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Leipzig fetzt: Clueso vor 6000 Fans in der Arena

Leipzig fetzt: Clueso vor 6000 Fans in der Arena

Zwei Schuhe und drei Akkorde. In anderthalb Stunden werden die paar Töne und Treter ungefähr 6008 Menschen in eine unerwartete Euphorie versetzen. Aber pünktlich um acht ahnen das in der Arena weder die 6000 Zuschauer noch Clueso und seine sieben Mitstreiter.

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Ein netter Junge mit der Gitarre um - und Chef von 66 Mitarbeitern, die zurzeit in fünf Bussen durch Deutschland reisen: Clueso in der Arena.

Quelle: André Kempner

Zumal die Hauptfigur zunächst singt, dass sie gleich wieder abhaut.

"Liebe gibt es überall", lautet eine Schlüsselzeile in Cluesos mitreißendem Ausreißer-Lied "Pack meine Sachen", mit dem das Konzert am Sonntagabend begonnen hat. Tja, 90 Minuten später soll er sich insofern korrigieren, als die Liebe, wie sie ihm in "La-la-la-la-Leipzig" widerfährt, sein Herz doch offenbar in besonderem Maß wärmt. "Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich schon hier war", wird er dann rufen.

Rap-Jams im Conne Island stehen ebenso in der Vita des Künstlers, der vor 34 Jahren in Erfurt als Thomas Hübner auf die Welt kam, wie ein Auftritt bei der ersten Leipziger Hiphop-WM vor hundert Jungs im Kohlrabizirkus. Jung ist das Publikum immer noch, aber jetzt zu mindestens zwei Dritteln weiblich. Er hat am Leipziger Stadtstrand musiziert und mit dem Saxofonisten Antonio Lucaciu in der Petersstraße. Er hängte sich die Gitarre auf der Sachsenbrücke um, wo im Sommer jeden Abend irgendein Straßenmusiker spielt, und vor 13 000 Menschen am Völkerschlachtdenkmal.

Für Clueso ist das Konzert der Moment, in dem sich seine Lieder bewähren müssen. Das Album "Stadtrandlichter" stieg im September auf Platz eins der Charts ein, und vergangene Woche heimste der Musiker die fünfte Eins-Live-Krone seiner Karriere ein. Dennoch wirkt sein Lächeln aufrichtig erleichtert, als den Anhängern drei, vier Töne des Titelsongs genügen, um das Stück zu feiern. Soll heißen: Auch bei den Fans hier kommt das jüngere Schaffen an.

Die älteren Kompositionen kleidet die überaus packende Band gern in neue Arrangements. Dass "Mitnehm" und "Bleib einfach hier" in Reggae-Versionen gelingen, liegt nicht zuletzt an der groovigen Posaune Christian Kohlhaas'. "Augen zu" mündet in einer derben Rockgitarre Christoph Bernewitz'. "Das fetzt!", findet Clueso und schiebt hinterher, dass er den Ausruf auf der Tour erstmals benutze. "Kennt ja nicht jeder." Einen Tag später wird er die Einschätzung, dass "Leipzig gefetzt hat", zur Überschrift seiner Facebook-Seite machen.

Clueso und Gefolge haben sich einiges überlegt, um so einer großen Halle auch visuell gerecht zu werden, ohne dass daraus jedoch eine seelenlose Hochglanz-Poprevue resultiert. Schon die Vorband Annenmaykantereit, zu deren filigran erdigem Rock der schnuckelige Henning May erstaunlicherweise irgendwo zwischen Sven Regener und Rummelsnuff röhrte, erschien auf der Bühne keineswegs verloren. Und im Hauptteil verengen kurzerhand Scheinwerfer den Raum, um die Intimität zu erhöhen, etwa, wenn Clueso über "Keinen Zentimeter" singt, der "mehr zwischen uns" Platz haben soll. Wobei die Fläche freilich bei Bedarf sehr groß ist. "Ich renn hier hin und her wie Helene Fischer", sagt Clueso irgendwann. Der Bewegungsdrang ist der Tatsache geschuldet, dass er jedem Winkel des Saals mindestens einmal zuwinken will.

Zur obligatorischen Akustik-Einlage schnallt sich Schlagzeuger Tim Neuhaus, der sich trotz beachtlicher eigener Solo-Karriere wieder dem einstigen Chef angeschlossen hat, eine Wandergitarre um, benutzt jedoch auch dieses Instrument weitgehend als Trommel. "Barfuß" heißt eines der Lieder im Unplugged-Teil. Das Stück markiert Cluesos einstigen Entschluss, aus dem Hiphop-Lager ins Popsänger-Fach zu wechseln. Und es gibt einer Besucherin den Anlass, ihre Schuhe auf die Bühne zu werfen. Was aber zunächst kaum jemand bemerkt.

Clueso begrüßt den alten Kumpan Norman Sinn, um an seiner Seite zu zeigen, dass Hiphop für beide keineswegs nur Vergangenheit ist. Nach einem zehnminütigen Rap-Medley schlägt der Sänger seiner Band kurzerhand vor, "noch ein wenig zu freestylen". In anderen Musiksparten würde man von einer Jam-Session sprechen: Clueso gibt drei Akkorde vor, die Kollegen basteln einen Rhythmus drumherum. Vor großer Kulisse kommt derlei im durchgeplanten Pop-Geschäft selten vor - mutig.

Über "La-la-la-la-Leipzig" beginnen Clueso und Sinn zu improvisieren, was wenig originell sein mag, aber ankommt. Dann entdecken sie besagte Schuhe und haben ihr Thema. "Ich glaub ich spinn'" reimen sie, "in den Schuhen sind auch noch Socken drin". Das Publikum johlt. Und wird mit Udo Lindenbergs "Cello" belohnt. Den besten Showeffekt jedoch bewahrt sich das Ensemble für die Zugabe auf. Auf einmal trennt ein transparenter Vorhang die Band von den Gästen. Geometrische Figuren, die auf die vordere und hintere Leinwand projiziert werden, erschaffen zu "Out of Space" eine dreidimensionale Fantasiewelt, in deren Zentrum sich der leibhaftige Clueso windet - großartige Bilder.

Nach zweieinhalb Konzertstunden bleibt noch die Aufgabe, das barfüßige Mädchen ausfindig zu machen. "Es ist sehr kalt draußen, Mäus'schn", findet Clueso. Nachdem das erledigt ist, die meisten Besucher schon in ihre Mäntel geschlüpft sind, kehrt er noch mal zurück - für zart geschmachteten Ostrock und eine letzte Überraschung: "Wenn ein Mensch lebt" der Puhdys.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 09.12.2014
Mathias Wöbking

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