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Lebendiges Monument der Altersweisheit

Alle Beethoven-Sinfonien mit Blomstedt und dem Gewandhausorchester Lebendiges Monument der Altersweisheit

Zu seinem 90. Geburtstag schenkte Herbert Blomstedt sich und der Musikwelt mit dem Gewandhausorchester, dessen Ehrendirigent er ist einen neuen Beethoven-Zyklus auf CD. Er gehört zum Besten, was der Markt zu bieten hat.

Herbert Blomstedt dirigiert das Gewandhausorchester.

Quelle: Kempner

Leipzig. Kein anderer Zyklus war und ist auf dem Tonträgermarkt so reich vertreten wie die neun Sinfonien Ludwig van Beethovens. Zwischen Furtwänglers Wühlen und Toscaninis Furor, Karajans Gemälden und Gardiners Aquarellen, Konwitschnys Dramen und Hogwoods Betrachtungen, Bernsteins Rausch und Weils Ausnüchterung gibt es da nichts, was es nicht gibt. Mitten hinein wirft nun das Gewandhaus seine zweite Gesamtaufnahme innerhalb von sechs Jahren. Was doppelt kühn erscheint angesichts der Tatsache, dass die letzte, mit der Riccardo Chailly seine Zeit als Gewandhauskapellmeister (2005–2016) bei Decca discographisch krönte, die Maßstäbe der Beethoven-Interpretation verschob: Mit gnadenlos an den Metronom-Vorgaben des Komponisten orientierten Tempi durch die Partituren jagend, ohne dabei ein Detail aus den Augen zu verlieren, brachten Chailly und das Gewandhausorchester da moderne Klangpracht und historisch informierte Transparenz unter einen Hut.

Es besteht also, sollte man meinen, keine Notwendigkeit für eine weitere Beethoven-Box mit dem Gewandhausorchester, das seit 1824 unter so ziemlich jedem Chef mindestens einen Zyklus aufgelegt und seit Erfindung der Schallplatte auch der Ewigkeit übergeben hat. Aber es reichen die ersten Töne der Einleitung zur Ersten aus dem sehr ästhetischen Accentus-Papp-Schuber. Es reicht eigentlich bereits die unerklärliche Spannung des seinerzeit so kühnen Dominant-Septakkords, um zu spüren: Hier geschieht etwas Besonderes.

Vor 63 Jahren debütierte Herbert Blomstedt beim Philharmonischen Orchester Stockholm. Damit ist er der dienstälteste unter den großen Dirigenten unserer Zeit. Während all dieser vielen Jahre hat Beethoven ihn nie losgelassen. Wie gewaltig die Entwicklung ist, die er dabei vollzog, zeigt sich im Vergleich mit seiner Gesamteinspielung mit der Staatskapelle Dresden aus den 70ern, die dem Klang mehr verpflichtet war als der Struktur – dem Orchester in gewisser Weise mehr als dem Komponisten.

Aber Blomstedt wäre nicht Blomstedt, hätte er seither nicht akribisch jeden Buchstaben verfolgt und geprüft, den die Forschung zum Thema beizutragen hatte. Und so lebt sein Musizieren im umfassenden Wortsinne von jener Informiertheit, die viele Originalklinger eher als Klischee im Wappen führen.

Blomstedts unvergleichliche Kunst allerdings setzt erst einen Schritt weiter ein. Denn ihm gelingt das bemerkenswerte Kunststück, seinen Beethoven dennoch sehr persönlich zu gestalten. Vor allem, weil er kein Dogmatiker ist. Nicht in Tempo-Fragen – obschon er meist nah an den berüchtigten Metronom-Zahlen navigiert. Nicht bei der Dynamik – obgleich er keinen, wirklich keinen Hinweis aus Beethovens Hand unberücksichtigt lässt. Nicht bei der Phrasierung. So wurde Blomstedts Leipziger Beethoven-Zyklus zum beeindruckend lebendigen Monument musikalischer Altersweisheit. Verglichen mit Chaillys beinahe verbissener Unerbittlichkeit klingt das Gewandhausorchester unter ihm heiterer, gelöster, weicher, wärmer. Schönheit, Logik und Menschlichkeit schichten sich hier zu einem sinfonischen Dreiklang, wie es nicht viele gibt in der langen Geschichte der Musikaufzeichnung.

Für Leipzig schließt sich mit dieser fabelhaft klingenden Box ein Kreis: Blomstedt hat das Orchester als Gewandhauskapellmeister fit gemacht für die Wunder der Ära Chailly. Der wiederum revanchierte sich dafür (auch und vor allem mit Beethoven) mit einer Virtuosität, Spielkultur und Reaktionsschnelle des Gewandhausorchesters, die seinem Vorgänger nun die letzte Tür zum sinfonischen Olymp aufstießen.

Mal sehen, was Andris Nelsons anstellt mit dem Vermächtnis seiner beiden großen Vorgänger. Ein weitere Beethoven-Zyklus auf Tonträger steht einstweilen nicht an.

Von Peter Korfmacheer

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