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Kunst, Comedy und Solidarität

Leipziger Buchmesse Kunst, Comedy und Solidarität

Erster Buchmessetag mit Solidaritätslesung, Comedy, Kunst, Preisverleihung und einer Schaltung nach Istanbul.

Preisträgerinnen: Eva Lüdi Kong (Übersetzung), Barbara Stollberg-Rilinger (Sachbuch) und Natascha Wodin (Belletristik)


Leipzig. „Schon loslegen?“, fragt Christoph Links, und dann legt er los, da beginnen sich die Messehallen gerade erst zu füllen. Es ist 10.25 Uhr, doch es ist auch 5 vor 12, und deshalb lesen im Forum „Die Unabhängigen“ jeden Morgen vor dem eigentlichen Programm Verleger Texte des in der Türkei inhaftierten Journalisten Deniz Yücel. Den Anfang macht also Christoph Links, und der von ihm ausgewählte Text befasst sich bewusst nicht mit der Türkei, sondern mit Sachsen, Dresden. Yücel schrieb über eine Pegida-Demonstration. Das passt zum Buch „Unter Sachsen“, das im Ch. Links Verlag erschienen ist und das die Herausgeber am Freitag um 11 Uhr im Forum „Die Unabhängigen“ vorstellen.

Die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan saß vier Monate in Untersuchungshaft, richtig frei ist sie noch immer nicht, denn in der vergangenen Woche hat der Prozess gegen sie begonnen. Deshalb darf sie das Land nicht verlassen, nicht persönlich mit ihrem Essayband „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ zur Leipziger Buchmesse auf das „Blaue Sofa“ kommen. Die Live-Schaltung nach Istanbul ist schlecht, was den Eindruck verstärkt, dass zwischen dem bunten Treiben hier und Istanbul Welten liegen. Oder Gräben.

Indizien für eine schlimme Zukunft

In der Glashalle schlendern Menschen in Hasen- und Manga-Kostümen vorbei, währen Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer im Börsenverein des Deutschen Buchhandels, nicht müde wird, Solidarität mit Journalisten und Autoren in der Türkei einzufordern, weil „Meinungsfreiheit eine Existenzgrundlage für die Buchbranche ist“. In so einer Zeit wie der jetzigen seien Schweigen oder diplomatisches Leisetreten nicht angesagt. Eine Illusion sei es zu glauben, dass sich das von selbst erledigen werde. „Drohungen und die Verrohung der Sprache sind Indizien für eine ganz schlimme Zukunft.“ Eine Zukunft, die für Asli Erdogan Gegenwart ist.

„Ich schreibe nur“, sagt sie via Bildschirm. Doch „wenn man etwas Falsches sagt am falschen Ort zur falschen Zeit, dann ist man im Gefängnis“. So wie man in Europa den Faschismus nicht vollständig aufgearbeitet habe, so habe die Türkei ihre eigene Vergangenheit nicht aufgearbeitet. „In der Türkei ist Schreiben eine schicksalhafte Tätigkeit geworden“, heißt es in einem ihrer Essays. Wir haben, sagt sie, „keine andere Möglichkeit, als miteinander zu sprechen, und das Schreiben ist ein Teil davon“.

Da kann man schon mal laut werden. „Wir wollen über Europa reden, du Opfer!“ ruft Idil Nuna Baydar aka Jilet Ayse über die Köpfe des Publikums, denn von irgendwo in Halle 4 schallt Blasmusik herüber, und sie will doch gehört werden im „Café Europa“. Natürlich ist das gern formulierte Klischee, auf der Leipziger Buchesse gebe es Autoren zum Anfassen, nur symbolisch gemeint. Nicht für die Kunstfigur Jilet Ayse. Die sucht sich Besucher zum Anfassen, und also wird immer mal einer umarmt. Weil wir doch zueinanderfinden müssen in Europa, wobei sie sich als „Kanake“ keiner Illusion hingibt und Optimismus ihr sowieso fremd ist. Auf der Schublade für sie steht Comedian, über ihrem Auftritt „Wir müssen reden“. Ein guter Einstieg in den Schwerpunkt „Europa 21“. Kuratorin Esra Küçük hat Lümmel-Ecken und Spiegelflächen geschaffen, die den „Denk-Raum für die Gesellschaft von morgen“ erweitern, ihm Lockerheit geben und doch gleichzeitig etwas Zwingendes.

Das passt zum Anspruch, innezuhalten und die Perspektive zu wechseln, rauszukommen aus einem Schwarz-Weiß-Denken, „uns nicht von den Extremen im Diskurs dominieren, sondern Stimmen aus der Mitte zu Wort kommen zu lassen“, wie Küçük sagt.

Kunst aus dem Keller

Die Stimmen dringen in allen Hallen von überall her, getragen vom Beifall und immer für eine Überraschung gut, will mancher nur mal kurz sitzen und findet sich plötzlich in einer anregenden Runde mit dem litauischen Schriftseller Tomas Venclova und seiner Übersetzerin Claudia Sinnig.

Gerhard Steidl wünscht man ein Mikrofon, als er seine Ausstellung „Paper Dreams“ eröffnet. „Da hast du nebenbei noch eine Kunstausstellung“, raunt eine Besucherin zwischen den meterhohen Stoffbahnen mit Polaroid-Ausschnitten des polnischen Fotografen Tomasz Gudzowaty. Eigentlich Nebenprodukte, Musteraufnahmen, sogenannte „Proofs“, die im Keller lagerten und von der Zeit verändert wurden. An deren Zauber reiche keine digitale Aufnahme heran, sagt Verleger Steidl, der betont, kein Künstler, sondern Techniker zu sein. Er beherrscht sie natürlich, jene Kunst, für die er Günter Grass zitiert: Zaubern auf weißem Papier.

Bevor die Ausstellung weiterzieht nach New York, Mailand, Tokio ..., ist sie bis Sonntag am Rand der Halle 3 zu sehen, als einer der zahlreichen Kontraste, die die Leipziger Buchmesse attraktiv halten. Ach ja, auf der Tragetasche des Eulenspiegel-Verlags steht diesmal: „Ostfaktisch!“. Und sogar das hat irgendwie mit Europa zu tun.

www.lvz.de/buchmesse

Preise der Leipziger Buchmesse vergeben

Vielleicht ist die Entscheidung mutig – auf jeden Fall ist sie sehr gut: Natascha Wodin erhält für ihre persönliche Spurensuche „Sie kam aus Mariupol“ (Rowohlt) den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik. Ihr Buch, ausdrücklich ist es kein Roman, ist, heißt es zur Begründung, „nicht aus einem Guss, weil es angesichts der Brüche des 20. Jahrhunderts gar nicht aus einem Guss sein kann. In vier hart gefügten Teilen treibt es aus unterschiedlichen Richtungen seine Stollen durch ein Massiv kollektiver und individueller Gewalt.“

Der Preis in der Kategorie Sachbuch/Belletristik geht an Barbara Stollberg-Rilinger. In ihrer „bahnbrechenden“ Biographie über die Habsburgerin „Maria Theresia“ (C.H. Beck) rücke sie „eine der bedeutenden Gestalten in der europäischen Geschichte endlich in das ihr gebührende Licht“. Sie beschreibt deren Leben „als Inszenierung eines Spiels in vielen verschiedenen, aber gleichzeitigen Rollen. Die Jury sprach bei der Verleihung gestern Nachmittag in der Glashalle von nicht weniger als einem „Meisterinnenwerk“.

Das populärste Buch der chinesischen Literatur ist „Die Reise in den Westen“ (Reclam). Dass es nun in seiner ganzen Fülle und Vielfalt auf Deutsch vorliegt, ist das Verdienst von Eva Lüdi Kong – dafür erhält sie den Preis in der Kategorie Übersetzung.

www.preis-der-leipziger-buchmesse.de

Von Janina Fleischer

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