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„Kultur hat eine aktive gesellschaftliche Rolle auszufüllen“

Nathalie Wappler Hagen als MDR-Programmchefin gewählt „Kultur hat eine aktive gesellschaftliche Rolle auszufüllen“

Mit einer souveränen Zweidrittelmehrheit hat am Montag der MDR-Rundfunkrat die Schweizerin Nathalie Wappler Hagen zur neuen Programmdirektorin gewählt. Programmchef Wolf-Dieter Jacobi Sandro Viroli vom Landesfunkhaus Sachsen und Betriebschef Ulrich Liebenow wurden verlängert.

 

Nathalie Wappler Hagen

Quelle: sfr

Leipzig. Mit einer souveränen Zweidrittelmehrheit hat am Montag der MDR-Rundfunkrat die Schweizerin Nathalie Wappler Hagen zur neuen Programmdirektorin gewählt. Programmchef Wolf-Dieter Jacobi Sandro Viroli vom Landesfunkhaus Sachsen und Betriebschef Ulrich Liebenow wurden verlängert.

Was reizt Sie an der Aufgabe beim MDR, dass Sie das Schweizer Fernsehen und Radio verlassen, wo Sie seit 2011 Kulturchefin sind?

Deutschland ist gesellschaftspolitisch gerade hochspannend, angefangen bei den Fragen, welche Rolle der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat und welchen Beitrag er für die Gesellschaft, die Kultur, die Politik leisten kann. Es geht um viel, und ich habe Lust, meinen Beitrag dazu zu leisten.

Was hat Halle, was Zürich nicht hat?

Mitteldeutschland hat eine unglaublich reiche Kulturlandschaft. In meinem Studium habe ich mich ja auf das Mittelalter spezialisiert. Da haben Halle oder Magdeburg für mich noch einmal eine ganz andere Bedeutung. Denken Sie nur an die Ottonen. An diese Geschichte in der Gegenwart anzuknüpfen, mit all den digitalen Möglichkeiten von heute, das bringt ein riesiges Potenzial mit sich. Davon abgesehen ist Halle ein Forschungszentrum. Die Bundeskulturstiftung, das Frauenhofer-, das Max-Planck-Institut… Was könnte man da für kluge Kooperationen schließen, um dieses Wissen zugänglich zu machen...

Ihr Mann, Wolfgang Hagen, früher beim Deutschlandradio, hat in Lüneburg eine Professur für Medienwissenschaft. Hat Ihr Wechsel auch damit zu tun?

Lüneburg ist von Halle ein ganzes Stück entfernt, aber, ja, das stimmt. Ebenso die Tatsache, dass ich vor meinen zehn Jahren in der Schweiz bereits zehn Jahre in Deutschland gearbeitet habe und hier beruflich geprägt worden bin: beim WDR, beim ZDF, bei 3sat. Als jemand, der an der deutsch-schweizerischen Grenze aufgewachsen ist, reizt mich der MDR außerdem als Drei-Länderanstalt. Ich finde spannend, über Grenzen hinweg das Verbindende zu finden.

Sie bezeichnen sich als Anhängerin des Kulturbegriffs von Frank Schirrmacher, der 2014 gestorbene Herausgeber der FAZ. Wie könnte sich das in den MDR-Programmen niederschlagen?

Kultur ist nicht nur das Schöne, Reine, Wahre und Gute. Kultur hat eine aktive gesellschaftliche Rolle auszufüllen, indem sie Zusammenhänge herstellt. Sie können keine Wissenschaft ohne Kultur erforschen, weil Wissenschaft immer auch in einem kulturellen Umfeld stattfindet. Geistes- und Naturwissenschaft sind eng miteinander verbunden. Daraus entsteht das, was Schirrmacher die dritte Kultur nannte. Sie liegt mir sehr am Herzen, erst recht in Zeiten neuer, digitaler Kulturtechniken. Es ist unsere Aufgabe als öffentlich-rechtlicher Rundfunk, uns damit zu beschäftigen.

Beim MDR wird künftig trimedial gearbeitet. Es wird nicht mehr nach Fernsehen, Hörfunk und Online unterschieden. Stattdessen ist der bisherige TV-Standort Leipzig für Information zuständig und der bisherige Hörfunkstandort Halle unter dann Ihrer Leitung für Kultur, Jugend, Wissen und Bildung, ganz gleich auf welchem Ausspielweg.

Genau das möchte ich mitgestalten.

In der Schweiz haben Sie diese Umstellung bereits umgesetzt. Welche Erfahrungen bringen Sie von dort mit?

Es reicht nicht, Trimedialität zu verordnen. Sie müssen die Arbeitsabläufe strukturell einbinden: Es geht darum herauszufinden, wann ich was wem zu welchem Zeitpunkt über welche Verbreitungswege anbieten muss. Es kann nicht sein, vom Hörfunkmitarbeiter zu verlangen, nebenbei einen Fernsehbeitrag zu stricken und dann noch zu twittern. Man muss lernen abzugeben und den Kollegen zu vertrauen, dass sie dasselbe Thema mit anderen Mitteln für einen anderen Verbreitungskanal aufzubereiten wissen. Das rüttelt am Selbstverständnis, doch daran führt kein Weg vorbei. Ich kann von niemandem erwarten, dass er alles in gleichem Maße kann.

Die Reform ist das eine. Figaro heißt jetzt MDR Kultur. Sputnik soll Keimzelle sein für die Zulieferung neuer Formate an das junge Angebot von ARD und ZDF, das am 1. Oktober startet. Auch eine Kinder-App soll es geben mit personalisierten Nachrichten. Was davon ist Ihre vordringlichste Aufgabe?

Haben Sie Verständnis, dass ich mir das alles erst im Detail anschauen muss. Eine klare Markenstrategie mit MDR Kultur und MDR Aktuell ist jedenfalls richtig. Fest steht auch: Wir müssen uns um den Generationenabriss kümmern. Was nicht funktioniert, ist einfach loszulegen und dann zu enttäuschen. Es darf nicht sein, etwas Neues um seiner Neuheit willen anzukündigen, etwa eine App, weil Apps gerade alle machen.

Wo werden Sie sich eine Wohnung suchen: am Standort Halle? Oder im attraktiveren Leipzig, wie viele MDR-Mitarbeiter, die in Halle arbeiten oder wegen der Umstrukturierung künftig in Halle arbeiten müssen?

Keine Frage. Natürlich werde ich in Halle meinen Lebensmittelpunkt haben.

Sie sind in Sankt Gallen geboren. In den 1990ern wurden Sie Schweizerin. Lassen Sie sich jetzt wieder hier einbürgern?

Im Moment ist es für mich okay, Schweizerin zu sein. Ich denke nicht, dass ich für meine neue Aufgabe meine Staatsangehörigkeit ändern muss. Meine Arbeit hat damit nichts zu tun.

Von Ulrike Simon

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