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Leipzig soll wieder „Courage zeigen“

Sebastian Krumbiegel im Interview Leipzig soll wieder „Courage zeigen“

Am Samstag sind die Leipziger wieder eingeladen, Courage zu zeigen: Künstler von Samy Deluxe bis zum Fuck Hornisschen Orchestra, von der Berliner Hiphopperin Sookee bis zum Wolke-4-Sänger Philipp Dittberner reichen sich die Mikros und die Stecker in die Hand, um anzumusizieren gegen Rassismus und Extremismus.

Sebastian Krumbiegel
 

Quelle: Kempner

Leipzig. Am Samstag sind die Leipziger wieder eingeladen, Courage zu zeigen: Künstler von Samy Deluxe bis zum Fuck Hornisschen Orchestra, von der Berliner Hiphopperin Sookee bis zum Wolke-4-Sänger Philipp Dittberner, von den Mannheimer Metallern von Beyond the Black bis zur Kieweer Reggae-Formation The VYO reichen sich die Mikros und die Stecker in die Hand, um anzumusizieren gegen Rassismus und Extremismus. Die künstlerischen Fäden laufen bei Sebastian Krumbiegel (49) zusammen, der „Courage zeigen“ seit 1997 ein Gesicht gibt. LVZ-Redakteuer Peter Korfmacher sprach mit ihm.

Seit 19 Jahren gibt es „Courage zeigen“, und es scheint nötiger als je. Man könnte daraus den Schluss ziehen, dass die vergangenen 18 Ausgaben wenig ausgerichtet haben. Ist Musik überhaupt geeignet, die Welt zu verbessern, zu verändern wenigstens?

Das glaube ich unbedingt. Musik und Kultur sind wichtig, um ein kulturvolles Leben zu verteidigen. Und das Fehlen von Kultur ist doch einer der Gründe für die Situation, in der wir uns befinden. Wir waren ja auch schon einmal weiter: In den frühen Nuller-Jahren haben mir viele Freunde gesagt, man könnte das doch jetzt lassen, Rechtsextremismus sei kein Problem mehr, Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda lange her. Dann kam der NSU zum Vorschein ...

Aber ganz nüchtern muss man doch feststellen, dass zu Festivals wie „Courage zeigen“ ohnehin vor allem die kommen, die von vornherein Ihrer Meinung sind.

Darum ist es so wichtig, dass wir vom Völkerschlachtdenkmal wieder auf den Markt zurückkehren können. Und darum bieten wir erstmals auch ein Vorprogramm für Familien und Kinder an. Wir wollen im Herzen der Stadt die Mitte der Gesellschaft ansprechen.

Weil viele aus Mitte nach rechts gerückt sind?

Ja. Ich singe in Leipzig ein Lied, das ich gerade geschrieben habe. Darin heißt es: „Mein rechter, rechter Platz, der ist schon lange nicht mehr leer“.

Trotzdem wollen Sie diese Mitte ansprechen?

Natürlich! Man kann nicht einfach sagen: Die sind ja alle bescheuert oder gleich Nazis. Wir dürfen niemandem die Tür vor der Nase zuschlagen, müssen gesprächsbereit bleiben, überzeugen.

Man hat nicht den Eindruck, dass viele besorgte Bürger noch zu überzeugen wären.

Das mag sein. Aber versuchen müssen wir es wenigstens. Ich weiß, dass ich mich mit dieser Position wieder zwischen alle Stühle setze, dem linksextremen Rand, an den mich viele gerne schieben, wieder zu bürgerlich vorkomme. Aber ich kann nicht anders. Ich sehe es als humanistische Aufgabe, keinen Menschen aufzugeben. Jeder hat das Recht, besorgt zu sein. Auch wenn es schwer ist, so diffusen Sorgen entgegenzutreten. Aber man muss diesen Leuten immer wieder sagen: Passt auf, hinter wem ihr da herlauft! Seht ihr das nicht? Mit vielen kann man, hoffe ich, nein: glaube ich, noch in einen demokratischen Diskurs treten. Denen rufe ich in meinem neuen Lied zu: „Mit Euch werde ich mich immer streiten.“ Ab einem bestimmten Punkt hört dann aber auch mein Verständnis auf.

Nämlich wo?

Wo Gewalt anfängt – Gewalt diskreditiert nur den, der sie anwendet. Und da, wo Leute, die sich Sorgen machen oder denen es vielleicht wirklich schlecht geht, ihren Frust an denen auslassen oder die für ihre Situation verantwortlich machen, denen es noch schlechter geht. Nach unten treten, finde ich niveaulos, feige, widerwärtig. Wir sollten zurück zum Geist von 1989. Da haben wir bewiesen, dass ohne Gewalt alles möglich ist.

Gewalt, das wird die Politik nicht müde zu betonen, gibt es auf beiden Seiten.

Und sie ist erstmal immer falsch. Wenn nun auch Linksextreme vor Privathäusern von – immerhin demokratisch gewählten – Politikern demonstrieren wollen, die ihnen nicht passen, dann geht das gar nicht. Das ist ein Rückfall in die politischen Umgangsformen der 20er. Und das Einwerfen von Fensterscheiben oder das Geschrei nach dem Abschaffen der Polizei ist auch weder Ausweis politischen Bewusstseins noch von großem Mut. Doch gibt es auch andere Szenarien.

Nämlich?

Wenn, wie in Sachsen schon einige Male geschehen, 20 Nazis vor einer Asylbewerberunterkunft stehen und Leute anzünden, also umbringen wollen, und die Polizei steht daneben ohne etwas zu unternehmen, dann bin ich froh, wenn jemand da ist, der, notfalls auch mit Gewalt, Nothilfe leistet – also Menschenleben rettet. Aber wenn man gegen Nazis ist, ist man noch lange nicht linksradikal. Im Gegenteil: Jeder bürgerliche Humanist sollte doch eigentlich gar nicht anders können, als gegen Nazis zu sein.

In Leipzig wird das Engagement gegen Rechts von der Stadtspitze mitgetragen. Oberbürgermeister Burkhard Jung ist der Schirmherr von „Courage zeigen“.

Ja, das finde ich großartig. Und ein Blick durch Sachsen zeigt ja, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Aber letztlich geht es eben auch darum, dass die Stadt sauber bleibt.

Oder wieder sauber wird?

Vielleicht ... es geht dabei nicht ums Image. Obwohl der Blick nach Dresden zeigt, wie das den Bach runter gehen kann. Wichtiger ist es, die liberale, tolerante Tradition Leipzigs zu verteidigen. Also eigentlich noch immer – oder wieder – um den Geist von 1989.

Samstag, 30. April, Marktplatz: Ab 14 Uhr Vorprogramm mit Der Reggeaehase Boooo & The Green Rain Jackets. Ab 16.30 Uhr: The Fuck Hornisschen Orchestra, The VYO, Gewinnerband Nachwuchswettbewerb, Sookee, Philipp Dittberner, Beyond the Black, Samy Deluxe.

Von Peter Korfmacher

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