Volltextsuche über das Angebot:

0 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Lehrzeit, Lebenszeit, Belichtungszeit: Zwei große Ausstellungen feiern die Fotografie

Leipzig Lehrzeit, Lebenszeit, Belichtungszeit: Zwei große Ausstellungen feiern die Fotografie

Zwei große Leipziger Ausstellungen feiern die Fotografie: Im Museum der bildenden Künste ist ab 2. Juli die Schau „Gehaltene Zeit. Ursula Arnold, Arno Fischer, Evelyn Richter“ zu sehen. Die Kunsthalle der Sparkasse widmet sich unter dem Titel „Die Lehre“ der Nachfolge von Arno Fischer und Evelyn Richter.

Blick in die Ausstellung „Gehaltene Zeit“ im Museum der bildenden Künste.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig.  Jungs trotten mit Fußballfahnen die vernebelte Haydnstraße im Leipziger Musikviertel entlang Es ist eines der bekanntesten Bilder Evelyn Richters, aufgenommen 1976. Wahrscheinlich wird es immer wieder reproduziert, weil es so charakteristisch für die Sichtweise der Fotografin ist.

Der Titel der Ausstellung „Gehaltene Zeit“ klingt nostalgisch. Doch es muss sich nicht um ein Festhalten von Zuständen handeln, die so ideal nicht waren. Man kann es auch als ein Aushalten verstehen. Nostalgie ist also kaum dabei, dafür aber viel Melancholie. Und ab und zu der ebenso unvermeidliche wie unfreiwillige Humor, der aus der Diskrepanz von Anspruch und Realität im DDR-Alltag resultierte. So sind auf einem Foto Arno Fischers bei Feiern zum 1. Mai zwischen Reihen Uniformierter Stapel von Bierkästen zu erkennen.

Persönliche Nähe

Verbindend zwischen den drei Persönlichkeiten ist zunächst die persönliche Nähe. Evelyn Richter und Ursula Arnold waren seit dem Studium an der HGB eng befreundet. Arno Fischer lernte Fischer durch eine Ausstellung der Gruppe „action fotografie“ 1957 kennen und schätzen. In den Achtzigern hoben sie gemeinsam die Fotografieausbildung in Leipzig auf eine neue Ebene.

Zugleich gibt es auch formale Gemeinsamkeiten. Alle drei verweigerten sich der offiziellen Linie, wie der real existierende Sozialismus auch mit der Kamera zu propagieren sei. Andererseits waren sie keine Oppositionellen. Sie suchten nach der Menschlichkeit unter nicht optimalen Bedingungen und fanden sie, auch wenn die Dargestellten selbst in der Gruppe häufig etwas einsam wirken. Dass dies aber nicht allein an den Umständen vor Ort lag, zeigen Arno Fischers Bilder aus New York. Sein Bildband über die amerikanische Metropole gehörte zur begehrten „Bückware“ in der späten DDR, auch wenn er kein glänzendes Image des Goldenen Westens vorgaukelte.

Fischer (1927-2011) ist der älteste der drei. Frühe Aufnahmen von ihm zeigen Luftangriffe auf Berlin, seine Heimatstadt, der er immer treu blieb. Er war Autodidakt. Evelyn Richter, Jahrgang 1930, und Ursula Arnold (1929-2012) hingegen machten eine Fotografenlehre und studierten anschließend. 1955 bekam Arnold ihr Diplom an der HGB, Richter hingegen wurde exmatrikuliert. Dennoch begann eine erfolgreiche Freiberuflichkeit, während Arnold bald Kamerafrau beim Fernsehen wurde und nur noch privat fotografierte.

Ein Anlass für die großangelegte Ausstellung im Untergeschoss des Museums ist das 20-jährige Jubiläum der Ostdeutschen Sparkassenstiftung. 2009 hatte die Stiftung das Archiv Evelyn Richters erworben und dem MdbK anvertraut. Das Archiv Ursula Arnolds kam hinzu. Ob auch der Nachlass des 2011 verstorbenen Arno Fischer nach Leipzig kommt, lässt Patricia Werner als Vertreterin der Stiftung mit diplomatischem Schweigen im Raum stehen.

Ruhig, unaufgeregt, sachlich

Jeannette Stoschek als Kuratorin betont, dass die kontinuierliche Arbeit mit den Archivbeständen wesentlicher Bestandteil der Präsentation ist. Also stehen im zentralen Saal lange Vitrinen mit Originalabzügen, teils mehr als 60 Jahre alt. Tabellen an den Wänden informieren über das Arbeitsleben der drei Protagonisten. Auch die anderen Räume machen mit den kleinformatigen Bildern, durchweg in Schwarzweiß, einen ausgesprochen ruhigen, unaufgeregten Eindruck. Die Werkgruppen sind sachlich nach Motiven wie Landschaft und Porträt oder nach Orten sortiert: Berlin, Moskau, Warschau, New York ...

Für die Leipziger sind besonders die Ansichten von Interesse, die man immer noch verorten kann, die aber so weit zurück zu liegen scheinen. Grimmaische Straße, Markt oder Neumarkt erkennt man oder liest es staunend an den Unterschriften. Doch das sind nur Hintergründe für die Menschen, für die sich die drei Fotografen besonders interessieren. Eines der bekanntesten Bilder Ursula Arnolds ist das einer alten Zeitungsverkäuferin, die sich über den Stock gebeugt die Treppe einer Unterführung am Hauptbahnhof hinaufquält.

Mit dem Porträt im engeren Sinne haben sich Evelyn Richter und Arno Fischer intensiv beschäftigt. Über den russischen Geiger David Oistrach hat Richter ein ganzes Buch gemacht. Neben berühmten Kollegen wie Strawalde oder Werner Tübke sind es aber immer wieder auch Arbeiterinnen oder Kinder, die sie in ihrer Individualität erfasst.

„Die Lehre“ in der Sparkasse

Mit der Museumsausstellung korrespondiert eine weitere in der Kunsthalle der Sparkasse. „Die Lehre“ – diese Überschrift spricht für sich. Von 1983 bis 1993 war Fischer an der HGB tätig, Richter von 1981 bis 2001. Beide, der Autodidakt wie auch die Rausgeworfene, bekamen rückwirkend ein Diplom verliehen. Zwanzig Absolventen dieser Lehrtätigkeit werden in der Kunsthalle vorgestellt. Mit Tina Bara, heute Professorin an der Hochschule, besteht sogar eine gewisse Kontinuität.

Vor allem aber kann man überprüfen, ob Fischer und Richter schulbildend gewirkt haben. Auch wenn nun gerade Bara mit ihren Nahansichten menschlicher Körperteile eine Ausnahme zu sein scheint, kann man das bejahen. Bei der Mehrheit der Schüler überwiegt die Herangehensweise, Dokumentation zu einer Kunstform zu erheben. Sie sind ganz dicht dran am täglichen Leben, ohne aber Vorlagen für die Abendnachrichten zu produzieren.

Christiane Eisler hat Punks und Insassen von Jugendwerkhöfen in den Achtzigern aufgenommen, Markus Hawlik mit Sinti und Roma in der DDR eine andere Gruppe außerhalb des offiziellen Fokus. Susanne Müller dokumentiert die Härten der Geburt, Klaus-Dieter Sonntag die kranker Kinder. Keine Fotografie im Auftrag der Schönheit, dennoch anspruchsvoll realisiert. Doch es finden sich auch andere Ansätze wie die sachlichen Architekturdarstellungen Bertram Kobers oder der Bericht über ein Dresdener Künstlerhaus. Von der heute an der HGB dominanten konzeptionellen Herangehensweise ist aber auch das weit entfernt.

Schade ist nur, dass diese Doppelausstellung, die zum Thema der erweiterten Reportage des gerade zu Ende gehenden Festivals f/stop gepasst hätte, nicht mit diesem zeitlich und marketingtechnisch koordiniert wurde. Für die Stadt wären vorherige Absprachen ein Gewinn gewesen.

Gehaltene Zeit. Ursula Arnold, Arno Fischer, Evelyn Richter: Museum der bildenden Künste, Katharinenstr. 10; Eröffnung am Samstag (2.7.) um 18 Uhr; bis 3. Oktober, Di und Do-So 10-18 Uhr, Mi 12-20 Uhr

Die Lehre. Arno Fischer, Evelyn Richter: Kunsthalle der Sparkasse, Otto-Schill-Straße 4a; bis 11. September, Di und Do-So 10-18 Uhr, Mi 12-20 Uhr

Von Jens Kassner

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2016/2017 im Schauspiel Leipzig mehr

  • Dreamhack Leipzig

    Auf der Dremhack 2017 treten die besten Computerspieler gegeneinander an. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Leipzig gilt als der Geburtsort der modernen Psychologie. Wie früher und heute im Geist geforscht wurde ist vom 14. September bis zum 16. Dezember 2016 in der Ausstellung "Psychologie in Leipzig - Geburt einer Wissenschaft" zu sehen. Besucher können sowohl Beobachter als auch Versuchsperson sein. Unsere Schau des Monats November! mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr