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Lang lebe die Queeng: Performance gewinnt Leipziger Bewegungskunstpreis

Theaterfestival Lang lebe die Queeng: Performance gewinnt Leipziger Bewegungskunstpreis

Zwei Tage Theater, Workshop, Gala: In Leipzig wurde am Wochenende zum zwölften Mal der mit 5000 Euro dotierte Bewegungskunstpreis vergeben. Gewonnen hat die interaktive Performance „The Queen of Ama*r“.

Gewonnen! Inga Gerner Nielsen (mit Tochter Liv) und Johannes Maria Schmit freuen sich mit Matthieu Loos, Marko Mayerl und Stefan Ebeling (von links).

Quelle: André Kempner

Leipzig. Die Queeng selbst schläft bereits. Dabei würde der hermaphroditischen Herrscher/in der dänischen Insel Amar fraglos gefallen, wie Marko Mayerl und Matthieu Loos, zwei Stargäste aus Frankreich, Samstagnacht kurz vor halb zwölf in der ausverkauften Nato einen eigentlich einfachen Akt zelebriert haben. Der grüne Umschlag, in dem sich der Name des Leipziger Bewegungskunstpreisträgers 2016 verbirgt, ist da längst geöffnet. Aber Mayerls Beruf ist nicht zufällig der eines Improvisationsschauspielers. Liebevoll reißt er hier noch ein Eckchen und dort einen weiteren Streifen Papier ab. Endlich verkünden die beiden feierlich das Ergebnis: „The Queeng of Ama*r!“

Bereits vier Stunden zuvor hat die Queeng im ebenfalls bestens gefüllten Lofft selbstsicher wissen lassen, dass sie den Preis annehme, ja, dass sie sich über ihn freue. Als Fan von US-Präsident Trump, „ganz unpolitisch“ freilich, kennt sie offenbar die Kraft von Worten, die zu Fakten werden. Ihre beiden Hofdiener, die Performance-Künstler Inga Gerner Nielsen und Johannes Maria Schmit, haben die Siegesfreude der Kunstfigur dem Publikum in der Vorbereitung zu einer Audienz übermittelt, an der auch das Ensemble Don Q um Regisseur Rico Dietzmeyer und Theaterurgestein Wolfgang Krause Zwieback teilgenommen haben: die zwei weiteren Nominierten für die mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung. Ob sie die Hoffnung, selbst zu gewinnen, da bereits aufgegeben haben?

So oder so besteht für Krause Zwieback und die Don-Q-Leute auch vier Stunden später, als klar wird, dass sich die Jury tatsächlich für die Queeng entscheidet, kein Grund für Trübsal. Das hat das Bewegungskunstfestival seit Freitagabend beeindruckend vorgeführt. Als „Fest der freien Szene“ in Leipzig mehr denn als Wettbewerb rühmt Moderator Stefan Ebeling das zweitägige Ereignis aus Vorstellungen, Workshop und Gala treffend bereits bei der Eröffnung in der Nato. Begleitet vom munter groovenden Leipziger Straßenmusik-Trio The Coins hüpft Ebeling nicht von ungefähr mit Queens „I Want to Break Free“ auf den Lippen auf die Bühne. Die Betonung liegt auf „Free“: ein Bekenntnis zur freien Kulturszene, die in Leipzig so vielfältig, lebendig und qualitätsvoll ist wie fast nirgendwo.

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Zum zwölften Mal wurde am Samstag der Leipziger Bewegungskunstpreis vergeben. Auch nicht nominierte Theatermacher durften sich bei einer Gala in der Nato präsentieren.

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Diese Behauptung darf im Festivalplan zuerst die Theatergruppe Don Q mit ihrem nominierten Stück mit Leben füllen. Cervantes’ Helden-Duo Don Quixote und Sancho Panza, deren Erlebnisse in vielerlei Hinsicht eine Blaupause des modernen Geschichtenerzählens sind, bringt das Ensemble ohne große Worte vor allem mit wunderbaren Bildern auf die Bühne. Licht, Gestik und eine bezaubernd suggestive Musik, die Anselm Vollprecht an Saxofon, Flöte, Keyboard live sampelt – und schon schreibt man als Zuschauer den großartigen, aber eben an sich unveränderlichen Masken ein ausdrucksstarkes Mienenspiel zu.

Im Anschluss gibt Moderator Ebeling den Besuchern genau 26 Minuten, um in die vier Kilometer entfernte Schaubühne Lindenfels zu gelangen. Dort steht die zweite nominierte Inszenierung auf dem Spielplan: das „Kabasurde Abrett Keil 3“. Seit Ende der 70er bricht Krause Zwieback in seine einzigartigen Wortlabyrinthe auf. Auch in der aktuellen Variante, unterstützt von kosmischer Musik, Tänzelei und Live-Malerei am Computer, kreuzen geniale Sätze die Route dieses liebenswerten Leipziger Theater-Kauzes durchs Sprachall. „Der Rückspiegel ist die Vorschau auf das, was schon hinter uns liegt. – Es gibt Dinge im Leben, die zeigen sich erst, wenn man sie sieht. – Arbeit ist Vergnügen. Vergnügen macht Arbeit.“ Um nur drei zu nennen.

Keine Frage, Dietzmeyer und Krause Zwieback wären ebenso würdige Preisträger. Und völlig zurecht weist der Bewegungskunstpreis-Vorsitzende Ronald Schubert darauf hin, dass bei nur drei Kandidaten aus 21 Bewerbungen schon die Nominierung eine Auszeichnung darstellt. Diesen Eindruck untermauert am Abend darauf bei der großen Abschlussgala in der Nato eine „Leipzig-Short-Cuts-Revue“, die der Bewegungskunst-Verein im zwölften Jahr des Preises erstmals ins Rampenlicht stellt. Jeweils drei Minuten haben solche Leipziger Theatermacher, die diesmal keine Nominierung ergattert haben, um sich und ihre Kunst zu präsentieren.

Die Jury setzt auf Interaktion

Theatrium, Adolf-Südknecht-Ensemble, Pipidasdas/Das Üz, Alma Toaspern, Theater Pack, Nachtigall-Ensemble, Gesa Volland – sie alle nutzen die Gelegenheit und generieren eine Szenenfolge, deren Qualität und Unterhaltungsfaktor kontinuierlich hoch bleibt. Kein Wunder, dass sich auch Thomas Jochemko, Geschäftsführer des Leipziger Anzeigenblattverlags als Sponsor von Preisgeld und mehr, beeindruckt über Klasse und Vielfalt zeigt.

Ebenso wenig verwundert mithin, dass Leipzigs Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke die freie Szene in ihrer Rede als „elementaren Teil der Leipziger Theaterlandschaft“ lobt, als „Ausdruck des geistigen und kulturellen Lebens in dieser Stadt“. In einer von Fanatismus und politischer Zuspitzung geprägten Zeit, so Jennicke, sei es umso wichtiger, selbstkritisch über den Tellerrand zu blicken – „und dafür ist die freie Szene bekannt“. Die Bewegungskunst-Gala kann die Politikerin der Partei Die Linke in ihrem Ansinnen nur bestärken, Kooperationen „zwischen sogenannten Freien und in anderer Betriebsform organisierten Theatermachern“ zu fördern.

Gerade die Entscheidung der Jury, nach dem Preis für Christian Hanischs und Ricardo Endts „Dark Star“ 2015 erneut ein Konzept auszuzeichnen, das maßgeblich auf die Interaktion mit dem Publikum setzt, verweist in der Tat auf eine Off-Vorliebe, die man auf städtischen Bühnen momentan kaum antrifft. Zumal – anders als bei der Festivalvariante im Lofft – in der ursprünglichen Queeng-Performance pro Aufführung nur ein einziger Besucher vorgesehen war: in Anlehnung an das reale Prozedere, das dänische Staatsbürger durchlaufen, bevor ihre Königin sie zur Audienz empfängt.

Schätze aus Müll

Der Clou liegt nun darin, dass es allein von dem einen Gast abhängt, ob die Queeng erscheint oder nicht. Nur er kann der Hochwohlgeborenen Leben einhauchen – mit augenzwinkernd heiligem Ernst und mit Hilfsmitteln von leeren Champagnerdosen bis Diamanten aus Glas, die gleichzeitig als Müll wie als Schätze durchgehen. Ohne dass die Performer Nielsen und Schmit explizit werden, so Juror Lars Krüger in der offiziellen Preisbegründung, fange man als Besucher an, über die Bedeutung von Armut nachzudenken, „fern aller Sozialromantik“. Denn wie sich das Reich der Queeng, die Insel Amar, aus Kopenhagener Müll aufgetürmt hat, so ziehe auch sie selbst ihren Reichtum aus Armut. Aus der Kreativität, die der Armut entspringt.

„Die Queeng wird nicht überrascht sein, wenn sie den Preis morgen beim Erwachen neben ihrem Bett liegen sieht“, sagt Schmit zwar, als er die Bewegungskunst-Trophäe freudestrahlend in Händen hält. „Aber wir sind sehr überrascht.“ Bleibt nur die Frage, ob 5000 Euro so viel Reichtum bedeuten, dass man sich Sorgen um die Kreativität der armen Queeng machen muss.

Von Mathias Wöbking

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