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Kurz und einnehmend: Kehlmanns neues Buch

Literatur Kurz und einnehmend: Kehlmanns neues Buch

Daniel Kehlmanns neues Buch ist eine Erzählung, eine Spukgeschichte aus den Bergen, ein Metaphernbogen über das Tal der Ehe. Den Schluss können die Leser sich denken – sie müssen es sogar.

Daniel Kehlmann im März 2009 in der LVZ-Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse.

Quelle: Andreas Döring

Leipzig. Die letzten Seiten bleiben leer. Das schafft einen Effekt. Und es ist die konsequente Fortsetzung der neuen Erzählung von Daniel Kehlmann. Sie erinnert an Bücher, die vor „Die Vermessung der Welt“ (2005), seinem bekanntesten Werk, erschienen sind: „Unter der Sonne“ zum Beispiel oder „Der fernste Ort“.

Ein Mann kommt der Welt abhanden. Es ist die Welt einer Kleinfamilie, die in den Bergen Erholung sucht oder zumindest Abstand. Der Abstand wird am Ende der gut 90 Seiten unüberbrückbar sein, was ihn zum Abschied macht.

Die Geschichte ist so kurz wie einnehmend, und sie beginnt harmlos. Der Mann, er ist Drehbuchautor, hat es sich zur Angewohnheit gemacht, vielleicht auch zum Prinzip, nicht am Laptop, sondern in ein Notizbuch zu schreiben. Hier notiert er den Weg zu dringend nötigen Ideen für die Komödie „Allerbeste Freundin II“ über Ella und Jana. Der Produzent drängelt, glaubt immerhin an den Autor und seinen Film. Das scheint dessen Frau Susanna nicht ganz so zu gehen. Sie sagt, „sie habe nichts gegen meine Komödien einzuwenden, solange ich bitte nicht so tun wolle, als handle es sich um Minna von Barnhelm oder den Zerbrochenen Krug“.

Susanna ist Schauspielerin, vor neun Jahren haben die beiden einander am Set kennengelernt, die gemeinsame Tochter Esther ist vier. „Ehe. Das Geheimnis ist, dass man sich ja doch liebt“, notiert der Erzähler. Und dann: „Geh weg, solang“ Der Satz endet im Nichts. Alles endet im Nichts. Die Tage im Haus, das kein moderiges Alpenhüttchen ist, sondern „eindeutig ein Architektenhaus“ führen ins Nichts, das in diesem Fall ein Verschwinden ist.

Keine Gesetze, kein Vertrauen

Man könnte sagen, es spukt. Wörter schleichen sich ein, Gewissheiten davon. Dinge tauchen auf oder kommen abhanden, auch das eigene Spiegelbild. Türen sind plötzlich da, Korridore werden immer länger ... Der Weg aus dem Wohnzimmer heraus führt wieder direkt ins Wohnzimmer hinein. „Schnell, geht weg“, hatte eine Frau im Dorf unten gesagt. Und der ebenfalls sehr merkwürdige Händler hatte dem Mann ein Winkeldreieck geschenkt. „Probier den rechten Winkel.“

Es gibt aber keine rechten Winkel dort oben. Es gibt überhaupt immer weniger, woran der Mann sich halten oder klammern kann. Keine Naturgesetze, kein Vertrauen. Als er auf Susannas Mobiltelefon die Nachricht eines anderen entdeckt, wird der Abgrund deutlicher.

Kehlmanns Metaphern und Bilder sind zunächst schnell entschlüsselt; er löst die Rätsel, während er sie stellt. Fast nebenbei, beinahe unbemerkt aber zieht er seiner Hauptfigur den Boden unter den Füßen weg. Das Verlassen der Welt erweist sich als schwierig, wenn Gesetze und Regeln – oder das, was man dafür gehalten hat – nicht mehr gelten. Das liest sich so nachvollziehbar wie spannend.

Man kann es Geistergeschichte nennen oder Alptraum. Alles aufzuschreiben, festzuhalten also, verspricht nur vielleicht Rettung. Die letzten Seiten jedenfalls – sie sind leer.

Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen. Erzählung. Rowohlt Verlag; 96 Seiten, 15 Euro

Von Janina Fleischer

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