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Kurt Masur: Ich werde langsam wieder gesund - Dirigent kritisiert Leipziger Einheitsdenkmal

Kurt Masur: Ich werde langsam wieder gesund - Dirigent kritisiert Leipziger Einheitsdenkmal

„Ich werde langsam wieder gesund“, sagt Kurt Masur, der zu den berühmtesten deutschen Dirigenten der Gegenwart gehört. Nach seinem von Musikfreunden in aller Welt mit Bangen aufgenommenen Sturz vom Podium im Pariser Théâtre des Champs-Elysées am 26. April war es still geworden um den Maestro, der an diesem Mittwoch 85 Jahre alt wird.

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Kurt Masur ist mit seiner Frau Tomoko seit 37 Jahren verheiratet.

Quelle: dpa

Leipzig. Im Interview kündigt er nun seinen ersten öffentlichen Auftritt nach der Fraktur des Schulterblatts an.

Maestro, wie fühlen Sie sich?

Masur:

 „Ich werde langsam wieder gesund!“

Wann und wo wird das Publikum Sie wieder auf dem Podium begrüßen können?

Masur:

 „Wenn alles gut geht, am 22. Juli in Tanglewood im US-Staat Massachusetts. Das ist eine musikalische Proben -und Konzertstätte, wo sich am Wochenende 20 000 bis 30 000 Menschen auf der Wiese versammeln, um Musik zu hören. Da war ich schon vor mehr als drei Jahrzehnten. Es ist ein Mozart-Programm. Diesmal dirigiert mein Sohn Ken David den ersten Teil des Konzerts, und ich übernehme den zweiten.“

Sie waren in Dresden, New York, London und Paris Chef. Am meisten verdanken Ihnen aber wohl die Leipziger, denen Sie drei Jahrzehnte mit dem Gewandhausorchester beglückende Musikerlebnisse schenkten. Für die Messestädter erkämpften Sie den dritten Gewandhaus-Neubau (1981) und die Rekonstruktion des Mendelssohn-Hauses. Was verbindet Sie mit diesem Komponisten?

Masur:

 „Ab Februar 1946 habe ich in Leipzig studiert. Der schreckliche Krieg war vorbei. Wir begannen Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy und anderen unter den Nazis verbotenen Komponisten zu spielen. Wir versuchten, Traditionen im Sinne des Gründers dieses Konservatoriums, an dem ja viele Gewandhausmusiker unterrichteten, auch im Konzertsaal fortzuführen. Dieser Komponist hat Bach wiederentdeckt, Schumann gefördert und um die Vielfalt des Leipziger Musiklebens gekämpft wie kein anderer.“

Sie haben zahlreiche zeitgenössische Komponisten - von Siegfried Matthus, Alfred Schnittke bis Minoru Miki - zu Kompositionen angeregt. Haben Sie schon immer ein Herz für die zeitgenössische Musik?

Masur:

 „Das war nicht nur ein Herz, es war eine praktische Sache. Ich war ab 1948 Korrepetitor und Dirigent am Landestheater Halle und wurde mit der Anfrage konfrontiert: Können Sie denn nicht eine Bühnenmusik zu Shakespeares „Wie es euch gefällt“, zu „Der Schatten“ von Jewgeni Schwarz oder anderen Stücken schreiben? Ich habe geschrieben und bin mit Komponisten in Kontakt gekommen. Später haben die Orchester, mit denen ich gearbeitet habe, weltweit Aufträge vergeben. Die Freundschaft zum Beispiel zu Siegfried Matthus besteht noch heute. Es war immer ein Geben und Nehmen für die Orchester und die Komponisten.“

Gibt es einen Komponisten, dessen Werk Sie bislang noch nicht dirigiert haben, aber es dennoch gern aufführen würden?

Masur:

 „Eine ganze Menge!“

Im kommenden Jahr ehrt die Welt Giuseppe Verdi und Richard Wagner, deren Werke Sie in Schwerin, Leipzig, Berlin und Venedig dirigiert haben. Werden Sie im Jubiläumsjahr nochmals in den Orchestergraben zurückkehren?

Masur:

 „Nicht unbedingt! Aber manchmal ergibt sich doch eine Gelegenheit - wie einst, als ich in Venedig „Lohengrin“ in italienischer Sprache dirigiert habe.“

1989 gehörten Sie zu den Persönlichkeiten, die die Leipziger zu einer gewaltlosen Lösung der anstehenden Probleme aufriefen. Diese Oktober-Ereignisse sind als friedliche Revolution in die Geschichte eingegangen. Wie ist Ihre heutige Sicht auf diese Ereignisse?

Masur:

 „Es ist nicht mehr nachvollziehbar für jene, die dies nicht miterlebt haben, was damals geschehen ist. Man kann es nicht erklären. Aber etwas ist geblieben: der Geist der Leipziger Erneuerung.“

Bundesregierung und Land Sachsen machen aus Anlass des 25. Jubiläums dieses Ereignisses viel Geld für ein Einheitsdenkmal locker. Manch Leipziger ist davon nicht sonderlich erbaut. Und Sie?

Masur:

 „Wir haben die Säule am Nikolaikirchhof. Dies ist eine Ehrung, die mit dem damaligen Geschehen verbunden war. Alles andere, was bislang an Erinnerung geschehen ist, war für mein Gefühl zu verkrampft. Ich befürchte, dass das geplante Denkmal - so wie das Paulinum in der neuen Universität - zum Dauerstreit anregt.“

Sie gehören weltweit zu den meist geehrten Persönlichkeiten - Ehrendoktorwürden, Preise, Orden - hinterlässt dies Stolz oder Demut?

Masur:

 „Demut! Immer! Demut vor jedem Werk, das ich dirigiere. Meine Frau kann bestätigen, dass ich oft nicht das wähle, was erfolgversprechend ist, sondern auch jene Werke dirigiere, die das Publikum nicht auf Anhieb liebt. Deshalb ist es das Schönste, wenn es gelingt, einen Komponisten auf die Beine zu helfen.“

Sie haben fünf Kinder aus drei Ehen. Sind sie alle musikalisch?

Masur:

 „Ja, und manche sind sehr erfolgreich. Und vergessen Sie bitte nicht meine Frau Tomoko, mit der ich seit 37 Jahren verheiratet bin und die ihre Sängerinnen-Karriere hintangestellt hat.“

Sie begehen am Mittwoch Ihren 85. Geburtstag. Was ist Ihr größter Wunsch?

Masur:

 „Dass alle Menschen, die ich liebe und die in meiner Umgebung leben, glücklich sind!“

Rolf Richter, dpa

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