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Leben am Zweifel - Der Leipziger Schriftsteller Werner Heiduczek wird 85 Jahre alt

Leben am Zweifel - Der Leipziger Schriftsteller Werner Heiduczek wird 85 Jahre alt

Er ist Träger der Ehrenmedaille der Stadt Leipzig und des Bundesverdienstkreuzes – am Donnerstag feiert der Schriftsteller Werner Heiduczek seinen 85. Geburtstag.

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Werner Heiduczek

Quelle: André Kempner

Leipzig. Statt über Blumen und Geschenke würde er sich für eine Spende zugunsten der Städtischen Bibliotheken freuen. Heiduczek lebt eben immer auch in der Zukunft.

Es war eine nachträgliche und gleichzeitig vorgezogene Festlesung, als zum Ausklang des Literarischen Herbstes  im Oktober Adel Karasholi und Werner Heiduczek im Alten Rathaus auf der Bühne standen. Die Veranstalter hatten dem gerade 75- und dem fast 85-Jährigen Stühle an einen Tisch gerückt. Doch nein, er wolle lieber stehen, sagte Heiduczek, als Lehrer wisse er, „wenn die Schüler hinten einen hören, aber nicht sehen, ist es blöd“. Und dazu waren sie schließlich gekommen, all die Fans aller Altersgruppen: ihn ganz zu erleben, der einst berühmt war und danach nicht fremd wurde.

Für die Jüngeren wird der Ältere inzwischen über Clemens Meyer erklärt: „Erst nach der Lektüre seiner Romane und Erzählungen begriff ich, dass da einer der ganz Großen in Leipzig lebt“, schreibt der 1977 Geborene in seinem Vorwort zu Heiduczeks Essayband „Vom Glanz und Elend des Schreibens“, der  im Leipziger Plöttner Verlag erschienen ist. In Meyers Kanon steht Heiduczek neben Wolfgang Hilbig, Hubert Fichte, Hans Henny Jahnn, neben Grass, Bräunig, Borchert, Loest, Plenzdorf … Bei anderen stehen seine Bücher neben Christa Wolf, Volker Braun, Christoph Hein in der Anbauwand.

Kinder bekamen „Jana und der kleine Stern“ vorgelesen, Heranwachsende entdeckten „Das verschenkte Weinen“, später „Mark Aurel oder ein Semester Zärtlichkeit“, dann „Abschied von den Engeln“ und sowieso „Tod am Meer“. Ob Märchen, Stücke oder Familiengeschichten – Heiduczek ist ein Erzählkünstler, Beobachter und Chronist, er war es von Anfang an, und er ist es bis heute.

Wer ihn erlebt, ist beeindruckt von seinem Scharfsinn. Wer ihn liest, wird fasziniert sein vom liebevollen Blick, philosophischer Wärme und psychologischer Präzision. Heiduczek spürt dem Glück und der Liebe nach, ergründet Verantwortung des Menschen für sich und andere, folgt den Wegen, die das Schicksal vorschreibt oder vorschlägt – und all das ohne Pathos, ohne Selbstbetrug. Vielmehr mit einer grundsätzlichen Offenheit, die am deutlichsten hervortritt, stellt man sein Werk neben die Autobiographie „Die Schatten meiner Toten“ aus dem Jahr 2006.

Der unsentimentale "Wasserpolacke"

Diese Ehrlichkeit ist ein Grund für die Zeitlosigkeit seiner Bücher. Die haben  immer auch mit den eigenen Erfahrungen Heiduczeks zu tun, die sich darin wiederfinden wie auch Charaktere von Freunden Eingang nahmen, der Alltag mit seiner Frau und den drei Töchtern. Wenn der Schriftsteller Jablonski in „Tod am Meer“ sagt, das größte Verderbnis für das Schreiben sei die Lüge, dann spricht der Autor. Diese Lüge, „sie schleicht sich zwischen mich und die Welt, sie schmeichelt meinem Verlangen nach Ruhm und Erfolg“.

Das Ringen mit Wünschen und Wahrheit, manchmal auch nur mit deren Schatten, verändert den Mann, der als Junge in den Krieg ziehen wollte, weil er einen Kick suchte, der Schulrat wurde, um nicht Lehrer sein zu müssen. „H. war durch die Weimarer Republik gelaufen, durch den Faschismus, durch den Krieg. Er hatte die amerikanische Kriegsgefangenschaft durchgestanden, die englische, die russische. Irgendeine gütige Macht hatte immer die Hand schützend über ihn gehalten“, schreibt er in seiner Autobiographie.

Geboren am 24. November 1926 in Hindenburg/Zabrze in Oberschlesien sei er ein „Wasserpolacke“ und – „bei aller Sentimentalität, die in einem Oberschlesier steckt“ – durch und durch unsentimental. Dennoch räumt er später ein, dass die Übersetzung seiner Arbeiten ins Polnische ihn stärker berührt habe als Übersetzungen in andere Sprachen. Jablonski lässt er sagen: „Würde eine unversöhnliche Macht die Welt zerstören wollen wie Sodom und Gomorrha, sie zu erhalten, wollte ich sterben. Aber um drei Städte würde ich weinen. Um Zabrze, Burgas und Herzberg.“

Heiduczek war immer unter uns und ist es heute, um mit dem Blick von außen zu zeigen, was als Provokation wahrgenommen werden kann. Dabei ist er nie verbittert, höchstens wütend. Das macht ihn frei. In einem Interview räumt er ein, sich nach dem System gerichtet zu haben, an das er zunächst geglaubt habe. „Bis ich gesehen habe, dass es ein Holzweg ist, habe ich einige Jahre und einige Bücher gebraucht.“ Als er anders zur Wahrheit stand, stand das System auch anders zu ihm. Stellte sich gegen ihn mit Druckverboten. „Ich schreibe aus demselben Grund, wie ich atme und mich bewege, schlafe und aufstehe. Und es ist ohne Sinn, außer dem, am Leben zu bleiben“, schreibt er 1983. Der Text ist jetzt erstmals erschienen in jenem Essayband, mit dem der Plöttner Verlag zum Geburtstag gratuliert.

Rezept gegen Einsamkeit

Darin begibt er sich in Interviews, schreibt über Ursula Mattheuer-Neustädt, den Illustrator Wolfgang Würfel, die Kollegen Erich Loest und Adel Karasholi. Manches stammt aus den 70er und 80er Jahren, einiges ist jüngeren Datums, vieles bislang unveröffentlicht. In allem zeigt sich Heiduczek unbeirrt politisch und verweist auf Nietzsche: „Verzeihe dir dein eigenes Ich.“ Man solle sich die Scham behalten, aus ihr wachse erst das wirkliche Selbstbewusstsein.

Bei allen Problemen war er auch ein Privilegierter – wenn man darunter versteht, mit zwei Pässen reisen zu können. Und er sagt auch, wie er reagierte auf die kulturpolitischen Attacken und verweigerten Druckgenehmigungen, wie er Einsamkeit und Depression mit der Hinwendung zu Märchen und Mythen begegnete. „Die seltsamen Abenteuer des Parzival“ (1974) waren ihm einer Passage wegen wichtig: „... ich möchte meinen, die wahre Tumbheit Parzivals bestand darin, dass er nichts Eigenes zu denken wagte, Glauben für Wissen nahm und Nachäffung für menschliche Würde. Unbedachter Gehorsam ließ ihn herzlos werden.“ Jedes System habe seine Frustrationen, „lediglich die Kleider wechseln“. Die Poesie der Mythen treffe Gegenwärtiges deutlicher als jede Erfindung eines heutigen Autors.

Bei jener Festlesung im Rahmen des Literarischen Herbstes spielte Heiduczek mit den Worten seines Essays: „Nicht jeder versteht, was er weiß, und versteht er es gleich, so ist keineswegs sicher, dass er ihm auch Ausdruck zu geben vermag.“ Heiduczek kann so vielem Ausdruck geben, weil er immer Fragen stellt. Sich und anderen.

Janina Fleischer

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