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Lachen unter Vorbehalt

„Meistersinger“ bei den Bayreuther Festspielen Lachen unter Vorbehalt

Mit der Premiere von Barrie Koskys Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ begannen die 106. Bayreuther Festspiele.

Johannisfest im Saal der Nürnberger Prozesse.

Quelle: : Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuth.




Kosky hasst Wagner. Kosky liebt seine Musik. Und weil aus einem solchen Verhältnis keine einfachen Schlüsse zu ziehen sind, folgt er, anders als Sachs es dem angehenden Meistersinger Walther anempfiehlt, eben nicht der eigenen Regel. Gleich mehrfach bricht er seinen Ansatz. Am auffälligsten im dritten Aufzug, wo er den Saal der Nürnberger Prozesse nur als Kulisse nutzt. Hier feiern die Nürnberger ausgelassen ihr Johannisfest, hier halten die Meistersinger im prallen Dürer-Ornat (Kostüme: Klaus Bruns) selbstgefällig ihr Wettsingen ab, hier geht Beckmesser unter.

Zum welthistorischen Geschehen in diesem Saal fehlt jeder szenische Bezug. Man mag dies fahrlässig finden oder als Folklore abtun. Doch Kosky sieht es offenkundig so: Man darf nie aus den Augen verlieren, wie diese deutscheste aller Opern missbraucht wurde, sollte immer eine Taschenlampe dabei haben, um in die Ecken ihrer doppelten Böden leuchten zu können. Aber man darf sie auch feiern: als dramaturgisches, sprachliches, musikalisches Meisterwerk, das sein kunstphilosophisches Pathos mit so boshaftem wie feinem Witz ausbalanciert.

Viel ist diskutiert und geschrieben worden über die Frage, wie viel Antisemitismus im Beckmesser steckt, diesem hagestolzen Erbsenzähler. Auch Kosky positioniert sich eindeutig: Ja, für ihn ist Beckmesser Jude, Hermann Levi eben, assimiliert bis zum Strebertum. Keiner kennt die Meisterregeln besser als er, keiner verteidigt sie so starrsinnig. Ein Zerrissener, der, gepeinigt von den Dämonen seiner Andersartigkeit, spätestens mit den Ende des zweiten Aktes vollends ins Abseits gerät. Von da ist der Weg ins Vernichtungslager nicht mehr weit. Kosky zeigt es mit einer gigantischen Fratze, die fatal an die Karikaturen erinnert, mit denen die Nazis für Fritz Hipplers abscheulichen Film „Der ewige Jude“ warben. Sie bläst sich über Beckmessers Kopf auf und mahnt am Ende der Prügelfuge, einer scheinbar harmlosen Gassenschlägerei, es ist 19.33 Uhr (!), wie schnell derlei ins Pogrom kippt.

Andererseits tut dieser Beckmesser wirklich alles, um sich lächerlich zu machen. Und man darf durchaus lachen über das, was er tut. So lange man ihm die Würde belässt. Peinliche Gockel, Spreizer, Vereinsmeier gibt es schließlich auch unter den anderen Meistern genug. Folglich muss Kosky auch Sachs nicht als protofaschistischen Demagogen zeigen, wie es Katharina Wagner vor zehn Jahren in ihrer Bayreuther Inszenierung tat. Diesen Sachs darf man mögen. Weil er sich Schwächen erlaubt, jähzornig ist, zweifelnd und verzweifelt.

Sachs und Beckmesser sind mit Michael Volle und Johannes Martin Kränzle darstellerisch perfekt besetzt. Wie die beiden Weisheit und Wahnwitz, Sinnsuche und Slapstick, Natürlichkeit und Überzeichnung zusammenbringen, das allein lohnt die Gesäßschmerzen, ohne die sechseinhalb Stunden auf dem Grünen Hügel nicht zu absolvieren sind. Und diese Spielwut überträgt sich auf alle anderen. Auf Klaus Florian Vogt als Walther und den wunderbaren Daniel Behle als David, auf Wiebke Lehmkuhl als Lene – auch auf Anne Schwanewilms als Eva.

Hier allerdings mit Einschränkungen. Cosima war zur „Meistersinger“-Zeit eine reife Frau, Eva muss ein Backfisch sein. Ersteres verkörpert Schwanewilms mit Leichtigkeit, fürs zweite lässt Kosky sie zappeln, als sei sie gerade der Augsburger Puppenkiste entstiegen. Die Cosima-Reife indes war für Kosky entscheidend. Also wurde es Schwanewilms, eine fabelhafte Sopranistin (mit Hang zu Schärfe, Kälte und Textverweigerung). Aber für diese Partie ist sie eine Fehlbesetzung, wofür sie lautstarke Buhs kassiert.

Der Rest vom Sängerfest lässt keine Wünsche offen. Die eindimensionale Kehligkeit Klaus Florian Vogts muss man nicht mögen. Aber zum kindischen Draufgängertum und selbstgewissen Überschwang des Walther von Stoltzing passt sie bestens. Sein Kollege Daniel Behle ist mit herrlichem Schmelz, wunderbarer Höhe und vorbildlicher Diktion als David mindestens auf Augenhöhe unterwegs, Wiebke Lehmkuhl ist eine herrliche Lene, Günther Groissböck unter seiner Liszt-Perücke ein sensationeller Pogner, die anderen Meister, der Luxus-Nachtwächter Georg Zeppenfeld und auch Eberhard Friedrichs farbenfroher, wandelbarer, durchsetzungsstarker und klangschöner Chor stehen ihm darin kaum nach.

Wohl aber dem, was Volle und Kränzle auch sängerisch bieten. Gewiss: Beide vergessen im Überschwang der Konversation schon mal das Singen. Aber wie Volle seinen Sachs wortweise mit Bedeutung auflädt und doch weite Bögen spannt, „Flieder-“ und „Wahn“-Monolog unvergesslich tief und schön entwickelt, wie Kränzle in der Karikatur der Schönheit zu ihrem Recht verhilft, wie beide schließlich jede Silbe liebevoll bis in die letzte Reihe des Festspielhauses tragen, das nährt auch nach über sechs Stunden noch den Wunsch, sie mögen niemals aufhören.

Dabei hilft ihnen Philippe Jordan am Pult des gedeckelten Grabens. Und das ist das größte Manko des Abends. Denn vor lauter Sängerfreundlichkeit degradiert der Chefdirigent der Pariser Oper Wagners instrumentales Welttheater zur Begleitung. Bisweilen ist schwer zu sagen, wo er eigentlich hinwill. Wunderbar zarten Gespinsten wie dem Vorspiel zum dritten Akt steht eine seltsam mutwillige Detail-Huberei gegenüber, dem Versuch, die Partitur transparent zu halten, eine Klapperneigung, die auch damit nicht hinreichend zu erklären ist, dass die „Meistersinger“ es schwer haben in der schwebenden Festspielhaus-Akustik. Dafür kassiert auch er einige Buhs.

Dass es derer einige für Kosky gibt, versteht sich von selbst. Aber die werden schnell von den Schreien der Begeisterung niedergerungen, vom Fußgetrappel, den Pfiffen, dem stehenden Jubel. Schön, dass der Beweis, dass die „Meistersinger“ gleichermaßen komisch wie tiefgründig sein können, nun auch in Bayreuth erbracht wurde. Und: Kein Mensch braucht vorher einen Skandal.

Die „Meistersinger“ stehen wieder am 31.7., 7., 15., 19. und 27. 8. an. Die Chancen, hier noch Karten zu bekommen, sind gering. Anders sieht das bei Frank Castorfs „Ring“ aus, der letztmals auf dem Programm steht. www.bayreuther-festspiele.de

Von Peter Korfmacher

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