Luthers Tischreden, die einen zweifelnden, scharfsinnigen und suchenden Menschen zeigen, auseinandergesetzt. Elf Bilder hat er für eine im vergangenen Jahr im Insel Verlag erschienene Auswahl der Tischreden geschaffen. Zusammengestellt wurde sie vom Dichter und Pfarrer Christian Lehnert. Die kleinformatigen Werke auf Pergament stehen im Zentrum einer Kabinettausstellung, die am Mittwoch im Museum der bildenden Künste unter dem Titel „Logos und Bild“ eröffnet wurde.

Umgeben sind sie von Triegels im Kleinen wie im Großen fulminanten, sich manchmal vor Bedeutung fast biegenden Gemälden und Grafiken, in denen sich der 1968 in Erfurt geborene Maler mit dem christlichen Glauben und seiner eigenen Suche befasst. Mit dem Besteck der Alten Meister und der europäischen Kulturgeschichte im Kopf stellt Triegel drängende Fragen unserer Zeit, legt ihre Hohlräume und Leerstellen frei. Die Schau – ein Beitrag zum 500. Jahrestag der Reformation und zum Kirchentag auf dem Weg in Leipzig – hat es aus mehreren Gründen in sich.

Künstlerische Gegenreformation?

Mit Triegel hat man einen Künstler an den Jubiläums-Luther gelassen, der sich bei seiner Taufe im Jahr 2014 ganz bewusst für den katholischen Glauben entschieden hat. Haben wir es hier also mit einer Art künstlerischer Gegenreformation zu tun? Eher wohl mit Ökumene. „Ich fand Luther in vielem unsympathisch, etwa in seinem Verhältnis zu den Juden, den Bauern und zur Macht.“ Dann habe ihm Christian Lehnert seine Auswahl der Tischreden geschickt, „und ich war überrascht. Ich hatte das Gefühl, das hat etwas mit mir zu tun, Luther ist eine Person, an der man sich abarbeiten muss. Aus der Reibung entsteht vielleicht eine ganz neue Wärme.“

Und genau das passiert, das ist das vielleicht Bemerkenswerteste an dieser klug komprimierenden, nicht ausschweifenden Schau. Triegel hat keine Illustrationen angefertigt, nicht Luthers handfeste Sinnbilder gemalt, sondern dessen Worte in symbolisch aufgeladene Stillleben transformiert und neu beleuchtet. Das kleine Format, der geringe Abstand, den man in der Betrachtung einnehmen muss, das scheinbar Vertraute, in das Triegel seine Überraschungen eingelassen hat – all dies macht diese Kunst nahbar, zerstreut etwas die Sorge des Betrachters, er könne die eine oder andere Anspielung verpasst haben.

Erst recht, wenn man weiß, wie zuweilen das Inventar in die Bilder gelangte. Als sein Hund mit einem toten Krähenküken nach Hause kommt, weiß der Maler, wo es hinmuss, zumal Luther von Krähen sprach. In „Tod und Auferstehung“, seiner so witzigen wie klugen wie rührenden Auseinandersetzung mit Luthers Schmerz („uber die massen ser“) angesichts des Todes seiner 14-jährigen Tochter Magdalena, liegt es am unteren Bildrand. Darüber ist ein Zettel mit einer Kinderzeichnung eines auferstandenen Christus mit einem Nagel (ausgerechnet) an die Wand gepinnt. Gezeichnet hat das Bild Triegels heute 17-Jährige Tochter vor zehn Jahren. Sehr lässig werden hier theologische Grundfragen verhandelt, die sich auch Luther stellte. Etwa: Ist die Auferstehung nur ein Kinderglaube, oder können nur Kinder wirklich glauben?

Triegel kontert Luther

Ein paar Bilder weiter hat Triegel Luthers Vergleich von Christus mit einem „holtzwurmlein“ („ein klein weich thierlein, hatt vorn ein hartt russelein und beist durch alles hart holtz“) frech gekontert: Er zeigt den Erlöser als Figur – vom Holzwurm durchzogen. Ganz bewusst habe er auf Pergament gemalt, erzählt Triegel. Das sei auch ein ironisches Zurück zu den Wurzeln, da ja die ersten Bücher auf Pergament geschrieben waren. In den frühen 90ern hatte er das äußerst haltbare Material vor dem Müll gerettet.

Michael Triegel, das wird in seiner ergänzend gezeigten Malerei noch deutlicher, sucht fast händeringend das Geheimnis, nicht die Erklärung. Im erst vor zwei Wochen fertiggestellten „Theophanie“ werden einem auf einem Stuhl sitzenden nackten Mann unter anderem der Tod und Jesus vor die Nase gehalten. Wer sind wir? Wie können wir uns, wie Gott erkennen? Sein „Deus absconditus“ (der verborgene Gott) von 2013 thematisiert eine Abwesenheit. In einer seltsam-unheimlichen Rumpelkammer ist hinter einem Tuch die Figur des Gekreuzigten zu erahnen. Wieder findet sich ein Zettel: Eine scholastische Skizze über die Dreieinigkeit Gottes verdeckt das Wesentliche: die Fußwunden Jesu.

Michael Triegel: Logos und Bild: bis 6. August im Museum der bildenden Künste (Katharinenstraße 10, Leipzig), geöffnet Di und Do–So, 10–18, Mi 12–20 Uhr

Von Jürgen Kleindienst

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