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Kursbuch schaut auf „Rechts“

Debatte Kursbuch schaut auf „Rechts“

Sie sind auf der Straße zu sehen und in Talk-Shows zu hören: Was sich hinter Rechtspopulismus und den Neuen Rechten verbirgt, ist Thema der aktuellen Ausgabe der Vierteljahresschrift „Kursbuch“ mit neuen, aber auch alten Texten.

Alexander Gauland nennt die AfD selbst „rechtspopulistische Protestpartei“. Bei ihm klingt das verharmlosend.

Quelle: dpa

Leipzig. Nicht schon wieder! Nicht schon wieder Legida. Nicht schon wieder Gauland. Der AfD-Vizevorsitzende hält ein Stöckchen hin, und die Republik erregt sich. Also ein Teil der Republik. Womöglich nur ein kleiner. Ob nun verbal das Erträgliche überholt wird vom Unvorstellbaren oder das Vorstellbare vom Unerträglichen – es ist anstrengend geworden. Fast weiß man nicht mehr, wer wohin gehört. „Das Antimoderne rechter Bewegungen findet im Zentrum der Grundkonflikte der Moderne statt“, schreibt der Soziologe Armin Nassehi im neuen„Kursbuch“, dessen Herausgeber er gemeinsam mit Peter Felixberger ist und das sich dem Thema „Rechts. Ausgrabungen“ widmet.

Die schlechte Nachricht zuerst: Es gibt keine gute. Es gehe, schreibt Nassehi im Editorial, eher um Ausgrabungen als um Verstehen; „um das Freilegen, nicht um das Wiedereinbetten“. Um Verunsicherungen oder Situationen, in denen solche Verunsicherungen instrumentalisiert werden können. Von Parteien, Bewegungen, Populisten. Anspruch sei es, „wirklich Handfestes“ zutage zu fördern, das auf wiederum Handfestes verweist und erst dann auf den kulturellen Gesamtkontext.

„Rückfall in kleingeistigen Nationalismus“

Zu den zehn Autoren dieser Ausgabe der Vierteljahreschrift gehört der Publizist Daniel Bax, der den Islam markiert als Lieblingsfeindbild, das heute Rechtspopulisten zwischen Geert Wilders und Viktor Orbán verbindet, „es ist ihr kleinster gemeinsamer Nenner, neben ihrer Ablehnung der Europäischen Union und der von Flüchtlingen.“ Der Trick sei, dem Islam anzusprechen, überhaupt eine Religion zu sein. In der Flüchtlingsfrage zeige sich der Rechtsruck am deutlichsten. Dahinter sieht Bax „die Sehnsucht, alles möge so übersichtlich und kulturell homogen bleiben, wie es in der nostalgisch verklärten Erinnerung früher einmal gewesen sein soll“. Statt einer Islamisierung stellt er den „Rückfall in einen kleingeistigen Nationalismus“ fest, der „eine Minderheit zum Sündenbock macht“.

Zur Einordnung über Europa hinaus schreibt Politikwissenschaftler Hans Hütt über die US-amerikanische Rechte. Angesichts der Vorwahlen-Erfolge Donald Trumps sehen Meinungsforscher, wie ein neuer Autoritarismus Gestalt annimmt: „Er zeigt sich in tiefsitzenden Ängsten, setzt auf Ordnung gegen den als Gefahr wahrgenommenen sozialen Wandel und sehnt sich nach starker Führung.“ Damit nicht genug der Parallelen: „Hierarchie verspricht Kontrolle einer als chaotisch erlebten Welt. Vielfalt und zunehmender Einfluss von Außenseitern sowie die Erosion der überlieferten Ordnung nehmen die autoritär Gesinnten als persönliche Bedrohung wahr.“ Sie verkörpern, so Hütt, „das furchtsame Echo auf den sozialen Wandel der letzten 16 Jahre“.

24 Jahre nach Hoyerswerda

Viele dieser Diskussionen sind nicht neu, hat Migrationsforscherin Bilgin Ayata am Sonntag bei „Anne Will“ gesagt. Vielmehr fühle sie sich an die 90er Jahre erinnert, als ähnliche menschenfeindliche Denkmuster und Verhaltensweisen immer stärker Raum bekommen haben. Es war das Schlusswort einer Diskussion unter dem Motto „Guter Nachbar, schlechter Nachbar – Wie rassistisch ist Deutschland?“. Die Sarrazin-Debatte, so Bilgin Ayata, „hat den Weg geebnet für die Argumente, die heute viel salopper und enthemmter“ fallen. Wir müssen Rassismus als ein Phänomen innerhalb der deutschen Gesellschaft, erkennen, sagt sie als ein Problem, das sich nicht nur an extremen Positionen zeigt.

Deutlich wird das in einem „Kursbuch“-Text, den der Journalist Rainer Joedecke 1992 über Hoyerswerda veröffentlicht hat und der jetzt noch einmal zu lesen ist. Der Ort wurde – wie Rostock-Lichtenhagen – nach rassistisch motivierten Angriffen auf ein Flüchtlingsheim zum Symbol jener schwarzen 90er. Die Fragen und Ängste der Bevölkerung ähneln denen von heute. „Wir müssen ja mal eine Meinung haben, wir können doch nicht ohne Meinung leben. Man muss doch mal das sagen, was man denkt!“, zitiert Joedecke. „Meinung ist Masse, Überzeugung der Mensch“, schrieb Stefan Zweig 1918 in seinem Aufsatz „Opportunismus, der Weltfeind“.

Macht eine Glatze einen Neonazi

Macht eine Glatze einen Neonazi? Barbara Vinken analysiert in ihrem Text die Mode der Rechten.

Quelle: dpa

Fatal wäre es, sich über Facebook-Kommentatoren und Demonstranten zu erheben in Ignoranz oder Arroganz. Vielleicht, überlegt Armin Nassehi in seinem Beitrag „Nicht nur die Rechten. Warum die Moderne so anstrengend ist“, ist das, „was hinter dem AfD-Syndrom steht, repräsentativ für die Reaktion der Moderne auf sich selbst. Und womöglich sind die Verächter der rechten Kleinbürger diesen ähnlicher, als sie es sich in ihren schlimmsten Träumen ausmalen können.“ Er bringt Modernisierungserfahrungen und Unübersichtlichkeit zusammen im Angstszenario mit den Stich- und Reizwörtern Einwanderung, Islam, „Homo-Lobby“, „Genderwahn“, Euro, „Lügenpresse“. Auch er sieht den autoritären Charakter in einem Sozialtyp, „der kompensierende Formen des Aufgehobenseins in etwas Unbefragtem sucht, das eben nicht weiter problematisiert werden muss“.

Schließlich bezeichnet Nassehi es als Ausdruck von Hochnäsigkeit und Hochmut, das Phänomen des Rechtspopulismus, die Wahlerfolge rechter Parteien, den unverhohlenen völkischen Nationalismus in öffentlichen Debatten zu verlagern, als das ganz andere zu brandmarken. Dies sei letztlich ein Ausweichen vor dem Problem.

Verschleiernde Sprache

Über eine dieser Verlagerungen empört sich die Hamburger Rechtsanwältin Angela Wierig, Nebenklagevertreterin im NSU-Prozess, in ihren persönlichen, durchaus pointierten Betrachtungen. Gemeint sind Sigmar Gabriels Worte vom „Pack“ auf der Straße in Heidenau. Die selbstironische Reaktion der Demonstranten mit der Selbstettiketierung „Wir sind das Pack“ könne, wenn sie nur lange genug getragen wird, ihre eigene Wirklichkeit schaffen.

Wer die bundesrepublikanische Demokratie erhalten will, ist „gehalten, über die Neue Rechte aufzuklären“, resümiert die Publizistin und Juristin Liane Bednarz, „damit nicht noch mehr Bürger bewusst oder unbewusst ihre Ideen übernehmen“. Sie nennt nicht nur die Vertreter der Neuen Rechten beim Namen, streift die historischen Wurzeln der Bewegung, sie betont auch die verschleiernde Sprache vom „Ethnopluralismus“ über den Topos des „Eigenen“ bis zur Tendenz der Abwertung anderer Kulturen. Dagegen ist vergleichsweise leicht zu erkennen, wenn Alexander Gauland seine völkischen Beobachtungen direkt vom NPD-Plakat in die eigene Rede fließen lässt.

Herausgeber Nassehi sieht generell eine Denkfaulheit gegenüber der Eigenkomplexität der modernen Gesellschaft. Dagegen lässt etwas tun.

Armin Nassehi, Peter Felixberger (Hg)

Armin Nassehi, Peter Felixberger (Hg.): Kursbuch 186. Rechts.Ausgrabungen. Murmann Verlag; 192 Seiten, 19 Euro

Quelle: Musmann Publishers

Von Janina Fleischer

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