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„Lauter perverse Leute“

Vor der Leipziger Salome-Premiere am 17. Juni „Lauter perverse Leute“

Am 17. Juni hebt sich in der Oper Leipzig zum ersten Mal seit 23 Jahren der Vorhang für eine neue „Salome“. Aron Stiehl inszeniert den Einakter von Richard Strauss, Elisabet Strid singt die Titelpartie.

Die Sopranistin Elisabet Strid und der Regisseur Aron Stiehl vor der Leipziger Oper.

Quelle: Christian Modla

Leipzig. Es ist nicht die erste Oper des Richard Strauss: 1894 bereits ging in Weimar „Guntram“ über die Bühne, 1901 kam in Dresden „Feuersnot“ heraus. Aber „Salome“, uraufgeführt 1905 in Dresden, war die erste Strauss-Oper. Denn „Guntram“ ist schlechter Wagner und das Satyrspiel eher Privatsache. Doch mit „Salome“, diesem vor Erotik und Gewalt, vor Exotik und Archaik, vor Ungehörtem und Ungeheuerlichem dampfenden Einakter begann die Moderne auf dem Musiktheater.

Sie begann mit einer Provokation, die Strauss, er hatte die 40 bereits überschritten und wohnte als Sinfoniker längst auf dem Olymp, minutiös geplant hatte. Denn Oscar Wildes (französisches) Drama von 1891 hatte erhebliche Skandal gemacht, wurde in vielen Ländern zensiert – wenn es nicht gleich ganz verboten war, weil es nicht nur auf offener Bühne Tod und Sex thematisiert, sondern überdies seine Wurzeln in die Bibel schlägt: Dort lesen wir bei Markus (6,23) von der Tochter des Herodias, die sich für einen Tanz das Haupt Johannes des Täufers erbat. Was für ein Opernstoff! Strauss schrieb sich aus Wildes Drama selbst sein Libretto – und blieb dabei so nah am Original, dass er nebenbei auch noch die Literaturoper erfand.

Eine Provokation also und ein biblisch-orientalischer Stoff. Wie bringt man so etwas auf die Bühne? Für Aron Stiehl, der nach Wagners witzigem „Liebesverbot“ und einer wunderbar poetischen „Butterfly“ nun bei „Salome“ zum dritten Mal an der Oper Leipzig Regie führt, ist zunächst einmal klar, wie er es nicht macht: „Wir zeigen keine orientalische Antike.“ Das ginge schon deshalb nicht, weil die wunderbare Rosalie die Bühne schuf, die in Leipzig mehrfach mit dem Ballett arbeitete beispielsweise für Uwe Scholz’ Auseinandersetzung mit Bruckners Achter die Bühne bereitete. Weil die Künstlerin schwer erkrankt ist, wird sie allerdings der Premiere am Samstag nicht beiwohnen können.

„Rosalie“, sagt Stiehl, „hat einen abstrakten opulenten – ohne Opulenz geht es nicht – Raum geschaffen. Und in diesem Raum bewegen sich eher moderne Menschen. Um eine dekadente Gesellschaft am Abgrund zu finden, die sich ausschließlich über Konsum und Besitz definiert, müssen wir ja weder in den Nahen Osten reisen noch 2000 Jahre zurück.“

Und wie hält er es mit der Provokation, auf die Strauss so viel Wert legte? Stiehl: „Ach, Provokation, das ist ja im so genannten Regietheater die Normalität geworden. Ich finde es wichtiger, das Stück zu erzählen. Was 1905 unerhört war, ist heute Normalität auf der Bühne. Soll man darum die Provokations-Schraube immer fester anziehen, weil die Menschen immer mehr gewohnt sind? Ich glaube nicht, dass das sinnvoll ist.“ Was im Übrigen auch für Nacktheit gilt – schließlich hat Strauss seiner Salome den „Tanz der sieben Schleier“ auf den Leib geschrieben, der am Ende ein Tanz ohne jeden Schleier sein soll. Der erste Striptease auf der Opern-Bühne.

In Leipzig wird es keinen geben. „Nacktheit ist auf der Bühne so häufig geworden, die löst nichts mehr aus beim Zuschauer. Und gerade bei ,Salome’: Was ist da schon alles ausprobiert worden! Da verschwindet die dicke Sängerin hinter einem Wandschirm und eine schlanke Sängerin übernimmt den Tanz – danach wird wieder gewechselt. Ich finde das peinlich. Ebenso peinlich wie Pornografie auf der Opernbühne.“

Ein Umstand, den die schwedische Sopranistin Elisabet Strid, 41, in Leipzig als Brünnhilde stürmisch gefeiert, ihrerseits mit einer gewissen Erleichterung quittiert. Sie ist schön, sie kann tanzen, ist aber dennoch froh, dass Stiehl sie nicht blankziehen lässt, weil „es in diesem Tanz um mehr geht als um die flüchtige erotische Sensation des Augenblicks. Es geht im Kindesmissbrauch, um eine Atmosphäre von Gewalt, in der ein Menschenleben nichts zählt – aber es geht auch um so etwas wie fehlgeleitete Liebe.“

Salome, das ist als Partie eine Zumutung. Da ist eine Sängerdarstellerin gefragt, die glaubhaft die gerade erblühende Körperlichkeit eines jungen Mädchens zeigt, stimmlich aber voll ausgereift ist. Strid: „Es ist heikel, den richtigen Augenblick abzupassen. Die Stimme muss den Anforderungen dieser Partie gewachsen sein, die sie zerstören kann. Andererseits darf sie aber auch nicht alt klingen. Sie muss über das gewaltige Orchester kommen, darf aber nicht verhärten. Ich fühle, dass ich jetzt an dem Punkt bin, das singen zu können. Salome ist für mich eine absolute Traumpartie.“ Und eine Traumrolle. Denn das verwöhnte Gör, das Liebe mit Besitz verwechselt und am Schluss, wenn sie sich am vom Rumpfe getrennten Kopf des Jochanaan den Kuss holt, den der lebende Täufer ihr verweigerte, und dann feststellt, dass Liebe sich wohl doch anders anfühlt, ist eine der faszinierendsten Frauenpartien der Operngeschichte.

„Sie müssen sich vorstellen, was die alles mitangesehen hat in ihrem kurzen Leben“, sagt Stiehl: „Herodes, der zweite Mann ihrer Mutter Herodias, ist ihr Onkel. Ihren Vater, hielt Herodes, bevor er ihn umbringen ließ, zwölf Jahre in genau der Zisterne gefangen, in der nun Jochanaan sitzt. Um sie herum nichts als Gewalt – und Luxus. Wie soll sie da herausfinden, was Liebe ist? Sie kennt nichts anderes, als dass ihre Wünsche erfüllt werden. So oder so.“

Doch auch Jochanaan, wie Johannes der Täufer bei Wilde und Strauss heißt, ist kein Sympathieträger. Strid: „Der kriegt es mit der Angst zu tun, wenn Salome sich ihm das erste Mal nähert, schreit und schimpft um so mehr. Es ist, obwohl er schön ist, sicher nicht leicht, ihn zu lieben.“ Ein Eiferer also, in der Leipziger Neuproduktion singt und spielt ihn Tuomas Pursio, dem man im richtigen Leben lieber nicht begegnen würde. Richard Strauss fasste die Personage seiner Oper so zusammen: „Lauter perverse Leute. Und nach meinem Geschmack der perverseste der ganzen Gesellschaft ist – der Jochanaan.“

Pervers hin wie her: Die Musik, zu der diese Gesellschaft Strauss inspirierte, ließ in der Oper keinen Stein auf dem anderen. Ein Akt, vier Szenen, pausenlose anderthalb Stunden. Stiehl: „Länger würde man diese musikalische Gewalt, diesen sensualistischen Fieberwahn wahrscheinlich rein körperlich nicht aushalten.“ Auf jeden Fall ist er in Leipzig in guten Händen. Am Pult des Gewandhausorchesters seht Generalmusikdirektor Ulf Schirmer, der bündig zu Protokoll gibt: „Für solche Musik ist dieses Orchester gemacht“. Und er auch, wie er in Leipzig bereits mehrfach mit Strauss-Opern unter Beweis stellte. Und weil Strauss, Gewandhausorchester und Schirmer so lustvoll zusammenkommen, umrahmt ein ganzes Straussß-Wochenende die „Salome“-Premiere am Samstag.

Premiere „Salome“: 17. Juni, 19 Uhr, Vorstellungen: 25. Juni, 14., 20. Oktober, 16. Dezember, 10. März; dazu im Strauss-Wochenende an der Oper Leipzig: 16. Juni: „Arabella“, 18. Juni: „Die Frau ohne Schatten“; Karten (15–109 Euro) gibt’s unter anderem in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 und auf www.lvz-ticket.de, unter Telefon 0341 1261261 oder an der Opernkasse.

Von Peter Korfmacher

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